Architektur: Ein Emmentaler im Kern von Wien

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Der Architekt David Chipperfield hat für Peek & Cloppenburg Monumentales in die Kärntner Straße gebaut: Was sagen die Fachleute dazu?

Kopfschütteln und Achselzucken: Die Passanten vor dem Wiener "Weltstadthaus" des Textil-Konzerns Peek & Cloppenburg und seiner Rasterfassade in der Kärntner Straße signalisieren Erregung bis Gleichgültigkeit gegenüber dem jüngsten Neubau in der City. Von "Brutalarchitektur" reden die einen, andere bemäkeln, der Shopping-Tempel sei "nicht modern, sondern modernistisch". Oder meinen: "Wenigstens kein weiterer Glaskobel." "Es ist wichtig, dass in Wien einmal nicht gezwungene ,schiefe' Häuser entstehen", sagt Gustav Peichl.

Die Frage ist nicht: Alt oder neu? Sondern: Qualität.

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Für ihn ist der Brite David Chipperfield "ein beachtenswerter Kollege, der zeitgenössische Architektur pflegt, ohne modisch zu sein. Und das ist schon sehr viel." Der P-&-C-Entwurf habe "vielleicht ein bisschen schwer verständliche Proportionen, ist aber gute Architektur".
Mit dem Bau "sehr glücklich" ist auch Manfred Wehdorn, ein Geburtshelfer der Altstadterhaltung und ihrer Instrumente in Wien: "Wir sind im Kern von Wien und damit des Weltkulturerbes. Aber das kann nicht heißen, dass man einen Glassturz darüber stülpt und nichts Neues baut. Eine Stadt lebt und entwickelt sich. Sie verändert ihr Antlitz wie wir Menschen." Die entscheidende Frage ist für Wehdorn nicht: Alt oder neu? Sondern: Qualität. "P & C ist eine ehrliche Lösung. Das Haus zeigt seine Funktion, es spiegelt wider, was sich drinnen abspielt", so Wehdorn. "Mir ist jedenfalls so ein kühler Bau dort lieber als irgendetwas, das sich an die Geschichte anbiedert. Ein Kaufhaus unserer Zeit ist eben nicht strukturiert."

"Ein geometrischer Emmentaler mit einer sehr ausgeprägten Plastizität."

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Chipperfield wollte eine Hülle schaffen, in der sich Verschiedenes entwickelt. Übrigens: Wollte das nicht auch Hans Hollein im Haas-Haus? Und dort hat es bekanntlich nicht funktioniert. "Bei P & C hat eine hochkarätige Jury, auch durch Politiker besetzt, entschieden. Daher muss das Haus gut sein", sagt mit Sarkasmus Architekt Heinz Neumann. Chipperfield habe "großartige, vorzügliche Arbeiten gemacht", etwa das Neue Museum Berlin und das Kaufhaus Tirol in Innsbruck. Aber das P-&-C-Objekt habe "überhaupt keinen Bezug zu den Gebäuden in der Nachbarschaft". Die bis zum Boden gehenden französischen Fenster sind "ein lustiger Gedanke" - doch nur im Erdgeschoss und vielleicht noch bis zum zweiten Stock. "Aber dass sich das bis hinaufzieht", dafür kann sich Neumann "nicht begeistern, weil mir durch die schmale Straße statt eines Platzes davor das Erlebnis des Hineinschauens oben verwehrt ist. Das Ganze ist ein geometrischer Emmentaler mit einer sehr ausgeprägten Plastizität." Der verwendete helle Sandstein ist für Neumann "nicht ganz eingefügt" ins Ambiente. Aber besteht nicht der Stephansdom aus demselben Material? Neumann: "Dann wird der Herrgott in seiner Güte gnädig herunterblicken, alles wird verwittern, und wir werden in 200 Jahren von einem Ensemble zwischen Dom und
Kaufhaus sprechen."

(KURIER) Erstellt am
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