Wohnen
05.03.2012

Umjubelter Charme der Fünfzigerjahre

Der Fotograf Stefan Oláh hat der österreichischen Architektur aus dieser Zeit einen großartigen Bildband gewidmet.

Wenn der Bagger kommt, kann ich nichts mehr machen", sagt Stefan Oláh. Irgendetwas habe ihn dazu getrieben, sagt er, Gebäude wie den Südbahnhof oder das 20er-Haus zu dokumentieren, vor dem endgültigen Abriss hinzugehen und auf den Auslöser seiner veralteten (weil analogen) Großformatkamera zu drücken.

Stefan Oláh ist Fotograf. Er porträtiert heimische Prominente, darunter vor allem Schauspieler und Filmemacher, er macht Werbejobs, er rückt Landschaften, Architektur und Design ins Bild. Zuletzt erschien ein Buch von ihm über Wiener Tankstellen (IMMO berichtete).

Den alten Südbahnhof gibt es inzwischen nicht mehr. Was geblieben ist, sind Oláhs unverwechselbare Ansichten einer Welt von gestern, die einst urbanen Fortschritt, Zukunft und Modernität versprach. Weil viele Betrachter meinten, dass diese Zeitdokumente etwas ganz Besonderes seien, machte der gebürtige Wiener weiter. Das Gartenbaukino, die Kammerspiele und die Nationalbank in Linz, das Paracelsusbad Salzburg und das Passionsspielhaus Erl kamen hinzu – übrigens allesamt noch in ihrer ursprünglichen Form in Betrieb.

Irgendwann war klar, dass das Ganze ein Buch werden sollte. "Dabei bin ich gar nicht so retroverliebt oder ein so großer Fan dieser speziellen Zeit", sagt Oláh. "Allerdings finde ich die 1950er-Jahre extrem fotogen." Wie fotogen diese Epoche ist, beweist nun sein Bildband Österreichische Architektur der Fünfzigerjahre (Verlag Anton Pustet).

Sechzehn Standorte

Sechzehn Standorte sind darin abgebildet, die meisten davon waren bisher in unseren Köpfen präsent als etwas, das einfach da ist, aber keine weitere Beachtung verdient. Wer, außer ein paar Designfreaks, mag das schon – man liebt Barock und Jugendstil, aber Gebäude aus den Fünfzigerjahren? Man setzt sich ins Gartenbaukino und wundert sich höchstens über die Großzügigkeit des Raumes, man legt sich ins Strandbad Gänsehäufel und mag vielleicht irgendwie diese unaufdringlichen Betonformen, aber das war es dann auch schon. Und jetzt plötzlich sieht man anhand dieses Bildbandes vieles davon mit neuen Augen, erinnert sich vielleicht an seine Kindheit oder an die heile Welt der Filme aus jener Zeit.

Natürlich stimmen die Bilder nostalgisch, auch wenn die Fotografien bewusst ungeschönt sind und nicht durch Lichtsetzung und nachträgliche Computerbearbeitung aufgehübscht wurden. Was hat Oláh selbst daran fasziniert? "Es ist einfach toll, zu sehen, mit welcher Präzision im Detail damals gearbeitet wurde. Und ich mag die Großzügigkeit der räumlichen Dimension, die besondere Lichtführung."

Viele Projekte von damals waren ja als mit Tageslicht durchflutete Entwürfe angelegt. Das kann man heute noch im Kraftwerk Imst oder im Wien Museum bewundern. Dort, wo es nicht funktioniert hat, sprach man gerne von hässlicher oder ungelungener Architektur. Dabei lag das nach Ansicht von Oláh vor allem an einer lieblosen Pflege: "Der alte Südbahnhof hatte ja eine Glasdecke, die leider zu wenig geputzt wurde. Auch die oberen Seitenwände waren durchscheinend, nur leider hängte man Werbeflächen davor. So wirkte dann natürlich alles unfreundlich und finster."

Überraschung

Das Parlament am Wiener Ring zählt bei näherer Betrachtung der Bilder wahrscheinlich zu den größten Überraschungen: Tausendfach hat man es im Fernsehen gesehen, allerdings immer nur aus ein- und derselben (relativ uninteressanten) Perspektive. Stefan Oláh hat sich mehrere Tage lang Zeit genommen und das Gebäude so erfasst, wie das noch nie jemand vor ihm tat. Es wurde sein Lieblingsprojekt: "Ich mag es, weil es mit seinen vielen Achsen, Ebenen und Wegen einfach so unglaublich viel kann."

Lange ist schon beschlossen, dass das Parlament irgendwann generalsaniert werden muss – die Architektur im Inneren fand dabei bisher niemand besonders erhaltenswert. "Es ist zu befürchten, dass bei einer Renovierung genau das Falsche geopfert wird", sagt der Fotograf. Eine Sanierung in so großem Stil ist natürlich immer auch ein Politikum, viel Geld ist im Spiel. Eine Studie der Renovierungsklasse der Universität für Angewandte Kunst kam zu dem Schluss, dass das Haus mit vergleichbar geringen Mitteln auf den neuesten Stand gebracht werden und seine besondere Architektur dabei erhalten werden könnte.

Ob das die Verantwortlichen auch so sehen werden? Die amerikanische TV-Serie Mad Men feiert weltweit Erfolge, vor allem auch aufgrund ihres besonderen Retro-Designs. Nur hierzulande wissen viele noch nichts mit dieser unverwechselbaren Ästhetik anzufangen. – Immerhin wurden Stefan Oláhs berückende Bilder vom Parlament jetzt auch schon in Schulbücher aufgenommen. "Das ist doch schon ein Erfolg."

BUCHTIPP

Stefan Oláh: "Österreichische Architektur der Fünfzigerjahre"
In einem Spezialverfahren gedruckter Bildband mit sensationellen Fotos von Gartenbaukino,
Gänsehäufel, Parlament, u. v. m.
Verlag Anton Pustet, € 29,–