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Im Gespräch
09/04/2014

Baukunst von AllesWirdGut

Mit extremen Ansätzen erobert das Wiener Architekturbüro internationale und heimische Baulücken. Wie es dazu kam und warum Architektur einfache Worte benötigt, Tankstellen interessante Orte sind, erklärt das Team im Interview.

Gründung: 1999; Team: 42 Freunde; Durchschnittsalter: 40,25 Jahre; Bürofläche: 880 ; Fensterfläche: 205 ; IT Power: 441,6 GHz; Büroauto: Giulietta; Espresso: Rocket Giotto; Wuzzler: ITSF. Bei diesen Fakten denkt man an vieles nur nicht ausgerechnet an ein Unternehmensprofil eines Architekturbüros. Doch eben diese Koordinaten führen auf direktem Wege zum österreichischen Büro AllesWirdGut. Anfangs noch zu fünft bilden heute Andreas Marth, Christian Waldner, Friedrich Passler und Herwig Spiegl das Kernteam des Wiener Architekturbüros. IMMO hat das Quartett zum Gespräch getroffen:

Wird mit Ihrer Hilfe immer alles gut?

Im Idealfall schon. Doch der Name ist für uns eher eine Art Botschaft des Beruhigens – für das Gegenüber und für uns selbst.

Sie realisieren Wohnbauten oder Projekte im öffentlichen Raum. War diese Spezialisierung ein bewusster Schritt?

Nein, denn eigentlich wollten wir genau das nicht. Warum wir kaum Einfamilienhäuser planen, hat zum Teil auch damit zu tun, dass viele der Meinung sind, dass wir ein zu großes Büro sind und wir es nicht machen würden.

Was sind die Unterschiede zwischen privaten und öffentlichen Bauherren?

Im Wohnbau schafft man einen gewissen Rahmen zum Wohnen, mit wenig Platz für Individualität. Den perfekten Grundriss kann man nur dann liefern, wenn man mit der jeweiligen Person im starken Dialog steht. Bei einem Einfamilienhaus sehen wir auch die Person, die nachher darin wohnen wird. Im Wohnbau plane ich hingegen anonym. Die Parameter dafür schöpft man aus der Erfahrung. Was hat sich bewährt und was nicht? Wichtig ist, dass der Auftraggeber Neuerungen mitträgt und auch bereit ist, gewisse Risiken einzugehen.

Die Projekte von AllesWirdGut im Überblick:

Sie akquirieren Ihre Projekte vorwiegend aus Wettbewerben mit strikten Vorgaben. Wie viel Raum bleibt hier für kreative Ideen oder Neuerungen?

Die Rahmenbedingungen sind meist finanzieller Natur und stark vom Markt vorgegeben. Man bewegt sich in einem engen Korsett von Standards. Das ist vielleicht auch eine Herausforderung daran, ein Umdenken anzuregen. Wenn in den Köpfen von Bauträgern etwa das "Mutter/Vater/Kind/ Kind"-Modell funktioniert und wir aber wissen, dass das nicht mehr unsere gesellschaftlichen Strukturen abbildet, dann muss man sich langsam an eine Neuerung annähern. Ein Beispiel: Wohngemeinschaften (kurz: WG) sind auch ein Wohnmodell für Senioren und eben nicht nur für Studenten. Wenn man erreicht, dass bei einem Projekt etwa zwei WGs integriert werden, hat man die Chance zu beweisen, dass solche Konzepte Potenzial haben.

Hört sich an wie ein Bildungsauftrag.

Bedingt vielleicht. Ein Umdenken kann ich nur dann beeinflussen, wenn ich aktiv mitmache und wenn ich akzeptiere, dass beim ersten Mal der Auftraggeber sich nicht zu hundert Prozent auf solche Versuche einlässt. Aber es ist ein Anfang.

Als österreichisches Büro, was sind im internationalen Vergleich Ihre Stärken?

Wir sind nicht betriebsblind. Bei internationalen Projekten ist unser Blick von außen immer ein anderer als von Planern, die vielleicht um die Ecke wohnen. Extreme Ansätze sind für uns bisher auch immer die erfolgreicheren gewesen. Wenn man nicht auffällt, wird man nicht diskutiert.

Was macht den perfekten Grundriss aus?

Der Architekt. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, Konzepte zu entwickeln, die eine gute Organisation von Räumen und Nutzungsmöglichkeiten anbieten. Die Qualität eines Wohnraums besteht nicht nur in der Fläche selbst. Gut durchdachte, kleine, kompakte Wohnungen können manchmal wesentlich mehr Raumgefühl vermitteln als etwa eine, die auf dem Papier 100 hat. Dafür müssen sich auch unsere Einstellungen ändern. Smart-Wohnungen, also Objekte, die um 20 Prozent kleiner als die bisherigen Mindestgrößen sind, sind gute Ansätze.

Welchen Mehrwert kann mir ein Architekt bieten?

Architekten bieten Mehrwert, der nicht zusätzlich Kosten verursacht und berücksichtigen Ansätze, die keiner bedenkt. Qualitäten wie etwa Tageslicht kann ich ohne finanziellen Mehraufwand steuern. Ein Fenster im Süden kostet genauso viel wie im Norden, doch mit dieser einen Überlegung, kann ich für mehr Licht und ein besseres Wohngefühl sorgen. Und es gibt viele solcher Beispiele. Konventionen sind gut. Überholte muss man aufbrechen, ohne die Leute zu verunsichern. Und man muss wissen, wie man es vermittelt, damit sie es bedienen und nutzen können. Ansonsten hat der Architekt etwas falsch gemacht.

Die Zukunft liegt also in kleinen Wohndimensionen?

Natürlich müssen private Bereiche gewisse Grundfunktionen gewährleisten. Daraus entstehen neu gewonnene Flächen, die man verstärkt für Gemeinschaftszonen nutzen sollte. Im Wohnbau wird der Aspekt der gemeinsamen Nutzung für die soziale Struktur immer wichtiger und somit für die Planung unumgänglich.

Wien wird in den nächsten Jahren stetig wachsen. Ist das auch gleichzeitig die Lösung für die Wohnungsknappheit, die man befürchtet?

Sicherlich auch. Es benötigt einen guten Mix aus kompakten Wohnräumen und gemeinschaftlichen und öffentlichen Bereichen. Wien würde aber durchaus mehr Hochpunkte vertragen. Die Stadt hat Potenzial, in der Fläche zu wachsen, das ist aber nicht das Ideal. Wichtig wäre, eine innerstädtische Verdichtung anzustreben. Wir wissen schon jetzt, dass wir 2025 die 2-Millionen-Marke bei der Einwohnerzahl in Wien knacken werden, eine verdichtete Stadtplanung wäre die Antwort dafür. Die zentrale Herausforderung ist, wie man sich dafür wappnen wird, ob man leistbare Wohnungen haben wird oder ob es in einer Gettoisierung endet.

Haben Architekten einen schlechten Ruf?

Ja, zum Teil schon, aber das ist auch ein selbst verursachtes Problem. Viele Architekten haben das Bedürfnis, sich bei der Beschreibung ihrer Gebäude an besonders elitäre Ausdrücke zu klammern, die aber keiner außer ihnen versteht. Die Verwendung von komplexen Fachausdrücken führt dazu, dass viele die Architektur als unzugänglich betrachten. Doch um das Bewusstsein für unsere Arbeit zu schärfen, müssen wir die breite Masse ansprechen, damit diese anfängt, Architektur wahrzunehmen. Die Fremdwörter sollten wir uns für fachspezifische Kongresse oder Symposien aufbewahren. Ein weiterer Punkt ist, Architektur ist in unserer allgemeinen Bildung unterrepräsentiert. Die Baukunst ist ein wesentlicher Teil von Kultur und sie betrifft uns alle – denn jeder wohnt. Wir sind nicht dazu da, Formen zu erfinden und Farben auszusuchen.

Gibt es etwas, was Sie schon immer bauen wollten, aber bisher nicht die Möglichkeit dazu hatten?

Eine Tankstelle. Nach dem Studium denkt man sowieso, man könnte die ganze Welt revolutionieren. Und eine Tankstelle war für uns damals ein interessanter Ort mit einer Multifunktions-Architektur. Und letzten Endes sind sie noch heute völlig unterbewertet dafür, was sie eigentlich tatsächlich leisten.

Ist der Wunsch nach Rebellion ausgeträumt?

Mittlerweile ist er besser dosiert und weniger brachial.

Andreas Marth, Christian Waldner, Friedrich Passler, Herwig Spiegl haben mit Ingrid Hora (heute nicht mehr Mitglied) im Jahr 1999 das Büro gegründet. Heimische Bekanntheit erlangten sie mit der Gestaltung des Römersteinbruchs in St. Margarethen. Bislang konnte das Team zahlreiche Wohnbauten, öffentliche Raumgestaltungen, Kindergärten und Bürohäuser errichten. Vor Kurzem erhielt das Büro den Zuschlag für die Realisierung des Schulcampus Hamburg sowie den Neubau der Funke Media Offices in Essen.www.alleswirdgut.cc
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