Wie erfolgreich Tiere als Co-Therapeuten sein können

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Foto: /MayaCom/iStockphoto Alpacas gehören zu den geduldigsten Tieren im therapeutischen Einsatz.

Ein Projekt im Waldviertel zeigt, wie erfolgreich tiergestützte Therapie ist.

Die Zwergziegen weichen ein Stück zurück, als der Mediziner Wolfgang Schuhmayer mit seiner Patientin den Stall seines Anwesens in Großmotten im Waldviertel, NÖ, betritt. Der Arzt setzt sich neben die Frau auf eine Bank und fordert sie auf, eine der Ziegen einzufangen und zur Bank zu holen. Das funktioniert beim zweiten Anlauf. Nächste Aufgabe der Patientin: Das aufgeregt zappelnde Tier zu beruhigen. Schuhmayer greift nicht ein, beobachtet nur.

Was Tiere anzeigen

"Für mich ist das Tier ein Anzeiger, der den Zustand des Patienten viel genauer wieder gibt, als ich das wahrnehmen könnte", erklärt Schuhmayer. Der 190 Zentimeter große Mediziner, der früher für die Pharmaindustrie arbeitete, hat sich den Traum erfüllt, zum Heilberuf zurück zu kehren. Vor zwei Jahren hat er sich im Waldviertel niedergelassen und das "Austrian Institute for Animal Assisted Therapy & Research" (AIAATR) gegründet. Nachdem er sein ganzheitliches Konzept der medizinisch orientierten, tiergestützten Therapie entwickelt hat, das er in Großmotten nahe Gföhl unter optimalen Bedingungen umsetzen kann. Seither ist er immer wieder überrascht, wie wirkungsvoll die Methode ist, wenn er mit Menschen arbeitet, die beispielsweise an bipolarer Störung, Burn-out, Depression, Borderlinestörung, Angststörungen oder Posttraumatischer Belastungsstörung leiden.

Tiergestützte Therapie Schuhmayer… Foto: KURIER/Gilbert Weisbier Mediziner Wolfgang Schuhmayer

Die 29-jährige Studentin Anna (Name von der Redaktion geändert) hat seit 2010 wegen ihrer schweren Depression insgesamt drei Gesprächstherapien hinter sich gebracht. Nahm bis zuletzt zwei verschiedene Psychopharmaka ein. "Die Therapeuten hatten alle ihr Gutes, ich fühlte mich angenommen, aber es wurde immer nur auf das Problem geschaut", berichtet sie nach vielen Dutzend Sitzungen. "Aber Doktor Schuhmayer, von dem ich in einer Radiosendung hörte, war der erste, der mein Trauma erkannt hat", ergänzt sie und lacht. Nach einer Intensivwoche auf Schuhmayers Hof fühlt sich sie sich nämlich "komplett anders".

Neue Kraft

Anna betont: "Ein Medikament brauche ich gar nicht mehr, beim anderen reicht ein Viertel der bisherigen Dosierung. Jetzt habe ich wieder die Kraft, mein Studium fertig zu machen."

Schuhmayer erklärt den Unterschied der Konzepte: "Bei Gesprächstherapie bleibt alles theoretisch. Auch die Lösungsvorschläge kann man nicht ausprobieren, bis man wieder mitten im Leben steht und unter dem Druck vielleicht wieder in alte Muster zurück fällt."

In seinem Institut trainiert der Patient Achtsamkeit und eigenes Verhalten am Umgang mit den Tieren – nämlich Alpacas, Zwergziegen oder einem Zwergmuli – so lange, bis er die Methode umsetzen kann.

"Es funktioniert wirklich"

Stock-Fotografie-ID: 76568217… Foto: /CVANT/iStockphoto "Früher habe ich mich vor dominanten Menschen gefürchtet. Heute denke ich: ich mach’s bei dem genau so wie beim Muli und es funktioniert wirklich", lacht die Studentin, die in der Vergangenheit einen Teilzeitjob annehmen musste, um Therapiestunden bezahlen zu können.

"Bei uns ist die Sache in den meisten Fällen – natürlich abhängig von der Schwere – nach zwölf Einheiten zu 50 Minuten erledigt und der Patient ist so weit, dass er sein Leben wieder anpacken kann", erzählt Schuhmayer, zu dem inzwischen besonders viele Traumapatienten nach sexuellem Missbrauch oder mit Panikattacken kommen.

Wer sich dafür interessiert, kann den Arzt, die Tiere und seine Methoden am 9. April 2016 bei einem offenen Nachmittag am Hof kennen lernen.

Nähere Infos: www.aiaatr.com

Vielfältige Angebote

Die Stärken von Tieren in der Therapie nutzen

Hunde und Pferde stehen seit Langem als Co-Therapeuten bereit – auch Katzen, Kleintiere und Vögel haben sich bereits bewährt. Ebenso hilfreich im tiergestützten Setting sind Ziegen, Schafe, Schnecken & Co. Der gezielte Einsatz von tierischen Therapeuten wirkt sich positiv auf das Erleben und Verhalten von Menschen mit körperlichen, geistigen oder sozialen Defiziten aus, ebenso wie bei psychischen Problemen.

Kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz Hofgeism Foto: dapd/Swen Pfoertner Therapiehunde müssen auf Patienten vorbereitet werden Ohne spezielle Ausbildung und ohne konkrete Behandlungsziele können Qualität und Erfolg des Vorhabens auf der Strecke bleiben. ESAAT, der Europäischer Dachverband für tiergestützte Therapie, unterscheidet je nach Umfang der Qualifikation und Schwerpunkt Tiergestützte Therapie, Therapiebegleittiereinsatz und Tiergestützten Besuchsdienst.

Viele Studien belegen den positiven Effekt, den (Haus-) Tiere allein durch ihre Anwesenheit haben. Hunde z.B. regulieren den Blutdruck ihres Gegenübers, sie reduzieren Spannungszustände und regen die Kommunikation an. Kaninchen beeinflussen Gehirnströme. Katzen erhöhen die Überlebenschance von Herzpatienten. Als geschulte Co-Trainer in den bewährten Therapieformen wie u.a. Ergo, Logo, Physio oder auch in der Pädagogik lassen sich die Stärken gut nutzen.

(kurier) Erstellt am
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