Zwei-Klassen-Medizin: Wie sehr sie schon Realität ist

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Foto: /Abel Mitja Varela/iStockphoto Das Gesundheitssystem ist ein Patient mit vielen Beschwerden

Engpässe im öffentlichen Gesundheitssystem lassen die Privatmedizin boomen.


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Ein Jahr Wartezeit für die Erstuntersuchung eines Knotens in der Schilddrüse. Das passierte 2015 einer Patientin in einer städtischen Spitalsambulanz in Wien. In einem anderen Spital bekam sie innerhalb von vier Monaten einen Termin. Immerhin, könnte man meinen. Unendlich lange, betont die Wiener Patienten- und Pflegeanwältin Sigrid Pilz. Sie verweist auf die psychische Belastung, Monate auf eine Diagnose warten zu müssen.

Das ist nur ein Beispiel von vielen aus dem druckfrischen Jahresbericht 2015 der Wiener Pflege- und Patientenanwaltschaft (WPPA), den Pilz vergangenen Mittwoch präsentierte. Monatelange Wartezeiten sind ein "besorgniserregender Trend". "Notorisch" sei dies neben den erwähnten Schilddrüsenszintigrafien bei MRT-Untersuchungen, Strahlentherapien sowie Hüft- und Knieprothesen. "Die Patienten fragen zu Recht, warum sie Beträge in ein solidarisches System einzahlen und dann bei wichtigen Inanspruchnahmen nicht darauf zählen können, zeitnah versorgt zu werden."

In den Privatbereich gedrängt

Viele Betroffene weichen daher in den privaten Bereich aus – oder werden dazu gedrängt. "Mir liegen Berichte vor, dass das Normalversicherten angeboten wird", sagt Pilz. Sie fordert den Ausbau der medizinischen Basisversorgung. Dass sich die Schere einer Mehr-Klassen-Medizin eher weiter öffnet als schließt, belegt für Pilz die steigende Zahl an Wahlärzten. Der Bedarf nach privater, also "bevorzugter" Versorgung, steigt, wie auch die Grafik zeigt (lesen Sie bitte unterhalb der Illustration weiter).

Kassenärzte versus Wahlärzte Foto: KURIER-Infografik "In Österreich haben über 30 Prozent der Bevölkerung eine Art von privater Krankenversicherung, 22 Prozent der österreichischen Gesundheitsausgaben sind private Gesundheitsausgaben – also Privatversicherungen plus privat finanzierte Ausgaben", sagt die Gesundheitsökonomin Univ.-Prof. Judit Simon von der MedUni Wien.

Wer profitiert

Zu den Profiteuren dieses Umstands zählt Christoph Sauermann, Gründer der Wiener Privatmedizin-Gesellschaft Mediclass. Er notiert regen Wahlärzte-Zulauf – sowohl bei Medizinern als auch bei Patienten. "Durch das neue Arbeitszeitgesetz verlieren Ärzte Überstunden. Sie haben daher mehr Interesse an Privatordinationen. Die Patienten wiederum erleben, dass die Spitäler ihre Leistungen im ambulanten Bereich drastisch reduzieren mussten, der niedergelassene Bereich ist überlastet. Das führt zu einem erhöhten Bedarf an Wahlärzten."

Die Existenz einer Drei-Klassenmedizin sei für ihn längst Faktum: "Es gibt Patienten mit normaler Sozialversicherung und solche, die sich einen Wahlarzt leisten können beziehungsweise zusatzversichert sind." Und schließlich existiere da noch die typisch österreichische Lösung des "Da kenn ich wen".

Ob der Gang zum Privatarzt langfristig bessere Ergebnisse bringt, ist allerdings offen: "Eine Privatversicherung führt definitiv zu einer höheren Patientenzufriedenheit. Ob sie auch zu besseren Ergebnissen führt, ist derzeit nicht klar, weil Probleme wie Überdiagnosen und Überbehandlung im Kontext von Privatversicherungen ebenfalls Thema sind. Relevante und vergleichbare nationale Belege fehlen, internationale Daten sind nicht eindeutig", sagt Judit Simon.

Versorgungsproblem

"Es gibt in Österreich keine Zwei-Klassen-, sondern eine Viel-Klassen-Medizin", analysiert auch Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer, Podiumsgast bei der KURIER-Diskussion am 6. 6. (siehe ganz unten). Das liege an den unterschiedlichen Leistungs- und Honorarkatalogen der Krankenkassen. "Bekommt ein Arzt bei manchen Kassen ein höheres Honorar für eine bestimmte Leistung, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass er sich mehr Zeit nimmt."

Das Problem seien die Unterschiede in der Versorgung, nicht bei der Behandlung: "Ist der Patient einmal bis zum Spezialisten vorgedrungen, gibt es in 99 Prozent der Fälle keine Unterschied in der Behandlung – egal, welche Versicherungen er hat." Nur der Weg dorthin sei unterschiedlich – vor allem unterschiedlich lang: "Versorgung heißt: Den richtigen Patienten und den richtigen Arzt zur richtigen Zeit zusammenzuführen. Und das wird bei einem Wahlarzt häufig besser klappen."

ARCHIVBILD: THEMENBILD: MEDIZIN / GESUNDHEIT / SPI Foto: APA/HELMUT FOHRINGER Monatelange Wartezeiten auf einen MRT-Termin Dieser sei nämlich an einer "Patientenbindung" interessiert, kümmere sich eher darum, dass der Patient den nächsten Kontrolltermin ausmacht: "Patienten müssen motiviert werden. Im Kassensystem, bei vollen Wartezimmern und geringer Honorierung einzelner Leistungen, sind die Ärzte da weniger dahinter."

87 Prozent der Patienten mit chronischer Herzschwäche würden nicht die richtigen Medikamente in der richtigen Dosierung erhalten – weil sie nicht regelmäßig zum Arzt kommen: "Diese Patienten muss man motivieren, sie anrufen. In vielen Ländern gibt es Programme der Sozialversicherer, Patienten an ihre Termine zu erinnern. Bei uns heißt es: Wer nicht zum Arzt geht, ist selbst schuld. Damit nimmt man in Kauf, dass diese Menschen früher sterben."

Neurologische Störung

Gesundheitsökonomin Simon sieht zudem Mängel bei der Prävention, beim Alkohol- und Nikotinkonsum sowie beim Diabetes- oder Asthma/COPD-Management. "Da steht Österreich im internationalen Vergleich sehr schlecht da." Wäre das heimische Gesundheitssystem ein Patient, würde sie eine "neurologische Störung" diagnostizieren, bei der "verschiedene Körperteile ziemlich unabhängig vom zentralen Nervensystem agieren. Selbst wenn jeder Teil sein Bestes versucht, heißt das nicht, dass das Ganze effizient und gerecht funktioniert."

Optimierungspotenzial sieht sie in einer besseren Planung und Koordination zwischen den einzelnen Sektoren, bei der vermehrten Zusammenarbeit in Sachen Finanzierung und Versorgung sowie bei der Prävention.

Pichlbauer: "Wir müssen weg vom derzeitigen System, wo jede Leistung einzeln abgerechnet wird. Wir benötigen ein Mischsystem für alle ambulanten Dienstleistungen, etwa auch mit leistungsunabhängigen Pauschalen, in denen zum Beispiel auch Anrufe bei Patienten abgedeckt sind."

Lesen Sie am Montag: Der Frust der Ärzte

Veranstaltungshinweis:

ngen-46-81080361.gif Foto: kurier

Beispiel Bandscheibenvorfall

Zwei-Klassen-Medizin im Selbstversuch

Der Kernspintomograph gibt den Takt vor. Das rhythmisch schlagende Hämmern dringt trotz Kopfhörer unerbittlich in meine Gehörgänge. Eine gute Viertelstunde soll die Untersuchung dauern. Ich bilde mir ein, dass mein Kopf noch ein paar Millimeter aus der engen Röhre ragt, vielleicht bleiben die befürchteten Panikattacken deshalb aus. Akuter Bandscheibenvorfall heißt die Diagnose, wie schwer sollen die Aufnahmen zeigen. Am Wochenende zuvor ein falscher Schritt, ein Stich im Kreuz. Zwei Tage später treiben mich immer heftiger werdende Schmerzen zum Arzt.

Ein Termin bei einem Kassenfacharzt? Frühestens in zehn Tagen heißt es. Beim Privatarzt, er ist Oberarzt an einem orthopädischen Spital, sitze ich keine zwei Stunden später in der Ordination.

Bezahlung in bar

Der Faserring zwischen meinen untersten Lendenwirbeln ist wahrscheinlich eingerissen, deshalb tritt Gallertmasse aus der Bandscheibe aus und drückt auf den Nervenstrang. Für eine weitere Abklärung muss ich in einen Kernspintomografen. Für die ärztliche Leistung werden 150 Euro verrechnet, inklusive einer schmerzlindernden Injektion. Für jede weitere Konsultation sind 50 Euro fällig. Wir sehen uns dann in zwei, drei Wochen, meint der Arzt, früher werden Sie beim Radiologen keinen Termin bekommen, es sei denn, Sie bezahlen in bar.

250 Euro ärmer liege ich keine 24 Stunden später in der Röhre, der früheste Termin wäre tatsächlich erst in drei Wochen möglich gewesen. Ohne Wartezeit werde ich am Institut an den wartenden Patienten vorbeigelotst, eine  Assistentin klärt mich ausführlich auf. Der Radiologe zeigt mir anschließend die Bilder, nimmt sich Zeit für meine Fragen. Wenig später humple ich mit Befund und Bildern aus der Praxis, die Warteschlange am Schalter ist noch um ein Stück länger.

Bitte warten!

Der Wahlarzt legt meinen Therapieplan fest, wöchentlich zwei Injektionen (jeweils 50 Euro), Medikamente, Physiotherapie (65 Euro je Einheit) und eine CT-gezielte Nervenwurzelinfiltration. Letzteres klingt übel, ist leider noch viel schlimmer. Man liegt bei dieser Schmerzbehandlung in einem Computertomografen, der Radiologe misst dabei auf den Millimeter exakt aus, wo sich die Nervenwurzel neben der Bandscheibe befindet, dorthin injiziert er eine Kortisonspritze. Angeboten wird das in einigen öffentlichen Krankenhäusern. Wartezeit? Sechs bis sieben Wochen!

Ein Anruf in einer Privatklinik und fünf Stunden später setzt mir dort der Chef persönlich die Nadel an, für 450 Euro. Kein Schnäppchen, bei immer unerträglicher werdenden Schmerzen ist der Kontostand aber egal.

Wartelisten immer länger

Die Infiltration wird nochmals wiederholt, die Probleme bleiben, die Therapie zeigt keine Wirkung, eine Operation ist unumgänglich. Und wieder heißt es: bitte warten. Diesmal auf den OP-Termin. Drei bis vier Wochen, sagt mein Arzt, wir haben viel zu wenig Personal, die Wartelisten werden täglich länger. Auf manche Operationen, wie etwa ein Hüftgelenk, wartet man bis zu einem Jahr.

Die nächsten Tage versuche ich es in anderen Spitälern. Auch hier blitze ich ab. Mein Glück: Ein OP-Termin fällt aus, ich werde eingeschoben und früher operiert. Nach zehn Tagen Spitalsaufenthalt werde ich entlassen. Bis der Chirurg das Skalpell an meine Wirbelsäule ansetzt, habe ich für meine Behandlungen knapp 1800 Euro bezahlt.

Grenzen aufgezeigt

Willkommen in der Welt der Zwei-Klassen-Medizin. Wer gesund ist, kennt das Schlagwort nur vom Hörensagen, im Krankheitsfall werden die Grenzen als Kassenpatient schnell aufgezeigt. Eine Privatversicherung habe ich nie abgeschlossen. Abgesehen von ein wenig Schnupfen und ein, zwei Mal eine Grippe, war ich immer gesund.

Als Privatpatient wurde ich von der medizinischen Leistung her wahrscheinlich nicht besser behandelt als ein Kassenpatient. Aber als Barzahler bin ich schneller wieder auf den Beinen, wurde viel besser beraten und war früher wieder im Job.

Während meines Krankenstandes wurden mir Dutzende Geschichten zugetragen, wie Privatpatienten bevorzugt behandelt werden, wie sie, so wie ich, schnellere Termine bekommen, wie man sich in Krankenhäusern besser um sie kümmert, dass der Chef persönlich operiert und dass manche Privatärzte ihre eigenen Patienten in den Spitälern bei Operationen vorreihen sollen. Das „mehr an Leistung“ und Komfort kostet freilich extra Geld, das ist legitim, schafft aber ein Ungleichgewicht, das immer evidenter wird.

„Krebsgeschwür“

Ein Arzt, der anonym bleiben will, diagnostiziert es dramatischer. Die Zweiklassen-Medizin nennt er „ein wucherndes Krebsgeschwür“, das unser „Gesundheitssystem irgendwann von Innen zerstören wird.“ Mit dem Nachsatz: „Wer sich nicht zusatzversichert, ist selber schuld.“

(von Stefan Kaltenbrunner)

Privat versichert: Vor- und Nachteile

Rascher versorgt, aber hohe Prämien und Selbstbehalte

„Wer einmal sechs Wochen auf einen Termin für eine Magnetresonanz-Untersuchung gewartet hat und die finanziellen Mittel hat, entscheidet sich dann rasch für eine private Krankenversicherung“: Arno Schuchter, Vertriebsvorstand der Generali Vienna, trifft den Schmerzpunkt des heimischen Gesundheitssystems: Lange Wartezeiten auf Behandlungen für die Pflichtversicherten, kurze Wartezeiten  für die privat Versicherten – allerdings: Das ist teuer.

1,6 Millionen Österreicher leisten sich dennoch eine private Zusatzversicherung für den Krankheitsfall. Die meisten dieser Verträge inkludieren eine Sonderklasse im Krankenhaus, also ein Ein- oder Zweibettzimmer. Der Vorteil für privat Versicherte: Sie können auch in Privatspitäler gehen, die Versicherung deckt auch diese Kosten. Die gesetzliche Krankenversicherung zahlt nur Aufenthalte in Krankenanstalten, mit denen sie einen Vertrag hat.

Zusatzpakete

Zur reinen Sonderklassenversicherung kann man noch Zusatzpakete wählen wie etwa Privatärzte, alternative medizinische Behandlungen oder Taggeldversicherungen.

Ist das alles inkludiert, kommt das privat Versichern ordentlich teuer. Um die 200 Euro beträgt die Monatsprämie in diesem Fall. Dazu kommt noch, dass die meisten Versicherungen Selbstbehalte vorsehen.  Der Versicherte übernimmt also Krankenkosten bis zu einem bestimmten Betrag selbst. Meist beträgt diese Grenze 800 Euro. Versicherungstarife mit Selbstbehalten sind dafür um einiges günstiger. Manche Versicherungen bieten auch an, Teile der Prämien rückzuerstatten, falls in einem Jahr keine Leistung bezogen wird.

Unübersichtlich

Vor dem Abschluss einer privaten Krankenversicherung sollten die Tarife der einzelnen Anbieter verglichen werden. Dies ist leichter gesagt als getan. Die Angebote gleichen einem Dschungel und sind wegen der breit gefächerten Palette an Leistungen, die sie beinhalten, kaum vergleichbar.

Dazu kommt, dass das Alter und der Gesundheitszustand bei Abschluss einer Privatversicherung wesentlich zur Prämienhöhe beiträgt. Wenn Eltern schon ihr Kind privat versichern, sind die Prämien noch niedrig. Wer über 40 ist und mit einer privaten Assekuranz beginnt, muss viel tiefer in die Tasche greifen als das früh versicherte Kind, wenn es einmal 40 ist.  Außerdem: Die privaten Versicherungen können Menschen ablehnen, die bei Abschluss eine schwere Krankheit haben.

(von Irmgard Kischko)

(kurier) Erstellt am
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