Wissen und Gesundheit
11.12.2011

Wie die Umwelt viele dick macht

Die steigende Zahl Übergewichtiger ist keine medizinische, sondern in erster Linie eine politische Frage, so ein Experte.

Das Ausmaß des Anstiegs ist unterschiedlich, der Trend aber überall derselbe: In allen OECD-Ländern hat sich in den vergangenen 20 Jahren die Zahl der stark übergewichtigen (adipösen) Menschen erhöht, in manchen sogar verdoppelt. „Die Betroffenen sind oft Vorwürfen wie ,selbst schuld‘ ausgesetzt – aber wer das sagt, übersieht die Verantwortung der Gesellschaft“, sagt Univ.-Prof. Thomas R. Pieber, Leiter der Stoffwechselabteilung der MedUni Graz. „Übergewicht ist keine rein medizinische, es ist auch eine politische und soziale Frage“, betonte Pieber auf einer Veranstaltung des Wissenschaftsfonds FWF.

KURIER: Was sind die Hauptursachen für den Anstieg?

Thomas Pieber: Eine das Übergewicht massiv begünstigende Umwelt: Übergewichtige Eltern haben häufiger übergewichtige Kinder. Babys, die nicht oder nur kurz gestillt werden, nehmen mit industrieller Nahrung um 20 Prozent mehr Kalorien zu sich. Ein Kilo eines industriell gefertigten Lebensmittels enthält heute fast doppelt so viele Kalorien wie vor 40 Jahren. In den USA hat sich die Größe der Tiefkühlpizzen in den vergangenen 25 Jahren verdoppelt, ihre Kalorienmenge verdreifacht. Auch der Ausfall von Familienmahlzeiten fördert Übergewicht.

Und außerhalb der Familie?

Da sind es u. a. der unzureichende Schulsport, generell zu wenig Bewegungsraum, unsichere Straßen, zu wenig sichere Radwege. In Deutschland haben 70 Prozent der Schulkinder Schulwege, die kürzer als 2,5 km sind. Trotzdem werden 80 % dieser Kinder mit dem Auto zur Schule gebracht.

Was halten Sie vom Vorstoß der steirischen Landesrätin Christina Edlinger-Ploder für ein Verkaufsverbot von Fast Food und stark zuckerhaltigen Getränken an Schulbuffets?

Das ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. Vor allem aber hat diese Politikerin erkannt, dass wir davon wegkommen müssen, Übergewicht als individuelles Problem zu sehen. Es wird aber immer ein Bündel an Maßnahmen nötig sein. So würde auch ein Unterrichtsfach Ernährung alleine nicht ausreichen, das Essverhalten zu ändern. Wichtig sind Strategien darüber hinaus: Etwa eine Stadtplanung, die einen ausreichenden Anteil an Fußwegen vorsieht; eine Einschränkung des Marketings – von Fast-Food-Firmen gesponserte Sportveranstaltungen sind ein Widerspruch in sich. Und man sollte auch steuerliche Maßnahmen, die gesundes Essen billiger, sehr energiereiches aber teurer machen, diskutieren. Es ist wie beim Rauchen: Auch dort hängt das Konsumverhalten vom Preis, der Verfügbarkeit, dem Ausmaß der Werbung und Rauchverboten ab.

Gibt es Vorzeigeländer?

In Schweden hat sich der Trend bei Kindern bereits umgekehrt, dort sinkt das durchschnittliche Körpergewicht eines Jahrgangs. Dort hat man aber viele Einzelmaßnahmen gesetzt: Von der Förderung des Stillens über mehr Sportangebote bis hin zu gemeinsamem Essen in den Schulen. Ganz besonderes Augenmerk wird auf die Unterstützung sozial schlechter gestellter Gruppen gelegt. In der einkommensschwächsten Bevölkerungsschicht ist das Risiko für Übergewicht doppelt so hoch wie in der einkommensstärksten. Das hat mit vielen sozialen Faktoren zu tun. Die Knappheit der finanziellen Mittel ist nicht die zentrale Ursache dafür.

Warum eigentlich ist Abnehmen so schwer?

Der Körper kennt rund 50 Mechanismen, um sein Körpergewicht zu halten oder, wenn man abgenommen hat, es wieder zu erhöhen. Aber es gibt keinen Mechanismus, der uns vor dem Dicksein schützt – schließlich gab es in der Entwicklung der Menschheit nie das Problem, dass zu viel Nahrung zur Verfügung stand. Dabei führt extremes Übergewicht zu bis zu zwölf Mal mehr Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bis zu vier Mal mehr Todesfällen durch Krebs.

Was raten Sie Eltern?

Sie müssen wissen, dass Kinder alles, was sie in den ersten zwei Lebensjahren essen, dann auch später als gut empfinden. In den ersten beiden Lebensjahren werden die Vorlieben geprägt. Wer darauf achtet, kann sich später viel Ärger ersparen.

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