Zucker ist böser als Fett

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Früher galt Fett als das größte Übel in der Ernährung, jetzt steht Zucker im Kreuzfeuer der Kritik.

Die Ernährungsindustrie hat es nicht leicht – zuerst hat man ihr verboten, auf ihren Packungen Bezeichnungen wie "Diät" zu verwenden. Seither findet man auf Milchprodukten, Süßigkeiten und Fertignahrung Hinweise wie "Fettarm" oder "Nur 0,1% Fett". Jetzt heißt es neuerdings, Fett ist gar nicht so böse, Zucker ist viel schlimmer.

Den Beweis dafür tritt der Regisseur und Schauspieler Damon Gameau in seinem Dokumentarfilm "Voll verzuckert – That Sugar Film" aktuell in den Kinos an. Der Australier, der zunächst drei Jahre auf jeglichen zugesetzten Zucker verzichtete und Süße nur aus Früchten, Gemüse und Milchprodukten zu sich nahm, wagt darin einen Selbstversuch. Er verändert seinen Speiseplan für 60 Tage so, dass er so viel Zucker zu sich nimmt, wie ein durchschnittlicher australischer Jugendlicher. Die aufgenommene Kalorienmenge und der Lebensstil bleiben gleich. Und er verzichtet auf klassische Zuckersünden wie Softdrinks und Süßigkeiten – dafür greift er zu Lebensmitteln mit verstecktem Zucker wie zu fettarmem Fruchtjoghurt und zu Smoothies.

Nicht zufällig erinnert die Doku an den Film "Supersize Me", in dem der Amerikaner Morgan Spurlock sich ein Monat lang nur von Fast-Food ernährt und die negativen Auswirkungen auf seinen Körper vorführt. Und auch hier demonstriert Gameau, dass er nach zwei Monaten 8,5 Kilo mehr wiegt, zehn Zentimeter mehr Bauchumfang hat und seine Blutwerte sich drastisch verschlechtern. So wie seinerzeit Spurlock Fast-Food verteufelt hat, stellt Gameau jetzt Zucker an den Pranger.

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Zucker vs. Zucker

Ganz so einfach ist es aber nicht, sagt Katharina Phillipp vom Verband der Ernährungswissenschafter, die den Versuch des Australiers als plakativen Einzelfall sieht. "Die Industrie hat schon viel getan, um die Produkte zu verbessern. Wenn ich beim Joghurt aber das Fett wegnehme, muss der Geschmack irgendwo anders herkommen und wird mit Zucker ersetzt." Es gebe aber noch immer Kinderlebensmittel, die viel Zucker enthalten und bei denen Laien glauben, dass sie gesund sind, weil sie für Kinder gemacht wurden.

Generell müsse man zwischen Zucker und Zucker unterscheiden: "Cola enthält zum Beispiel weniger Zucker als Apfelsaft, aber der Saft enthält viele andere wichtige Vitamine und Inhaltsstoffe." Auch Smoothies würden viel Zucker enthalten, dieser sei aber nicht zugesetzt, sondern stammt von den Früchten. "Smoothies werden allerdings oft als Getränk zu einer Mahlzeit konsumiert – sie sind aber selbst wie eine eigene Zwischenmahlzeit." Zum Durststillen empfiehlt Phillipp eher Wasser oder stark verdünnte Säfte.

"Zucker ist gefährlich"

Viel kritischer ist da der Hormonspezialist und Ernährungsmediziner Christian Matthai. In seinem Blog 365tagezuckerfrei hat er von seinem Jahr ohne Zucker berichtet und sagt heute: "Ich halte Zucker für gefährlich. Er stört den Stoffwechsel und gefährdet die Gesundheit." Dabei schlägt er in dieselbe Kerbe wie der Dokumentarfilmer Gameau: "Das Problem ist nicht die Süßigkeitenindustrie, sondern der versteckte Zucker in vielen salzigen Lebensmitteln." Sei es Fertig-Sugo, Rotkraut aus der Packung oder sogar Brot – "Wenn man nicht genau auf die Packung schaut oder alles selber macht, ist es schwierig, zuckerfrei zu leben."

Schlanke Diabetiker

Problematisch sei, dass viele Menschen ihren Zuckerkonsum an ihrer Figur orientieren: Wenn sie zunehmen, essen sie weniger Süßigkeiten. "Viele wissen nicht, dass 15 Prozent aller Typ-2-Diabetiker schlank sind. Allein die übermäßige Zuckerzufuhr kann krank machen."

Matthai plädiert daher für einen bewussten Umgang mit Zucker. Vieles könne mit natürlicher Süße aus Honig, Agaven- oder Ahornsirup gesüßt werden. "Damit sollte man es aber auch nicht übertreiben, es ist noch immer Zucker."

Laut Phillipp gehe der Trend in der Ernährungs- und Sportmedizin ohnehin in Richtung Individualität: "Die einen kommen mit weniger Kohlenhydraten aus, die anderen brauchen mehr." Die Ernährungspyramide gebe eine gute Orientierung, aber in der Forschung zeigen sich diverse Ernährungs- und Bewegungstypen, auf die man immer mehr eingehen wird.

(kurier) Erstellt am
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