Wie US-Serien unser Weltbild verzerren

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Fernsehserie, Bildhin…
Foto: /bulentgultek/iStockphoto    

Serien-Junkies verwechseln häufig Fiktion mit Realität – etwa, wenn es um die Todesstrafe geht.


Montags ordinieren die Ärzte von "Grey’s Anatomy", dienstags ermitteln die Profiler von "Criminal Minds", mittwochs "The Mentalist" – und auf den diversen Online-Plattformen sind US-amerikanische Serien sowieso rund um die Uhr abrufbar.

TV-Produktionen aus den USA gehören in Österreich längst zum Fernsehalltag. Doch welchen Einfluss hat der regelmäßige Konsum amerikanischer Serien auf die Zuseher? Forscher des Zentrums für Public Health der MedUni Wien haben auf diese Frage nun eine Antwort gefunden. In einer Umfrage mit 322 Personen fanden sie heraus, dass Menschen, die viel fernsehen, öfter an Alltagsmythen glauben. Konkret wurden Fragen zum Fernsehkonsum und zur Todesstrafe gestellt ("Wie viele Personen sitzen in Österreich derzeit im Todestrakt?"). Das Ergebnis: 11,6 Prozent der Befragten glauben, dass es in Österreich nach wie vor die Todesstrafe gibt – je häufiger sie Serien konsumierten, desto eher waren sie dieser Meinung. Und zwar unabhängig von Alter, Bildung und Geschlecht.

Cold Case - Kein Opfer ist je vergessen Foto: APA/ORF Cold Case

Viele US-Krimis

Dass Serien nicht nur Werte und Einstellungen, sondern auch das Wissen über grundlegende Bestandteile des Rechtssystems beeinflussen, kam auch für Studienleiter Benedikt Till überraschend. "Das ist vermutlich durch den hohen Anteil an amerikanischen Filmen und TV-Serien im österreichischen Fernsehen zu erklären", sagt er. "Vor allem in Krimis wird häufig das amerikanische Justizsystem, in dem die Todesstrafe einen großen Stellenwert einnimmt, porträtiert."

Seit es Fernsehen gibt, wird erforscht, wie es die Sicht der Menschen auf die Welt verändert. In den Siebzigerjahren stellte der Kommunikationswissenschaftler George Gerbner die These auf, dass Vielseher die Welt so betrachten, wie sie auf dem Schirm dargestellt wird. Heute ist sie vielfach bestätigt, erklärt Jörg Matthes, Vorstand des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Uni Wien. Durch Krimi-Serien überschätzen Menschen etwa die Häufigkeit krimineller Ereignisse. Ihr verzerrtes Weltbild steigt mit dem Konsum – die Erklärungen sind vielschichtig: "Es kommt auf Bildung, Persönlichkeit und soziodemographische Daten an", sagt Matthes.

CSI Miami Foto: APA/ORF/Cliff Lipson CSI: Miami

Ähnlich sieht es Volker Gehrau, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Münster. Er beschäftigte sich zuletzt mit Serien, die Schülern ein verzerrtes Bild von der Berufswelt vermitteln – statt als Handwerker arbeiten TV-Idole meist als Ärzte, Designer oder im Medienbereich. Über- und Fehleinschätzungen sind laut Gehrau Effekte von Fernsehkonsum, die immer wieder, aber selten auftauchen. "Es gibt Leute, die aus den Medien fiktionale Inhalte oder reale Information über die Todesstrafe bekommen und diese auf die realen Verhältnissen übertragen. Das ist aber kein Massenphänomen." Gehrau spricht von einem Scheineffekt – denn TV-Konsum ist in der Gesellschaft nicht gleich verteilt. "Höher Gebildete schauen weniger fern als weniger Gebildete. Sozialpolitisch interessierte Menschen wissen dann auch, dass es die Todesstrafe in Österreich nicht gibt."

Grey's Anatomy Foto: ORF/Kelsey McNeal Grey's Anatomy

Benedikt Till fordert einen kritischeren Umgang mit Medienkonsum und Aufklärung in Schulen. Mehr heimische TV-Produktionen würden seiner Meinung nach nichts ändern. Am Ende hilft nur eines: Zwischen den Serien auch mal Nachrichten schauen.

(KURIER) Erstellt am
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