Wohnen
18.04.2017

Fenster zum Berg

Die Skihütte „Der Wolf“ in Vorarlberg ist ganz dem Panorama gewidmet: Der geradlinige Neubau fügt sich behutsam in die alpine Landschaft ein und bietet einen spektakulären Blick auf eines der schönsten Skigebiete Österreichs.

Milde Temperaturen, perfekter Firn und strahlender Sonnenschein – dank des schneereichen Winters und moderner Technik wird heuer in manchen Regionen bis nach Ostern gewedelt. Die derzeit vielleicht beste Adresse für einen Einkehrschwung? "Der Wolf" am Arlberg – eine ungewöhnliche Skihütte bei Lech, die mithilfe lokaler Ressourcen auf einem hochalpinen Plateau neu errichtet wurde.

Der Bau öffnet sich zum Außenraum und bietet vielfältige Perspektiven auf die umgebende Natur. Und er glänzt durch sein reduziertes Inneres: Obwohl von alpinen Klischees nichts mehr übrig ist, kommt die Gemütlichkeit nicht zu kurz. Hochwertige Materialien wie naturbelassene Fichte, Sichtbeton und Schwarzstahl sorgen für ein behagliches und zugleich herzliches Ambiente.

Umringt von Rüfikopf, Juppenspitze und Kriegerhorn stand Bernardo Bader ein malerisch gelegenes Grundstück zur Verfügung. Auch die Aufgabe hatte es ihm angetan: "Das kommt inzwischen selten vor. Skihütten werden meistens nur noch von Liftgesellschaften gebaut", sagt der Architekt. Hier kam es anders: Bauherr Christian Wolf verfügte über ein Grundstück auf dem in 2000 Meter Seehöhe gelegenen Petersboden. Weil aufgrund einer neuen Liftverbindung der Bedarf nach einem zusätzlichen gastronomischen Angebot entstanden war, war die Idee zur Hütte geboren.

Seit diesem Winter ist sie nun in Betrieb – der Eröffnung ging jedoch eine lange Vorbereitungszeit voraus. "Drei Jahre hat es gedauert alle Instanzen von der Umweltbehörde bis zur Raumplanung abzuklappern", erinnert sich Bader. Der Bau ging dann rasend schnell. "Wir haben im April 2016 begonnen und mussten im November fertig sein. Im Winter ist die Zufahrt zum Bauplatz nicht mehr möglich."

Als Inspiration diente Bader das typische Bregenzerwälderhaus. Ein massiver Betonsockel schafft die Basis des Gebäudes. Das darüberliegende Geschoß – ein 22 Meter langer und 16 Meter breiter Korpus mit Giebeldach – bildet den Gastraum. Die Hütte ist von Kopf bis Fuß mit unbehandelter heimischer Fichte verkleidet – mühelos gelingt so der Spagat zwischen Tradition und Moderne. Die homogene Hülle verleiht dem Neubau einen monolithischen Charakter, der durch lange Fensterfronen und eine überdachte Terrasse durchbrochen wird. Der "Schopf", wie man in Vorarlberg zur Veranda sagt, bietet Platz für bis zu 50 Personen. Der Außenraum zieht sich L-förmig um das Haus und schützt vor eisigen Winden. Je nach Wetter können die Tische an die Hausmauer oder nach vor an die Brüstung gerückt werden.
Weitere 50 Gäste finden im Inneren Platz. Der Zugang erfolgt über ein quadratisches Foyer mit abgehängter Fichtendecke. Rechts offenbart sich das Herzstück der Hütte – ein "räumliches Spektakel", wie Bader es beschreibt: Der Barbereich ist nach oben hin offen. Unter dem Dach spannt sich ein lichtdurchlässiges Zelt aus Fichtenlatten auf, das die schummrige Atmosphäre des Raumes prägt. Glühbirnen mit Kohlefaden baumeln an langen Kordeln von der Decke herab und beleuchten den aus Schwarzstahl geschmiedeten Tresen. Das schafft ein gediegenes Ambiente, in dem sich das Après Ski ohne Gejohle genießen lässt. Der reduzierte Materialienkanon setzt sich in der Stube fort. Sichtbeton und Fichtenholz bekleiden Wände, Decke und Boden. Eckbänke und ein Kamin knüpfen an die Tradition an und erfüllen den Gastraum mit Gemütlichkeit. Filigrane schwarze Pendelleuchten über den Tischen dienen als Blickfang in dem sonst schlicht gehaltenen Raum. Weitere dekorative Elemente werden ausgespart – sie sind auch nicht nötig. Denn im "Wolf" kommt der umliegenden Bergwelt die Hauptrolle zu: Sie wird wie ein Kunstwerk in den großen Fenstern gerahmt.
Im Gegensatz zur Bar ist die Decke in der Stube wieder abgesenkt. Der Bereich darüber gehört nämlich dem Neo-Gastronom und seinem Team: Unter dem Dach verstecken sich Büro und Mitarbeiterräume. "Der Gast bekommt das nicht zu sehen", erklärt Bader. Das gilt auch für die Küche, in der Vorarlberger Spezialitäten zubereitet werden: Sie liegt hinter der Bar und ist nicht einsehbar. In vielen Details geht Bader auf die Bedürfnisse der Skifahrer ein: Etwa bei den Toiletten, die ebenerdig, links neben dem Foyer, angeordnet sind – und nicht wie üblich im Untergeschoß. Wer sich schon in schweren Schuhen durch die Gegend schleppt, will schließlich nicht auch noch Treppen steigen. Auch der Bodenbelag aus Fichte trägt diesem Gedanken Rechnung. Das Holz ist zwar nicht das robusteste, aber es tut den Füßen gut. Bader: "Es ist relativ weich und vermutlich nach 15 Jahren durchgetreten – aber es ist sehr angenehm darauf zu gehen und entwickelt eine schöne Patina, die dem Haus Charakter verleiht und mit Leben erfüllt."

Wie macht man so etwas eigentlich, eine neue Skihütte bauen? Diese Frage hatte sich Bader zu Beginn gestellt. "Mit viel Altholz und Kuhfellen? Oder das krasse Gegenteil: Ein schwarzer Kasten mit Sushi-Bar?" Bader hat die goldene Mitte getroffen: Der Neubau zeigt sich der Tradition verbunden aber zeitgemäß, reduziert und ehrlich – ganz im Sinne des Bauherrn. Und wer den Einkehrschwung bis zum Ende der Saison nicht mehr schafft, darf sich freuen: "Der Wolf" ist auch im Sommer in Betrieb.

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Bernardo Bader, geboren 1974, realisiert Gebäude, die sich durch hohe Raumqualität und eine feinfühlige Materialwahl auszeichnen – so verwendet er bevorzugt Hölzer der Region, sägerau verarbeitet und naturbelassen. Schon während seines Studiums in Innsbruck realisierte er kleinere Projekte im Bregenzerwald. Heute betreibt er sein eigenes Architekturbüro in Dornbirn und ist bis über die Landesgrenzen hinaus tätig. Mit seinem Team entwirft er öffentliche und gewerbliche Bauten wie Friedhöfe und Kapellen, Kindergärten, Schulen und Freizeiteinrichtungen ebenso wie Einfamilienhäuser und Wohnbauten.
www.bernardobader.com