Ohne Geläut in Penzing

Ein modernes Gebäude mit großen Fenstern und einem gepflegten Rasen davor.
Reduzierte Form, viel Beton und eine kluge Lichtinszenierung: Veit Aschenbrenner Architekten verleihen der Neuapostolischen Kirche in Wien Penzing einen zeitgenössischen Auftritt.

Wenn die (Oster-) Glocken zum Kirchgang rufen – erklingt in Penzing kein Geläut, denn diese Tradition kennt die Neuapostolische Kirche nicht. Trotzdem ist die Adresse in der Hochsatzengasse gut besucht. Was mitunter daran liegt, dass die Glaubensgemeinschaft vor Kurzem ein ansehnliches Zuhause von großer räumlicher Qualität erhalten hat.
Für alle die, die Neuapostolische Kirche (kurz NAK), nicht kennen: Sie ist – neben der katholischen und evangelischen Kirche – eine der größten christlichen, staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften in Österreich. Und das seit 1975. Sie hält an dem in der urchristlichen Kirche vorhandenen Apostelamt fest und glaubt an die Wiederkehr Jesu Christi. Mit dem Neubau in Wiens 14. Bezirk positioniert sich die Gemeinde als moderne Kirche und zeitgenössischer Bauherr. Sie nahm ihre Rolle sogar so ernst, dass sie österreichweit zum Wettbewerb lud – eine seltene und löbliche Initiative unter privaten Auftraggebern.

Innenansicht einer modernen Kirche mit Holzbänken und einem schlichten Altar.
Überzeugen konnte schließlich das Wiener Architekturbüro Veit Aschenbrenner. Da der Altbau aus den 70er-Jahren stark sanierungsbedürftig und teuer im Unterhalt war, entschied sich die Gemeinde das Gebäude abzureißen und durch einen kleineren, nachhaltigen Neubau zu ersetzen. Dieser punktet nun sowohl in der Errichtung als auch in der Erhaltung mit Energieeffizienz – was eindeutig der kompakten Bauweise und der Materialwahl zuzuschreiben ist: "Wir wollten eine Materialität erzeugen, die für einen Sakralbau in Optik und Haptik würdig ist", schildert Architekt Oliver Aschenbrenner. Ihm schwebte ein Stoff vor, der Wahrhaftigkeit ausstrahlt. Die Erleuchtung fand er schließlich in TECHNOlit, einem Leichtbeton, dem Zuschlagstoffe wie Schaumglas beigemengt sind und einen monolithischen Wandaufbau ermöglicht. Die 45 Zentimeter dicke Wand ist innen wie außen gleich und benötigt keine weitere Dämmschicht. Zudem hat das Material eine interessante Oberfläche: "Es ist nicht einfach eine glatte, graue Wand. Die Struktur ist großporig und fühlt sich sehr angenehm, fast so warm wie Holz, an", erklärt der Architekt.

Ein Mann geht an der Neuapostolischen Kirche vorbei.
Die Gebäudeform ist diskret skulptural und unaufdringlich gestaltet. Bis auf das Eingangsportal, das Blicke ins Innere freigibt, ist der graue Monolith straßenseitig komplett verschlossen. Einzig der turmartige Aufbau verrät den eigentlichen Zweck des Hauses. Die Erhöhung, eine Referenz an den Kirchturm, dient aber nicht dem Glockengeläut, sondern der Belichtung. Über eine Fensteröffnung in der Decke wird natürliches Licht nach innen geleitet, wo es von der zehn Meter hohen Altarwand reflektiert und in den Raum zurückgeworfen wird. "Die Stimmung ändert sich mit den Jahreszeiten. Das merkt, wer länger im Raum verweilt. Der Wechsel von Licht, Wolken und Schatten ist an der Wand sehr gut ablesbar", sagt Aschenbrenner, der mit dieser ausgeklügelten Lichtführung einen Raum voll atmosphärischer Dichte schuf.

Innenansicht einer modernen Kirche mit Orgel und Holzbänken.
Der Altar, neben dem auch eine Orgel Platz findet, wächst optisch aus dem Boden heraus und besteht wie der Belag aus dunkelgrauem, geschliffenem Sichtestrich. Auf den vornehmen Eichen-Bänken finden rund 130 Gläubige Platz. Darüber erstreckt sich eine ebenso mit Holz verkleidete Empore. Aschenbrenner: "Das hat akustische Gründe. Die Gemeinde legt großen Wert auf Gesang, Musik und das gesprochene Wort."Ein schönes Extra ist die sogenannte "Kinderloge" im Altarraum, ein verglastes und schalltechnisch entkoppeltes Zimmer mit Blick auf den Altar. "Wenn Kleinkinder während der Messe unruhig werden, können die Eltern diesen Raum mit ihrem Nachwuchs nutzen", sagt Aschenbrenner. Lautsprecher übertragen den Gottesdienst in die kleine Lounge, wo auch stillende Mütter ungestört sein können.
Ein moderner Flur mit Betonwänden, Glasgeländer und linearen Hängeleuchten.
Der raffiniert split-gelevelte Sakralbau beherbergt noch einen Mehrzweckraum für rund 70 Personen. Er befindet sich einen Halbstock tiefer als das Entrée und liegt auf Gartenniveau. Seine gläsernen Fronten öffnen sich vollständig zur abgesenkten Grünfläche hin.
Ob innen oder außen: Auf religiösen Symbolismus wird in diesem Gotteshaus weitgehend verzichtet. Der Treffpunkt, der inmitten einer grünen Villengegend liegt, fügt sich vielleicht gerade deshalb gut in das Viertel ein. Er verleiht der Religionsgemeinschaft eine bodenständige Präsenz und bereichert die Umgebung durch ein stattliches Stück zeitgenössischer Architektur –, ohne sich ins Rampenlicht zu drängen.
Eine Frau mit blonden Haaren und ein Mann mit Brille posieren nebeneinander.
2011 von Susanne Veit-Aschenbrenner und Oliver Aschenbrenner mit Sitz in Wien gegründet, widmet sich das Büro vor allem städtebaulichen Fragen und der Errichtung öffentlicher Gebäude und Sonderbauten. Sie haben mehrfach Erfahrungen im Sakralbau gesammelt und u. a. in der Donaucity beim Bau der Kirche von Heinz Tesar mitgewirkt. Zuletzt gestalteten sie den Innenraum der St. Hedwig Kathedrale in Berlin.www.vaarchitekten.com

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