Wohnen
05.12.2011

Essbare Blüten: Schönheit zum Anbeißen

Die Blütenküche wird vom Stadtbalkon gespeist. Zierpflanzen und Gemüse sind verträglich und verhelfen City Farmern zu neuen Genüssen.

Dem trendigen Feinschmecker ist der Zugriff der Nobelküche auf seltene Gemüsegewächse mit seltenen Namen längst vertraut. Von A bis Z. Wer Asia-Salate verspeist, hat zuvor schon die gelben Trichter der Zucchiniblüten verkostet. Ringelblumen schmücken das Dessert, die Blütendolden der Dille sind in Getränken oder in der Pfanne gelandet.

Das Geschmackserlebnis aus dem Blumengarten hingegen wird etwas zögerlich entdeckt. Psychologen haben dafür eine Erklärung: die Beißhemmung, eine Psychosperre, die das vollendet Schöne vor dem Verschwinden in der Mundhöhle zu verschonen trachtet. Doch es lohnt sich, sich zu überwinden, denn dem Augenschmaus folgt ein Geschmackserlebnis nach.

Wolfgang Palme, der Gemüseexperte, und Johann Reisinger, der für Spezialitätenrezepte zuständig ist, setzen sich seit Jahren für die friedliche Koexistenz von Gemüse und Zierpflanzen ein. Auch auf dem Balkon, speziell in der City Farm.

Taglilien und Hibiskus stehen gerade in voller Blüte und bringen Farbe und Formenvielfalt in die Gemüse- und Kräuterkulturen. Bei der Beschreibung der Genüsse bedient sich Palme bei den Kriterien der Weinverkostung: Einen "pfeffrigen Abgang" erkennt er beim Verzehr mancher Taglilien, der nicht jedem behagen mag. Die Sorte "Stella de Oro" hingegen wird als "zart süß" empfunden.

Freude bereiten auch Begonien im Balkonkisterl. Säuerlich frisch schmecken ihre Blüten, die man mit Mangold, Salaten und Kohlrabi in einem Gefäß vereinen kann. Begonien lieben im Hochsommer halbschattige Standorte, dort fühlen sich auch diese Gemüse wohl.

Auch die Blüten von Kräutern lassen sich, wie ihre Blätter, zum Würzen einsetzen. Der Zusatznutzen ist der hübsche optische Effekt. Und noch einen Vorteil kennt der Experte: Zwickt man die Blüten ab, so wachsen die Blätter umso üppiger nach. Eine spezielle Empfehlung als Würze sind auch die weißen Blüten der Zwiebelpflanze und die lila des Schnittlauchs.

Die Verträglichkeit von Zier-und Gemüsepflanzen untereinander ist auf dem Balkon, anders als im Garten, in der Regel kein Problem, da man sie in eigenen Töpfen ziehen kann. Manche halten von ihrem Nachbarn sogar Gefahren ab. So schmückt und würzt Kapuzinerkresse nicht nur jeden Salat, sie ist auch bekannt dafür, dass Läuse sie anderen Pflanzen vorziehen. "Wenn man die Läuse auf der Kresse entdeckt und mit Schmierseifenlösung bekämpft, kann man das Gemüse vor dem Schädlingsbefall schützen", sagt Palme.

Zum Kandieren eigenen sich neben Rosen auch Dahlien mit ihrem leicht säuerlichen Geschmack. Bei Dahlien werden nur die ausgezupften Blütenblätter verwendet. Kelch, Staubgefäße und Stempel muss man auch bei Fuchsien entfernen, ehe man damit Salate verfeinert oder Desserts schmückt.

Alle essbaren Blüten sollten kurz vor dem Verzehr geerntet werden, aber nicht bei praller Sonne. Sie müssen natürlich ungespritzt sein. Für eine gesunde Ernte ist das eigene Balkonien der sicherste Garant.

Den City Farmern kann geholfen werden

Der Countdown läuft: Einsendeschluss für den Bewerb um den am üppigsten und am kreativsten bepflanzten Balkon, die Terrasse, den Hof oder den Gemeinschaftsgarten in der Stadt ist der 30. September. Manche City Farmer haben uns jetzt schon Fotos ihrer Farm oder ihrer besonderen Lieblinge zugeschickt.

Alle Fragen zum Thema City Farming beantwortet Dipl.-Ing. Wolfgang Palme, Lehr- und Forschungszentrum Schönbrunn, 1130 Wien, Grünbergstraße 24. w.palme@gartenbau.at