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Zur Ruhe kommen
04/20/2014

Moderne Kapellen

Andachtsräume von zeitgenössischen Baukünstlern überzeugen mit innovativer und spannender Architektur.

von Ursula Horvath

Ein kleines Häuschen mit Satteldach in ländlicher Umgebung. Durch ein Gitter am Eingang erspäht man im Inneren eine Heiligenfigur oder eine Votivtafel, davor Blumenschmuck. Dieses Bild haben viele vor Augen, wenn sie an eine Kapelle denken. Moderne Entwürfe haben mit dieser Vorstellung jedoch nicht mehr viel zu tun. Im Gegenteil: Die kleinen sakralen Gebäude überraschen mit spannender Architektur.

Capella Granata

Mit der Capella Granata am Penkenjoch im Zillertal hat der Schweizer Architekt Mario Botta zum ersten Mal ein Bauwerk in Österreich realisiert. Ihren Namen und ihre Form verdankt die Granatkapelle dem Gestein, das in dieser Gegend abgebaut wurde: Granat-Minerale kommen in der Natur vor allem in Form eines zwölf-flächigen Würfels (Rhombendodekaeder) vor.

Der Baukörper ist aus zwölf gleichen rhombenförmigen Flächen zusammengesetzt und steht auf einem Sichtbetonsockel. Die Tragestruktur bilden Holzwände, die außen mit Corten-Stahlplatten verkleidet wurden. Vom Eingang im Sockelgeschoß führt eine Treppe hinauf in den Andachtsraum. Hier wurden die Wände mit schmalen Lärchenholzleisten verkleidet. Bis auf einen kleinen, kreuzförmigen Einschnitt ist der Raum komplett geschlossen. Licht strömt durch eine verglaste Öffnung in der Decke ins Innere. Dieser variierende Lichteinfall belebt die geometrischen Wände.

Kapelle Schaufeljoch

Auf 3170 Meter Höhe am Stubaier Gletscher, wenige Meter von der Bergstation entfernt, steht die Gedächtniskapelle Schaufeljoch. Ein Ort der Ruhe und Besinnung mitten im Skigebiet. Der reduzierte Baukörper aus rauem Beton und Stahl spiegelt die Natur wider und hebt sich durch die monolithische Form gleichzeitig vom schroffen Felsen ab. Der etwa zehn Quadratmeter große Raum öffnet sich nur auf einer Seite und gibt hier den Blick auf die umliegenden Berge frei. Richtung Piste ist der Baukörper komplett geschlossen. "Diese Kapelle zu entwerfen war eine sehr schöne Planungsaufgabe, weil man keinen Zwängen wie beim Wohnbau unterliegt. Das ist ein reiner Andachtsraum ohne funktionale Anforderungen", sagt Walter Niedrist von ao-architekten ZT-GmbH.

Franziskuskapelle Arbing

Ein Ort des In-sich-Gehens und der Meditation soll auch die Franziskuskapelle Arbing in Oberösterreich sein. Gegenüber dem Friedhof hat der Architekturstudent Rafael Hintersteiner den kleinen Kubus platziert. Dunkle Betonwände umgeben einen nur sechs Quadratmeter großen Raum ohne Dach. "Ich wollte damit das Wetter und die Natur erlebbar machen. Man ist gleichzeitig im Freien und in einem geschützten Raum", erklärt Hintersteiner.

Die Einfachheit, Offenheit und Naturverbundenheit des Heiligen Franz von Assisi (dem die Kapelle geweiht ist) soll sich in dem Bauwerk widerspiegeln. Im Vordergrund steht die Reduktion auf das Wesentliche: Daher gibt es außer einem kleinen Kreuz auch keine Symbolik im Inneren der Kapelle. Es wurden lediglich kleine Nischen für Kerzen in den Wänden eingelassen – eine Analogie zur Klagemauer in Jerusalem.

Bauernkapelle Nonsbach

Die Bauernkapelle Nonsbach ist ein Gemeinschaftsprojekt von vier Familien, die zwischen ihren Höfen einen Ort der Besinnung schaffen wollten. Mit der Planung wurde Franz Koppelstätter beauftragt. "Die Kapelle ist im Rahmen meiner Diplomarbeit entstanden", erzählt Koppelstätter, der heute freiberuflich als Architekt, Künstler und Kurator tätig ist. Der zwölf Quadratmeter große Bau besteht aus Lärchenholz, die drei dafür verwendeten Bäumen standen im Nachbarort.

Wichtig für die Wirkung des Raumes ist vor allem die natürliche Lichteinstrahlung. Ab dem Vormittag dringt Sonnenlicht durch das Dach und wird von der sichtbaren Balkenkonstruktion gefiltert. "Zu Mittag scheinen dann die ersten Strahlen durch die vertikale Fensterfläche im hinteren Gebäudeteil. Das Licht streift die Rückwand und erzeugt durch deren unregelmäßige Textur ein Spiel aus Licht und Schatten", beschreibt Koppelstätter.

Wooden Hut

Wie man das Spirituelle mit dem Nützlichen verbindet, zeigt die Privatkapelle Wooden Hut im süddeutschen Leonberg. Die Bauherren hatten sich für ihren Garten einen Rückzugsort zum Nachdenken und einen Platz zum Stapeln von Brennholz gewünscht. Das Hamburger Architekturbüro Kawahara Krause entwarf daraufhin einen kleinen offenen Raum ohne Boden. Die Tragestruktur besteht aus fünf Holzrahmen aus Seekieferplatten, die mit dem Brennholz gefüllt werden. Das ausladende Dach schützt die Scheite vor der Witterung. Die Wände enden an einem Kreuz, das gleichzeitig Queraussteifung und religiöses Symbol ist. "Die Wände sind wie die umgebende Natur einem stetigen Wandel ausgesetzt", erklärt Tatsuya Kawahara. Trockenes, helles Brennholz wird zum Heizen verwendet und durch noch feuchtes, dunkles Holz ersetzt. "So ändern sich Farbe und Stapelung der Wände ständig", beschreibt Ellen Kristina Krause.

Gretchenfrage

Muss man religiös sein, um eine Kapelle zu entwerfen? Die Architekten sind bei dieser Frage geteilter Meinung. "Man sollte jedenfalls verstehen, was Andacht und Gedenken bedeuten", meint der Planer der Kapelle Schaufeljoch, Walter Niedrist. "Man muss also nicht religiös sein, aber es ist hilfreich." Mario Botta sieht das anders: "Um eine Kapelle zu entwerfen, muss man an Architektur glauben."

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