Statik: Aus dem Bauch heraus

Vergangene Woche stürzte dieses Haus in der Ottakringer<br />
Hasnerstraße teilweise ein – in Wien ist das der vierte derartige Zwischenfall in diesem Jahr.
Foto: KURIER/ Gnedt

Warum stürzen Häuser ein? Walter Brusatti, Statiker und Experte für Gebäude aus der Gründerzeit, über notwendiges Wissen und die richtigen Maßnahmen.

In diesem Sommer häufen sich die schweren Zwischenfälle auf Wiener Baustellen: Ende Juli stürzte eine ganze Hälfte eines zweistöckigen Wohnhauses in der Penzinger Kendlerstraße ein, wenig später brach in der Ottakringer Hasnerstraße ein Teil eines Stiegenhauses weg, einige Nachbarn konnten nur knapp entkommen.
IMMO sprach mit dem Statiker Walter Brusatti über die möglichen Ursachen und notwendige Sicherheitsmaßnahmen.

Herr Brusatti, müssen wir in Zukunft mit dem Schlimmsten rechnen, weil es ein Ablaufdatum für Gründerzeithäuser gibt?
Walter Brusatti: Nein, natürlich nicht. In ganz Wien stehen 36.000 Gründerzeithäuser, die meisten von ihnen sind in tadellosem Zustand. Wer dort wohnt, kann sich glücklich schätzen, denn er wohnt unter besten klimatischen Bedingungen.
Die jüngsten Ereignisse sind nicht auf die 100 Jahre alte Mauern, sondern auf Fehler der Bauführung und der betreuenden Ingenieure zurückzuführen - wobei es letztere vor Ort manchmal ja tragischwerweise gar nicht mehr gibt.

Was muss Ihrer Meinung nach getan werden, um solche Fälle in Zukunft zu verhindern?
Der gute Ingenieur erkennt ein Haus aus dem Bauch heraus. Das bedeutet, dass er ein Gebäude nicht nur berechnen, sondern auch begreifen, ertasten und vieles vor Ort erkennen kann. Der reine Rechenknecht genügt hier nicht.
Man muss aufpassen, dass dieses Wissen nicht verloren geht. Einige Kollegen und ich bemühen uns sehr, das in Seminaren auf der Technischen Universität zu vermitteln. Aber konstruktive Denkweisen und bauphysikalische Problemlösungskapazitäten gehören in den fixen Lehrplan von Fachhochschulen und Universitäten aufgenommen.

Vergangene Woche stürzte dieses Haus in der Ottakringer<br />
Hasnerstraße teilweise ein – in Wien ist das der vierte derartige Zwischenfall in diesem Jahr. Foto: KURIER/ Gnedt Vergangene Woche stürzte dieses Haus in der Ottakringer
Hasnerstraße teilweise ein – in Wien ist das der vierte derartige Zwischenfall in diesem Jahr.

Wird man außerdem strengere Regeln auf Baustellen brauchen?
An dieser Stelle muss man betonen: Ein Großteil der österreichischen Baufirmen arbeitet hochprofessionell und gut. Es sind einzelne schwarze Schafe, die die Branche immer wieder völlig zu Unrecht in Misskredit bringen.
Die jüngsten Schnellschüsse der Baubehörde waren da sicher gut,
aber eine Dauerlösung sieht anders aus: In Zukunft wird man Häuser vor Umbauarbeiten wesentlich genauer untersuchen müssen und das gehört gesetzlich verankert. Das Ziel wäre in gewissen zeitlichen Abständen und nach gröberen Wasserschäden ein verpflichtender Ingenieurbefund, also ein Pickerl fürs Haus. Ich bin mir ganz sicher, dass das früher oder später kommt.

Warum konzentrieren sich so viele Experten auf die Erdbebensicherheit bei Immobilien - gibt es nicht viel realistischere, weil häufiger vorkommende Probleme?
Das letzte wirklich große Erdbeben fand in Wien im Jahr 1590 statt. Aber die Möglichkeit ist aufgrund der Erdplattenbewegungen da. Unsere Gebäude müssen dafür gerüstet sein. Es kann erst in 500 Jahren etwas passieren, es kann aber auch schon morgen sein.
Ich persönlich würde im Erdbebenfall übrigens viel lieber in einem Gründerzeithaus als in einem Stahlbetonhaus sitzen. Erstere sind wesentlich flexibler und können derartige Schwingungen viel besser ausgleichen.

Gemeinsam mit Unternehmen und Universitäten erforschen Sie das Verhalten von alter Bausubstanz. Was kann man dabei für Erkenntnisse gewinnen?

Bisher gibt es keine ausgeforschte Lehrmeinung zum Verhalten von Gründerzeithäusern unter bestimmten Bedingungen. Gemeinsam mit der MA 39 führen wir deshalb unter anderem etwa Druck- und Scherversuche durch.

Woran erkenne ich als Bewohner, ob mein Haus in Gefahr ist?

Große Risse sind immer ein Alarmzeichen, die größte Gefahr stellen allerdings gröbere Wasserschäden dar. Jeder sollte von seinem Recht Gebrauch machen und die Hausverwaltung nach so einem Vorfall um ein Gutachten bitten. Viele Einstürze hätte man so verhindern können.
Ich selbst habe außerdem schon drei Mal beim Vorbeigehen an einer Baustelle Gefahr im Verzug melden müssen. Wenn man Ziegelpfeiler rausnimmt, um die Garageneinfahrt zu vergrößern und keine Bausteher unterstellt, dann ist das grob fahrlässig.

Zur Person

Walter Brusatti, Sachverständiger für Hochbau und Architektur, betreibt seit 21 Jahren sein eigenes Statikbüro in Wien. Er hat einen Lehrauftrag an der Technischen Universität Wien (Fachbereich konstruktive Gründerzeithäuser) und nimmt regelmäßig an Forschungsprojekten zu diesem Thema teil.

(kurier) Erstellt am
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