Bullaugen zum Berg

Einfamilienhaus Sistrans. Preis nur für einmalige …
Foto: © paul ott photografiert/Paul Ott Die Holzelemente an der Westseite können nach Bedarf verschoben werden.

In der Tiroler Gemeinde Sistrans realisierte das Architektenbüro Tatanka ein Einfamilienhaus, das grüne Kuhweide und schwarzen Kunstrasen harmonisch vereint.

Der Patscherkofel ist als Hausberg der Innsbrucker bekannt. Ob der runde, gugelhupfähnliche Berg gefällt, ist allerdings Geschmackssache. Joseph Bleser, aus Luxemburg stammend und seit Jahren in Tirol ansässiger Architekt, gibt zu, schönere Berge zu kennen. Mitunter ein Grund, weshalb er und seine Kollegen vom Innsbrucker Architektenbüro Tatanka dem 2246 Meter hohen Wahrzeichen im Einfamilienhaus-Projekt am Bogenweg in Sistrans nicht eine gesamte Glasfront gewidmet haben.

Drei nach Süden und zum Berg hin gerichtete Bullaugen müssen reichen. Im Sitzen wie im Gehen kann man so vom fünfzig Quadratmeter großen Wohnbereich im Obergeschoß durch die kreisrunden Fenster auf den Berg blicken – oder an heißeren Tagen lieber die Blicke auf den direkt vor dem Haus liegenden Pool richten. „Die Bullaugen sind eine spielerische Anlehnung an den Pool. Außerdem sollen sie durch ihre gebogene Form an Flugzeugfenster erinnern“, sagt Bleser. Der Bauherr ist Pilot.

Einfamilienhaus Sistrans. Preis nur für einmalige … Foto: /Paul Ott Der Pool ist in die südlich ausgerichtete Terrasse eingesetzt. Das 250 Quadratmeter große Haus ist nach Westen hin ausgerichtet. Dafür ist allerdings nicht der Patscherkofel verantwortlich, sondern die brennende Mittagssonne. „Eine Vorgabe an uns selbst war es, an der Südseite des Hauses ohne Jalousien und Raffstores auszukommen“, sagt Bleser. Er findet große, gen Süden gerichtete Glasfronten, die man den Sommer hindurch abdunkeln muss, irritierend. Für genug Licht im Wohnzimmer sorgt eine komplettverglaste Westfront.

Wer vom Pool, der in die südlich ausgerichtete Terrasse eingesetzt ist, hinauf zum Patscherkofel blickt und dann hinunter zu den Kühen, die am Nebengrundstück grasen, wird schnell die schwarze, in der Sonne leicht schimmernde Südfassade des Gebäudes bemerken. Es handelt sich um Kunstrasen, der neben grün auch in  grau und schwarz erhältlich ist. Über eine Konstruktion aus Holz und Steinwolle gespannt, bietet das Material eine geradezu fugenfreie Oberfläche; es ist unaufdringlich und schützt das Gebäude. „Schwarz bildet einen edlen Kontrast zum weißen Schnee im Winter und fügt sich im Sommer gut in die grüne Umgebung ein“, sagt Bleser.  

Sistrans, auf 900 Metern gelegen, ist eine 2200-Einwohner-Gemeinde, in der Bleser selbst zu Hause ist. Seine eigene Villa war Vorbild für dieses Einfamilienprojekt am Bogenweg, bereits vor einigen Jahren weckte es das Interesse des Bauherrn, der in der Folge um eine mögliche Zusammenarbeit anfragte. Die Tatsache, dass zahlreiche Häuser in Sistrans ländlichen, traditionellen Charakter haben, hatte für die Architekten in der Planung Nachrang. „Der Kunde gibt uns den Auftrag, aus seinem Grundstück das Beste herauszuholen. Als Architekt kann ich auf die umliegenden Grundstücke und Gebäude keinen Einfluss nehmen. Ich kann auch nicht bestimmen, was auf ein Nachbargrundstück gebaut wird. Daher lege ich Wert darauf, so zu planen, dass man möglichst viel freie Sicht kreiert, egal was rundherum passiert“, erklärt Bleser.

Einfamilienhaus Sistrans. Preis nur für einmalige … Foto: /Paul Ott Materialmix im Entrée: Blau-braun schimmernde Fliesen, weiß geölte Eiche und Beton. Innsbruck in der Ferne und dahinter die imposante Nordkette. Die deckenhohe Verglasung, die sich entlang der West- und Nordseite des Hauses zieht, bietet ein Panorama, das zwischen Postkartenidylle (bei Schönwetter) und mystischer Stimmung (wenn die Gipfel wolkenbehangen sind) variiert. Ein perfekter Ausblick, wenn man gemeinsam um den Esstisch sitzt, für den 25 Quadratmeter in diesem zur Gänze offenen Obergeschoß vorgesehen sind. Die Glastüren werden dabei von einer eigens angefertigten Stahltechnik getragen, die das Tatanka-Team gemeinsam mit einem Schlosser entwickelt hat. Jede Fensterwand hat eine Lüftungsklappe, die mittels Motor geöffnet werden kann.
Nach Westen hin sorgen schlichte Holzschiebeelemente dafür, dass die Abendsonne nicht blendet. „Theoretisch können diese Paneele verschoben werden, in der Praxis bleiben sie aber an einer Stelle“, sagt Bleser. In kälteren, graueren Monaten sorgt ein freihängender offener Kamin für gemütliche Stimmung. Er ist drehbar, sodass man sich entweder auf dem Sofa unter den Bullaugen am Feuer wärmen kann, oder eben auch in der Küche die Glut erleben kann.  

Elternkoje und Kinderparadies: Das Haus ist für eine Familie mit zwei Kindern gebaut. Jedes hat ein eigenes Schlafzimmer im Erdgeschoß mit direktem Zugang hinaus in den Garten, dahinter Wiese und Bergblumen. Hier gibt es ebenso den verschiebbaren Sonnenschutz, der im Erdgeschoß auch als Sichtschutz dient. „Da die Lamellen nicht ganz nach oben reichen, hat man immer einen Blick auf den Himmel“, sagt Bleser.  

Einfamilienhaus Sistrans. Preis nur für einmalige … Foto: /Paul Ott Das Bad ist nach Osten ausgerichtet und wird von der Morgensonne durchflutet. Die nötige Distanz zwischen Eltern- und Kinderzimmer haben die Architekten durch einen Art Schlafkoje geschaffen. Das Elternschlafzimmer ist in den Hang gebaut, über einen offenen Umkleideraum gelangt man in das ebenso offene Badezimmer, das durch die Ostausrichtung von der Morgensonne durchflutet wird. Anstatt einer brummenden Lüftung entweicht die Luft durch eine Schiebetür, die in einen versteckten Innenhof führt. Räume ohne Türen nach außen kommen für Bleser nicht infrage: „Ich selbst fühle mich dann eingesperrt.“

Die Dusche, hinter einer Trennwand gelegen, besticht durch ihre  ausgefallenen Fliesen. Einem venezianischen Teppich gleichend, sorgt die blau-bräunliche exzentrische Musterung für eine individuelle, edle Note. Der Boden des Eingangsbereichs ist ebenfalls mit diesen Fliesen verlegt. Es ist ein attraktiver Gegensatz zu den weiß geölten Eichendielen im restlichen Haus, und zu Beton und Stahl, die eingesetzt wurden, um in diesem Objekt eine perfekte Harmonie mit der umliegenden Natur zu erzeugen.

Zum Büro

Das Architektenbüro Tatanka wurde 2001 von Joseph Bleser, Wolfgang Pöschl und Thomas Thum gegründet. Neben dem Innsbrucker Büro gibt es eine Außenstelle in Blesers Heimat Luxemburg, die von Audrey Dufour betreut wird. Das Büro hat Projekte zwischen Oberösterreich und Vorarlberg sowie in Luxemburg realisiert. Drei Bauten wurden bisher in Sistrans/Tirol umgesetzt.

www.tatanka.lu

(Kurier / Emily Walton/ ce) Erstellt am
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