Wohnen 07.03.2018

Zeichen der Zeit

Reaktor, Gschwandner, Kino, Saal, Theater, Bernhard Kammel © Bild: REAKTOR

Das Etablissement Gschwandner im 17. Wiener Bezirk eröffnete mit neuem Namen und altem Charme. Im REAKTOR sind die Spuren der Zeit, die das Gebäude seit den 1870er-Jahren erlebt hat, deutlich zu sehen – Wasserflecken, vergilbte Wandfarbe und bröckelnder Putz rücken in einen neuen Blickwinkel.

"Ich wollte keine zusätzlichen Verletzungen zuführen und die Wunden habe ich geheilt." Bernhard Kammel spricht von Gebäuden wie Ärzte von Patienten. Er sei leidenschaftlicher Architekt, baue aber selbst fast nichts. Stattdessen breche er in Entzücken aus, wenn er vor halbverfallenen Häusern steht. Dieses Gefühl überkam Kammel auch, als er das Etablissement Gschwandner im 17. Wiener Bezirk sah.

"Ich habe die Räumlichkeiten als Mieter reservieren lassen, mit dem Gefühl sie als Eigentümer zu nutzen", erzählt er. Der 55-Jährige ist auch Regisseur und drehte dort Teile seines Films Elysium Hernalsiense. Bereits während der Vorbereitungszeit habe er alle vernünftigen Einwände beiseitegeschoben und das Haus gekauft. Schlussendlich wurde der Film nicht nur dort gedreht, sondern auch die Österreichpremiere im auf REAKTOR umbenannten Gebäude gefeiert.

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Gschwandner, Reaktor, Hernals, Kunst, Kultur, Kino, Renovierung © Bild: REAKTOR

Den dafür benötigten Kinosaal sanierte er aus einem der drei großen Säle. Kammels Ansatz war eigenwillig, ging aber auf. Denn er restaurierte das gesamte Gebäude mit der selbst definierten Vorgabe, das Etablissement Gschwandner so aussehen zu lassen, wie er es 2016 vorgefunden hat. Damals war das ab den 1870ern erbaute Haus von den Spuren der Zeit geprägt.

Aus Neu mach Alt

Der Verputz bröckelte von der Decke, die Wandfarbe war nicht mehr vorhanden und an vielen Stellen von Wasserschäden geprägt. Nichts erinnerte mehr an den einst belebten Heurigen, der 1960 schloss. Seither diente das Haus als Lagerraum und geriet in Vergessenheit – bis sich die Türen am 16. Februar 2018 wieder öffneten.

An diesem Tag erstrahlte der REAKTOR aber nicht in neuem, sondern in altem, vergilbten und fleckigem Glanz.Grauer Betonboden, dessen Struktur durch ein darüber gegossenes Wasserglas zu sehen ist. Darauf stehen 100 Kinosessel aus den 50ern. Damit kein Lichtstrahl beim Filmschauen stört, hängen über Türen und Fenstern graue Stoffe. Die große Leinwand ragt strahlend weiß als einziges Kennzeichen der Gegenwart von der Wand. Rundherum Wasserflecken und abblätternde Farbe.Tatsächlich heruntergekommensind die Wände aber weder im Kino noch im großen Saal oder der Bibliothek.

Wo die Vergangenheit im REAKTOR nach der Sanierung nicht mehr zu sehen war, wurde sie illusioniert. "Der alte Bestand infiziert den neuen", erklärt Anna Resch den umgekehrten Sanierungsprozess. Sie ist mit Sebastian Jobst und Bernhard Kammel für die künstlerische Leitung und das Management im REAKTOR verantwortlich und hat die Entwicklung des Bespielungskonzepts im REAKTOR von Beginn an begleitet. Elektrik, Heizung und Lüftungstechnik sind im Boden versteckt.

Für die Absaugung der Abluft werden bestehende, historische Öffnungen verwendet und mit den historischen Kreuzgitter zugedeckt", so Resch.Damit das Neue alt aussieht, investierte Kammel zwei Millionen Euro und schützte die Bausubstanz mehr, als vom Bundesdenkmalamt verlangt. Neue Wände wurden mit K.u.K-Ziegeln und Kalkmörtel aufgezogen. Außerdem sind sie mit 35 cm statt 50 cm schmäler gebaut – ebenfalls ein Zeichen der Vergangenheit. Für den Anstrich engagierte er insgesamt fünf Bühnenmaler. Sie verwendeten Leimfarbe. "Dadurch konnten wir sicherstellen, dass die Wandstruktur unter der Farbe nicht beschädigt wird", erklärt er. Damit der neue Anstrich zu den alten Wänden passt, musste er teilweise wieder abgekratzt und mit dem Bunsenbrenner bearbeitet werden. Künstlich entstanden so Wasserflecken, Gebrauchsspuren und dunkle Verfärbungen.

Raum für Kunst

Von einem Kunstort wie dem REAKTOR hat Bernhard Kammel schon sehr lange geträumt. "Ich habe mir auf mehreren Ebenen Wünsche erfüllt", erzählt der 55-Jährige. Er habe große Freude gehabt das Projekt als Architekt zu realisieren und war seit längerem auf der Suche nach einem speziellen Objekt, der Raum für Kunst und Kunstschaffende bietet.

Bernhard Kammel, Reaktor, Gschwandner, Hernals, Ku…
Bernhard Kammel, Reaktor, Gschwandner, Hernals, Kunst, Kultur, Kino © Bild: REAKTOR

Neben seinem eigenen Film, zeigten auch die Studenten der Kunsthochschule Kassel Projekte und die Wiener Symphoniker spielten bereits Anfang Februar ein Konzert für 330 Musikliebhaber im großen Saal. "Der Konzertabend machte die Energie des ehemaligen Ballsaals wieder spürbar", erzählt Resch. Konzerte seien aber eher im Kinosaal und der Bibliothek geplant, da diese schalldicht gedämmt sind.

Der REAKTOR bietet ein Eigenprogramm, steht aber auch zur Vermietung und für Kunst- und Kulturkooperationen bereit. "Ich hatte den Traum, einen Ort zu schaffen, an dem Künstler und Publikum kommunizieren können", so Kammel. Mit dem REAKTOR sei er wahr geworden.

( kurier.at , jb ) Erstellt am 07.03.2018