Fremdverliebt: Wie werde ich diese Gefühle los?
Zwei Expertinnen erklären, ab wann eine Fremdverliebtheit Anlass zur Sorge gibt und welche Wege helfen, damit umzugehen.
Wenn die Tage länger und sonniger werden, kehren Frühlingsgefühle ein – und mit ihnen die Lust, sich neu zu verlieben. Das betrifft nicht nur Singles, sondern auch jene, die in langjährigen, vermeintlich glücklichen Beziehungen sind. Das kommt „häufiger vor, als man annehmen würde. Über dieses tabuisierte Phänomen wird jedoch selten offen gesprochen“, sagt Psychotherapeutin Sarah Rubenthaler. Auch Psychologin Ida Raheb-Moranjkic stellt klar: „Verknalltheit oder eine naive Verliebtheit ist normal.“
Warum sich Menschen fremdverlieben
Zu einer Fremdverliebtheit kommt es meist, wenn innerhalb der Beziehung Bedürfnisse nicht gesehen oder erfüllt werden. Dazu gehören etwa das Gefühl fehlender Wertschätzung, ein Mangel an emotionaler Nähe, eine als unbefriedigend erlebte Sexualität, jahrelange Reibereien, ein dauerhaft empfundenes Ungleichgewicht oder auch die persönliche Weiterentwicklung der Partner in unterschiedliche Richtungen.
Oft verschlingt der Alltag mit seinen zahlreichen Anforderungen die Intimität des Paares – Distanz schleicht sich ein. „Ein regelrechter ‚Verliebtheitshormonrausch‘ entsteht, der ähnlich wie eine Droge wirkt. Der Reiz des Neuen und Unbekannten erscheint unwiderstehlich“, sagt Rubenthaler.
Die Folge: Diese neuen Gefühle und das Unbekannte aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn stärker als die vertraute Beziehung daheim. Im Laufe der Jahre entwickeln sich Paare oft in ihren Werten, Zielen und Bedürfnissen auseinander, weiß die Expertin. Die Verliebtheit lasse sich als hilfreiches Signal begreifen, die eigene Beziehung zu reflektieren und sich zu fragen: Was fehlt mir? Welche Veränderungen wären möglich? Neigt sich die Beziehung dem Ende zu?
Aber wie wird man diese Verliebtheitsgefühle los? Raheb-Moranjkic empfiehlt, bestimmte Situationen gedanklich durchzuspielen und sich zu fragen, wie der Alltag mit dem potenziellen, neuen Partner tatsächlich aussehen würde. Auf diese Weise lässt sich die anfängliche Verliebtheit aus der idealisierten Vorstellung herauslösen und realistischer einschätzen.
Was auch helfen kann: Die eigene Beziehung beim Gespräch mit dem Schwarm häufig subtil zu erwähnen. „Flirts verlieren an Dynamik, wenn sie nicht ‚gefüttert‘ werden“, erklärt Rubenthaler. Sie rät zudem ab, exklusive Zeit zu zweit zu verbringen.
Raheb-Moranjkic hingegen sieht das etwas anders: Einmal mit dem Schwarm gemeinsam einen Kaffee trinken oder auf einen Drink zu gehen, findet sie nicht bedenklich. In ihren Beratungen sei das nie das eigentliche Problem für den Partner gewesen, sagt sie.
Sie sieht es eher als Warnzeichen, wenn emotionale Themen mit der anderen Person geteilt werden, nicht aber mit dem eigenen Partner: „Dann sind wir weg vom Verknalltsein. Man entfremdet sich immer mehr vom eigenen Partner.“ Laut ihren Beobachtungen beschäftigen sich Frauen oft lange nur gedanklich mit einer Verknalltheit, bevor etwas passiert, während Männer weniger reflektieren und schneller fremdgehen.
Soll ich es dem Partner erzählen oder lieber schweigen?
Ob man dem Partner von der Schwärmerei erzählen sollte, hängt davon ab, wie ernst diese Gefühle sind. „Bleibt es bei einem Gefühl, habe ich mich im Griff und halte Abstand zur begehrten Person, kann es sinnvoll sein, dies als Impuls zur Reflexion der eigenen Beziehung zu nutzen – ohne den Partner damit zu belasten“, erklärt Rubenthaler. Ein solches Geständnis könnte den Partner unnötig verletzen oder verunsichern. Wenn jedoch konkrete Handlungen folgen, die die Beziehung gefährden, sollte offen über die Situation gesprochen werden.
Am Ende geht es weniger darum, Gefühle zu kontrollieren, als bewusst mit ihnen umzugehen. Fremdverliebtheit ist kein Beweis für das Scheitern einer Beziehung, sondern ein Hinweis darauf, genauer hinzusehen.
Fakten
Laut einer Umfrage von Elitepartner (1.510 Österreicher zwischen 18 und 75 Jahren) war mehr als die Hälfte der Befragten während einer Beziehung schon einmal in eine anderen Person verknallt. Für 35 Prozent war es nur eine unbedeutende Schwärmerei, während 14 Prozent durch die Fremdverliebtheit zur Erkenntnis kamen, dass sie die Beziehung nicht mehr weiterführen wollen. Weitere 13 Prozent empfanden den Crush als belebenden Impuls für ihre Partnerschaft.
38 % der Österreicher haben ihre Schwärmerei vor dem Partner geheimgehalten.
Beziehungsprobe
Vier von zehn Österreichern sehen eine Schwärmerei als eine schwere Beziehungsprobe: Frauen (42 %) mehr als Männer (33 %). Für jeden dritten
Österreicher ist das laut Elitepartner-Umfrage ein Zeichen dafür, dass etwas in der Beziehung nicht mehr stimmt.
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