Wohnen 29.12.2017

Das perfekte Unperfekte

Claire Bingham stöberte außergewöhnliche Wohnräume auf - wie diesen mit Wolken-Trenn-"Wand". © Bild: /Gianni Basso/ VegaMG

Nicht weniger, sondern mehr ist mehr. Das Buch „A Beautiful Mess“ ist eine Art Plädoyer für einen ganz und gar nicht zurückhaltenden Einrichtungsstil. Denn auch mit vielen Dingen lässt sich ein wohnliches Zuhause schaffen.

Auf die Suche nach besonders originell und kreativ gestalteten Räumen begab sich die britische Autorin Claire Bingham für ihr neues Buch „A Beautiful Mess – Die Kunst der opulenten Gemütlichkeit“. Dabei entdeckte sie ganz außergewöhnliche Wohnungen und Häuser: „Von üppig ausstaffierten Interieurs, die vor lauter Objekten Verzierungen, Pailletten und Zierleisten geradezu überfließen, bis hin zu kühlen, kreativen Räumen, die sich permanent verändern.“ So unterschiedlich die Bewohner auch leben, alle verbindet, dass sie mit ihrem individuellen Stil ihre Persönlichkeit ausdrücken, anstatt sich an Regeln zu halten. Das können verrückte Formen und Farben, ausgefallen kombinierte Designs, Erinnerungsstücke, Fotowände, verspielte Ecken und kreatives Chaos genauso sein wie ruhige Wände, die den perfekten Kontrast zu antiken Möbelstücken und Kunstobjekten bilden.

Unkonventionelle Heimat

Alte Möbelstücke verschönert Jenny Brandt am liebsten selbst.
A Beautiful Mess, teNeues Verlag © Bild: /Jenny Brandt Grönberg/ JennyoJens.com

Eine kleine Villa Kunterbunt hat Jenny Brandt geschaffen. Ihr Zuhause erinnert ein wenig an den eher schlichten Scandi-Chic, den sie allerdings in einer sehr verspielten, unkonventionellen Form umgesetzt hat: Alt trifft neu, elegant trifft üppig. In jedem Raum finden sich verrückte, unerwartete Details. Dabei hält die Fotografin und Bloggerin gar nicht viel von vorgegebenen Stilen. Für sie lautet die wichtigste Grundregel beim Gestalten der eigenen vier Wände: „Nehmen Sie Ihre Einrichtung – oder sich selbst – nicht zu ernst. Es ist doch nur Dekoration und sollte Spaß machen.“ Den Grundstock bilden einige Designklassiker und Vintage-Möbel, die meisten Second Hand, die Brandt mit teils ausgefallenen Gegenständen kombiniert. Beim Platzieren handelt sie gerne spontan und impulsiv, bringt immer wieder ein neues Stück vom Flohmarkt mit, lackiert es um, verschönert es mit Aufdrucken oder funktioniert kurzerhand einen Bücherstapel zum Kaffeetischchen um. Für sie, sagt Brandt, ist es genau dann perfekt, wenn es „nicht annähernd perfekt“ ist.

Beinahe wie eine Revolution wirkt das Haus von Stefano Seletti und seiner Familie. Vom Wohnzimmer über die Küche bis hin zum Wintergarten ist fast alles mit Bildern, ungewöhnlichen Leuchten und Lichterketten behangen – und vor allem bunt. Inspirierende Objekte bringt Seletti oft von unterwegs mit. „Der Krempel des einen ist eben der Schatz des anderen; sich mit Dingen zu umgeben, die man liebt, muss nicht gleich Chaos bedeuten“, so Bingham. Auch Ashley Tell mag es gerne bunt und opulent, unter anderem bringt sie mit Galeriewänden Leben in ihr Domizil. Dafür sucht sie zuerst ein Bild, von dem alles ausgehen soll, und baut die Galerie rundherum auf. Damit es nicht unruhig wirkt, entscheidet sie sich bei der Auswahl der weiteren Bilder für ein Thema oder eine Farbpalette. Bei den Rahmen achtet sie ebenfalls darauf, dass Farben und Motive gut zusammen passen. So entsteht ein individuelles Gesamtkunstwerk. Wie gut bunte und futuristische Elemente miteinander harmonieren können, beweisen Stéphane Arriubergé und Massimiliano Iorio in ihrem Zuhause, das gänzlich ohne Zwischenwände auskommt. Stattdessen verwenden sie Möbel als natürliche Abgrenzung zwischen einzelnen Räumen und trennen Ebenen voneinander ab, indem sie zum Beispiel mit glänzenden und matten Oberflächen arbeiten. Farben setzen die beiden bewusst auch als Materialien ein.

Kontrolliertes Chaos

Die Innenarchitektin Sussy Cazalet zeigt, dass Chaos und Gemütlichkeit kein Widerspruch sind.
A Beautiul Mess, teNeues Verlag © Bild: /Chris Tubbs

Als „künstlerisches Chaos“ bezeichnet Sussy Cazalet den Stil ihrer geräumigen Wohnung, die mit vielen gemütlichen Möbeln, Erbstücken und coolen Designerobjekten an den Glamour der 1970er-Jahre erinnert. Bei Wänden und Textilien setzt Cazalet auf gedeckte Töne und Texturen, bei den verwendeten Materialien ist ihr Natürlichkeit wichtig, weshalb sie fast ausschließlich mit Holz und warmen Farben arbeitet. Wilde Muster etwa sind für sie tabu, denn gutes Design ist für sie nur, was das Gehirn nicht irritiert. Das geordnete Chaos ist für die Innenarchitektin Ausdruck ihrer Persönlichkeit: „Alles, was ich liebe, nichts da, wo es hingehört, und überall Bücher und Zeichnungen. Es ist ein Ort, an dem ich Dinge sammeln kann. Ein sehr unprätentiöser Wohnraum, in dem ich unordentlich sein darf.“ Dabei scheint dennoch alles seinen Platz zu haben und Cazalet hat sogar einen Tipp, um all das ins rechte Licht zu rücken: „Mit einem schlauen Beleuchtungskonzept kann man das chaotischste Zimmer schick aussehen lassen“, ist sie überzeugt.

Dunkle, gedeckte Farben dominieren im Haus von Steinar Berg-Olsen. Der Antiquitätenhändler hat ein Faible für Vintage-Möbel, wobei der Stil für seinen Geschmack nicht zu blumig sein darf. Er kombiniert einfache Formen, etwa einen runden Holztisch mit einem gemusterten Original-Fliesenboden, oder ordnet ein paar Designer-Polstermöbel vor dunkel gestrichenen Wänden an. Andere Räume wiederum sind in Weiß gehalten und wirken beinahe minimalistisch. Indem er Kontraste und Haptik in den Mittelpunkt stellt und Farben selbst in helleren Räumen geschickt einsetzt, erzeugt Berg-Olsen ein gemütliches Gesamtbild.

Buchtipp

'A Beautiful Mess' von Clair Bingham.
A Beautiful Mess, teNeues © Bild: /teNeues/ Michael Paul

„A Beautiful Mess – Die Kunst der opulenten Gemütlichkeit“ von Claire Bingham präsentiert üppig, wild und fantasievoll ausstaffierte Wohnräume, die zum Nachmachen inspirieren.
TeNeues, € 29,90

( kurier.at , Sabine Karrer (ch) ) Erstellt am 29.12.2017