Suche nach Liebe: Was uns wirklich bei der Partnerwahl steuert
Perfekter Partner: Wie Biologie, Sozialisation und Dating-Apps die Auswahl beeinflussen.
Am Valentinstag wirkt Liebe gern wie ein Naturereignis: Man begegnet sich, es funkt, der Rest schreibt sich quasi wie von selbst. Aber: Die Bühne hat sich drastisch verändert. Partnerwahl passiert heute häufiger als früher in einem System aus Optionen, Rankings, Vergleichsschleifen – und das nun sogar mit KI als unsichtbarer Mitautorin. Heißt: Menschen treffen Beziehungsentscheidungen in einem Umfeld, das ihre Psychologie anders triggert.
Unbewusste Muster
Die Konstante: Die Suche nach dem „perfekten“ Partner war und ist keine rein bewusste Entscheidung. Sie wird von Biologie, Sozialisation, Milieu, Bildung und Lebensphasen gelenkt. „Wir haben im Hintergrund eine Menge Steuerungsfaktoren, die mitlaufen und uns oft gar nicht bewusst sind“, sagt der deutsche Psychologe und Dating-Experte Guido F. Gebauer, Gründer der Partnerbörse Gleichklang. Frei seien Entscheidungen selten. „Es handelt sich meist um keine reflektierten Abwägungen, sondern automatisierte Mechanismen, die in Sekunden greifen.“ Partnerwahl folgt stabilen inneren Mustern.
Von zeitloser Schönheit ist etwa der Reiz der Attraktivität, speziell, wenn Männer nach der Richtigen suchen. „Sie achten stärker auf Jugendlichkeit und körperliche Merkmale“, sagt er, „Frauen vermehrt auf Reife, Status und Sicherheit.“ Klingt nach Klischee, lässt sich laut Gebauer aber evolutionsbiologisch erklären, mit Blick auf frühere Anforderungen an Fortpflanzung, Schwangerschaft und Versorgung.
Fix ist trotzdem nix: „Attraktivität ist kein Naturgesetz, sondern erlernt. Bedeutet: Was als schön empfunden wird, ist kulturell geprägt und daher variabel.“ Der Psychologe verweist auf Studien aus Nicaragua, in denen sich männliche Präferenzen innerhalb weniger Jahre deutlich verschoben haben, nachdem das Fernsehen eingeführt wurde. Und trotzdem steuern Attraktivitätsmerkmale das Verhalten, vor allem in einem geänderten „Kennenlern-Umfeld“. Heißt: „Wir schauen hin oder klicken weg, oft ohne genau zu merken, warum“, sagt Gebauer.
Erstaunlicher Aspekt: „Attraktivität lenkt zwar ad hoc die Aufmerksamkeit, sagt aber wenig darüber aus, ob eine Beziehung langfristig tragfähig ist. Studien würden zeigen, dass Menschen mit Partner, die ihrem Idealbild nicht entsprechen, nicht unglücklicher sind als andere.“
Bildung als „Match“
Partnerpräferenzen ändern sich aber auch durch gesellschaftliche Veränderungen. Eine Analyse von Marcel Zentner von der Universität Innsbruck sowie von Alice Eagly von der Northwestern University zeigt, dass Männer mit der zunehmenden Gleichstellung von Frauen Intelligenz und Bildung bei der Partnersuche stärker gewichten als äußere Attraktivität.
Bildung zählt sowieso zu den stabilsten Partnerwahl-Kriterien. Sie bündelt Einkommen, Lebensstil, Werte und Zukunftsvorstellungen. Eine große Meta-Analyse von Tanya Horwitz, University of Colorado, zeigt hier, dass Paare sich im Bildungsniveau stärker ähneln als in Persönlichkeitsmerkmalen.
Das bestätigte auch der „Generations- and Gender Survey“ der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien (siehe unten). Er ergab, dass rund 60 Prozent der Paare einen sehr ähnlichen Bildungsstand haben.
Gleich und gleich ...
Das Thema „Alter“ folgt diesem Muster ebenfalls. Zwar schreiben – vor allem online – viele Männer deutlich jüngere Frauen an. In realen Beziehungen bleiben große Altersunterschiede jedoch selten. Bindung entsteht häufiger zwischen Menschen, die sich in ähnlichen Lebensphasen befinden und vergleichbare Alltagsrealitäten teilen.
Neu ist dieses Wissen nicht, doch das Umfeld, in dem Entscheidungen fallen, ist es. Heute entsteht zirka jede zweite Beziehung zumindest teilweise online. Dating-Apps beschleunigen die Auswahl und verstärken Oberflächenreize. Nicht nur: Sie vermitteln ein „Alles-ist-möglich“-Gefühl. Und das prägt die Suche nach der Liebe maßgeblich.
Apps wirken wie ein Verstärker unbewusster Muster, Entscheidungen werden in Sekundenbruchteilen getroffen, meist auf Basis von Fotos – Aussehen punktet. Sie funktionieren nach einer spielähnlichen Struktur mit schnellen Belohnungen und ständig neuen Reizen. „Die Systeme sind so gebaut, dass man immer weitermacht“, sagt Gebauer. Das führt dazu, dass viele Nutzerinnen und Nutzer weiter suchen, weiter vergleichen und „gamen“, statt sich auf eine entstehende Beziehung zu fokussieren.
„Man sammelt Matches, schreibt aber kaum und hofft, dass noch was Besseres kommt. Wenn man damit nicht aufhört, kann sich keine Verbindung entwickeln.“ Je stärker die Partnersuche so organisiert ist, desto häufiger tritt Erschöpfung auf: ein Phänomen, das „Dating-Burnout“ genannt wird. Gebauer beobachtet vor allem eines: „Viele Beziehungen scheitern nicht an mangelnder Auswahl, sondern daran, dass Menschen einfach nicht aufhören, zu suchen.“ Damit sich Beziehung entwickeln kann, braucht es allerdings einen gewissen Fokus und der gehe im ständigen Vergleich leicht verloren.
Zurück zum Valentinstag: Zwischen Blumen, Herzchen und Schokolade feiern wir Liebe gern im Hollywood-Stil: Zwei Menschen und es macht – Zoom! Die Realität der Partnersuche ist längst um vieles komplexer. Ist das Suchen und Finden unter diesen Bedingungen noch romantisch? Ja. Aber nur dann, wenn man den Mut hat, aus der ewigen Suche, dem ständigen Weiterwischen, auszusteigen, um sich auf einen Menschen einzulassen.
Wussten Sie, dass...
- .… der Ort, an dem Paare sich kennenlernen, stark von Bildungsniveau und Geburtsjahr abhängt? Hochgebildete der 1960er-Jahrgänge trafen ihre ersten Partner meist während der Ausbildung oder am Arbeitsplatz, Menschen mit niedrigerer Bildung häufiger in Bars oder Clubs. Heute hat sich das verschoben: In allen Bildungsgruppen ist das Internet – meist Dating-Apps – der wichtigste neue Kennenlernort.
- … Online-Dating frühere Kennenlernorte teilweise ersetzt – aber nicht den Freundeskreis? Apps haben öffentliche Orte, Arbeit und Ausbildung als Treffpunkte deutlich zurückgedrängt. Das private Umfeld bleibt jedoch stabil: Über Freunde und private Kontakte finden sich Paare weiterhin quer durch alle Generationen und Bildungsgruppen.
- … sich Paare in Österreich deutlich ähnlicher sind, als der Mythos von den Gegensätzen vermuten lässt? Fast jede zweite Partnerschaft besteht aus zwei Personen mit dem gleichen Bildungsniveau, bei groberer Einteilung sogar knapp zwei Drittel.
- … die meisten Paare altersmäßig nahe beieinander liegen? Bei rund 70 Prozent beträgt der Altersunterschied weniger als fünf Jahre, bei fast einem Drittel sogar höchstens ein Jahr. Größere Altersunterschiede finden sich häufiger bei Paaren mit niedrigerem Bildungsniveau.
- … Herkunft ebenfalls eine Rolle spielt – aber differenziert? Bei 70 Prozent der Paare sind beide Partner in Österreich geboren. Auffällig: Heterosexuelle Paare, bei denen nur eine Person in Österreich geboren wurde, sind im Schnitt höher gebildet. Der Altersunterschied ist größer, wenn nur der Mann im Ausland geboren wurde.
Quelle: „Generations and Gender Programme, Familien in Österreich“, 2023, Universität Wien in Kooperation mit dem Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Salzburg.
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