Frau und Mann beim Geschlechtsverkehr.

Pornos schauen: Auf diesen einen Faktor kommt es an

Eine aktuelle Studie zeigt: Entscheidend ist nicht, wie oft wir Pornos konsumieren, sondern warum.

Pornos gelten als das Junkfood der Sexualität: schnell verfügbar, moralisch umstritten und angeblich verantwortlich für so ziemlich alles, was im Schlafzimmer schiefgeht. Wer sie schaut, so das kulturelle Bauchgefühl, rutscht früher oder später unweigerlich in Einsamkeit, Erektionsprobleme, Beziehungsfrust. Punkt. Fall abgeschlossen. Oder doch nicht?

Neue Forschungsergebnisse aus dem „International Journal of Sexual Health“ rücken das Bild ein wenig zurecht: Nicht die Menge an Pornos scheint entscheidend zu sein, sondern das Motiv. Die Forschenden rund um den Psychologen Norbert Meskó (Universität Pécs) haben knapp 900 Erwachsene befragt und zwei deutlich unterschiedliche Nutzungsprofile gefunden. Profil eins: Menschen, die Pornos aus Neugier, Lust oder Fantasie schauen. Diese Gruppe konsumiert häufig, zeigt aber keine problematischen Effekte. Im Gegenteil. Ihre Sexualität wirkt lebendig, reguliert, beziehungsfähig. Pornos dienen eher als Spielwiese denn als Fluchtort. Profil zwei? Weniger vergnüglich. Hier wird Pornografie genutzt, um Stress zu dämpfen, Leere zu übertönen oder unangenehme Gefühle zu vermeiden. Hier tauchen jene Effekte auf, vor denen seit Jahren gewarnt wird: Kontrollverlust, Scham, emotionale Distanz, Rückzug aus der realen Intimität. Nicht der Bildschirm ist das Problem, sondern das, wovor er schützt. 

Pornografie ist also weder per se toxisch noch harmlos wie Kamillentee. Sie wirkt kontextabhängig. Für manche ist sie Teil der sexuellen Selbstentdeckung, Fantasiequelle oder gelegentliches Ventil. Für andere wird sie zur emotionalen Krücke, wenn Nähe, Regulation oder Selbstkontakt fehlen.

Weder toxisch, noch harmlos

Das passt gut zu dem, was aus anderen Studien längst bekannt ist. Exzessiver, zwanghafter Konsum kann mit Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns einhergehen, ähnlich wie bei anderen Verhaltenssüchten. Die häufigen Folgen: Angst, Schuldgefühle, depressive Symptome. Er kann Beziehungen belasten, Erwartungen verzerren und im Extremfall sexuelle Funktionsstörungen begünstigen.

Aber: Das alles passiert nicht automatisch und schon gar nicht bei allen Menschen. Differenzierung ist angesagt und wichtig. Pornografie ist also weder per se toxisch noch harmlos wie Kamillentee. Sie wirkt kontextabhängig. Für manche ist sie Teil der sexuellen Selbstentdeckung, Fantasiequelle oder gelegentliches Ventil. Für andere wird sie zur emotionalen Krücke, wenn Nähe, Regulation oder Selbstkontakt fehlen.

Ein weiterer spannender Befund der neuen Studie: Wer Pornos nutzt, um Gefühle zu regulieren, greift oft auch in der Partnerschaft auf Sex als Bewältigungsstrategie zurück. Nicht aus Lust, sondern aus Not. Häufiger Pornokonsum ist also kein automatisches Alarmsignal. Problematisch wird es nur dort, wo er sich verselbstständigt, die Kontrolle verloren geht oder reale Beziehungen ersetzt statt ergänzt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wie oft schaust du Pornos? Sondern: Was suchst du dort eigentlich? Anders ist das bei Jugendlichen. Für sie können Pornos zur frühen, ungefilterten „Aufklärung“ werden, oft lange bevor Sprache, Reife oder Einordnung vorhanden sind. Heikel, denn so entstehen verzerrte Bilder von Körper, Lust und Konsens. Hier braucht es Erwachsene und Infos, die klar signalisieren: Pornos sind Inszenierungen und auch keine Gebrauchsanweisung fürs echte Leben.

Weibliche Kunst

„Cliteracy“ ist ein Kunst- und Aufklärungsprojekt der US-Künstlerin Sophia Wallace. Im Zentrum steht die Sichtbarkeit der Klitoris und die weibliche sexuelle Selbstbestimmung. Der Begriff verbindet clitoris und literacy –also Wissen über Lust als Grundkompetenz. Neben Installationen gibt es auf yescliteracy.com auch ansprechenden Schmuck, Kunstwerke und Prints. Aufklärung zum Tragen und eine ansprechende Aufforderung zum Weiterdenken.

Gabriele Kuhn

Über Gabriele Kuhn

Seit 1995 an Bord des KURIER - erst 14 aufregende Jahre lang als Ressorleiter-Stv. im Freizeit-Magazin, dann als Leiterin des Ressorts Lebensart. Seit 2017 Autorin. Kolumnistin. Interessens- und Know-How-Schwerpunkte: Medizin, Lifestyle, Gesundheit. Und Erotik. Die ironische Kolumne "Sex in der Freizeit" gibt es seit 2002. Damit's nicht fad wird, schreibe ich seit Anfang 2012 die Paar-Kolumne "Paaradox" gemeinsam mit Ehemann und Journalist Michael Hufnagl. 2014 wurde Paaradox zum Lesekabarett - mit Auftritten im Rabenhof und auf vielen Bühnen Ostösterreichs.

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