Eine stilisierte Darstellung eines Mannes, der eine Frau auf die Stirn küsst.

Psychologie: Was der „innere Kameramann“ beim Sex anrichtet

Im Bett sind wir oft zu dritt. Das (kritische) Publikum im eigenen Kopf bewertet Winkel, Bauch, Performance.

Dass sich Menschen beim Sex auch immer wieder von außen betrachten, ist keine Erfindung von Instagram. Das wäre historisch unsauber. Frauen kennen diesen Blick schon lange: diesen inneren Kameramann, der während des Schnackselns prüft, ob der Bauch jetzt wirklich so sein muss. Früher kamen die Vorgaben dazu aus Magazinen, Fashion Shows und aus einer Kultur, die Perfektion versprach und die Schwerkraft verschwieg. Neu ist also nicht der Blick von außen, sondern seine Omnipräsenz, Stichwort: Social Media. Wer heute täglich Bilder von sich auswählt, löscht, filtert und optimiert, lernt ratzfatz Folgendes: sich selbst wie ein Objekt zu behandeln, das optimal wirken soll. Diese Fähigkeit nimmt man mit. Auch ins Bett.

Das ist inzwischen gut erforscht. Eine internationale Studie aus dem Jahr 2025 mit jungen Erwachsenen aus den USA, Großbritannien, Kanada und Australien untersuchte die sogenannte „Appearance-Related Social Media Consciousness“ – also wie stark Menschen im Alltag ihr Aussehen für ein reales oder imaginiertes Online-Publikum mitdenken. Das Ergebnis, vereinfacht gesagt: Je ausgeprägter dieses innere Publikum ist, desto häufiger beobachten sich Menschen auch beim Sex selbst von außen. Sie achten auf allerlei: Problemzonen, Positionen, Blickwinkel. Und sind dann gedanklich weniger im Körper. Stattdessen: der verinnerlichte Blick, als eine Art Selbstüberwachung beim Koitus. Ungünstig. Denn das hängt mit geringerer sexueller Durchsetzungsfähigkeit zusammen.

Menschen, die stark mit ihrem Aussehen beschäftigt sind, sagen seltener klar, was sie wollen oder eben nicht wollen. Nicht, weil sie es nicht wüssten. Sondern, weil Aufmerksamkeit keine Mehrspurautobahn ist. Wer performt, spürt schlechter. Und wer schlecht spürt, kann weniger sagen, was er gerade braucht.

Und – bäm! – meldet sich der innere Kritiker zu Wort. Er fragt nicht: Wie fühlt sich das an? Sondern: Wie mache ich mich dabei, wie wirke ich? Das ist kein individuelles Defizit, sondern das Ergebnis kulturellen Trainings.

Die Frage aller Fragen: Wie sehe ich aus?

Sex kann in zwei verschiedenen Modi stattfinden: im erlebenden oder im betrachtenden. Im erlebenden ist man im Körper. Aufmerksamkeit fließt nach innen: Man spürt Berührung, Wärme, Lust, Grenzen. Der betrachtende Modus funktioniert anders: Hier tritt man innerlich einen Schritt zurück und sieht sich selbst. Und – bäm! – meldet sich der innere Kritiker zu Wort. Er fragt nicht: Wie fühlt sich das an? Sondern: Wie mache ich mich dabei, wie wirke ich? Das ist kein individuelles Defizit, sondern das Ergebnis kulturellen Trainings.

Die Psychotherapeutin Susie Orbach beschrieb schon vor Jahrzehnten, wie insbesondere Frauen lernen, ihren Körper aus einer äußeren, bewertenden Perspektive wahrzunehmen. Social Media hat diesen Mechanismus nicht erfunden, aber perfektioniert. Wer beim Sex „mitstreamt“, checkt im Kopf Licht, Winkel oder Bauchhaltung, als wäre man gleichzeitig Darsteller und Kamerateam. Dann stellen sich Fragen hinsichtlich Aussehen, das Fühlen bleibt auf der Strecke. Wer hier innerlich nickt: alles gut. Das erleben viele so. Die schöne Nachricht: Man kann damit auch aufhören. Sexuelle Freiheit beginnt nämlich nicht mit neuen Techniken, sondern mit einem Moduswechsel – vom Betrachten zurück ins Erleben.

Das erste Mal

Jugendliche erleben ihren ersten Sex heute später, meist in einer Beziehung und fast immer mit Verhütung – das zeigt eine große deutsche Umfrage 2025 des Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (nur 23 Prozent der 16-Jährigen sind sexuell aktiv; 2019: 34 Prozent). Internationale Vergleiche legen nahe, dass diese Entwicklung auch für Österreich gilt: mehr Zurückhaltung, mehr Sicherheitsbedürfnis, mehr Selbstbestimmung.   

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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