Harald Meller mit der Himmelsscheibe von Nebra.

© /Fabrizio Bensch

Wissen und Gesundheit
09/09/2016

Wer die Himmelsscheibe von Nebra anfertigen ließ

Deutsche Forscher glauben jetzt zu wissen, wer der Auftraggeber der ältesten bekannten Darstellung des Kosmos war.

Auch wenn das Wort heutzutage oft benutzt wird: Echte Sensationsfunde sind selten. Die Entdeckung der Himmelsscheibe von Nebra vor 17 Jahren gehört allerdings sicher in diese Kategorie. Die älteste bekannte Darstellung des Kosmos, ein 2,1 kg schwerer, grün schimmernder Metall-Diskus, auf dem 32 Sterne prangen, belegt nicht weniger, als dass die angeblichen Hinterwäldler aus dem heutigen Mitteldeutschland nach Kalender lebten. Mittlerweile ist die Scheibe, die wohl um 1900 vor Christus entstand, bis in ihre molekularen Untiefen gut erforscht und auch über das Volk, das sie benutzte, ist mehr bekannt. Nur: Wer der Vater der Himmelsscheibe ist, blieb ein Geheimnis.

Bis jetzt, denn nun sagt Harald Meller, der Hüter der Scheibe und Direktor des Halleschen Landesmuseums für Vorgeschichte, im KURIER-Interview: "Der Auftraggeber der Himmelsscheibe ist gefunden."

Er könnte durchaus ein Gott gewesen sein. Oder zumindest wurde er von den Zeitgenossen für einen solchen gehalten. Denn sein Mausoleum, das Meller jetzt ausgemacht haben will, war gewaltig: 80 Meter Durchmesser und 23 Meter Höhe hatte der Grabhügel, den man für ihn auftürmte – der größte bronzezeitliche Grabhügel Mitteleuropas.

Doch der Reihe nach

Meller nimmt uns mit auf einen Ausflug in die Bronzezeit: "Sie müssen sich vorstellen, wir sind in der Zeit zwischen 2000 und 1600 vor Christus. Der kulturelle Mittelpunkt war damals nicht Österreich und auch nicht Ungarn oder Bayern, sondern Mitteldeutschland." Die Menschen dort bildeten eine Kulturgruppe, die man nach einem böhmischen Gräberfeld Aunjetitzer Kultur nennt. Sie siedelten von Schlesien über Halle und Gothar bis nach Böhmen und Niederösterreich hinein. "Das Besondere an ihnen: Sie lebten in einer extrem hierarchischen Gesellschaft, an deren Spitze reiche, mächtige Gottkönige standen, die in Hügelgräbern und mit goldenen Waffen bestattet wurden, wie sie sonst nur ägyptische Pharaonen hatten."

Luftbilder

Bisher fehlte dem Landesarchäologen allerdings Entscheidendes, um seine These zu belegen: das Mausoleum nämlich. "Jetzt haben wir aber im Luftbild die Reste eines Grabhügels gefunden." Den haben Bauern ab 1844 in 40 Jahren Arbeit komplett abgebaut. "1874 erreichten sie die Grabkammer", weiß Meller. Eine oder mehrere Kammern bargen einen kiloschweren Goldschatz, von dem ein Teil eingeschmolzen, ein anderer, vier Armringe und ein Beil, an die Staatlichen Museen Berlin verkauft wurde; ein Teil ging an einen Leipziger Juwelier und ist heute verschollen.

Wie aufwendig der Monumentalhügel von Dieskau nordwestlich von Leipzig ausgestattet war, haben neue Grabungen und Analysen der deutschen Forscher jetzt gezeigt. Spuren im Boden zeigen, dass er weiß gekalkt war, also weithin sichtbar gewesen sein muss. Auch lässt der schichtweise Aufbau der Anlage darauf schließen, dass hier mehrere Fürsten bestattet worden waren. Es dürfte sich also um das mehrfach erweiterte Grab einer Dynastie handeln. Neue Luftbilduntersuchungen offenbaren, dass auch weitere Angehörige der Elite ihre Gräber im Umfeld anlegten.

Mausoleum

Meller jedenfalls vergleicht das Mausoleum der Dynastie mit den Pyramiden des pharaonischen Ägypten. Und ist fast sicher, dass diese Herrscher auch die Himmelsscheibe in Auftrag gaben.

Denn das Edelmetall aus dem alten Goldfund schlägt die Brücke zur Himmelsscheibe von Nebra, die ebenfalls der Aunjetitzer Kultur zugeordnet wird und nur etwa 40 Kilometer südwestlich entdeckt wurde. Metallurgische Untersuchungen des für die Scheibe verwandten Goldes zeigen, dass es aus der selben Mine in Cornwall stammt wie die Schmucknadeln, die in zwei anderen, deutlich kleineren Hügelgräbern gefunden wurden.

Fundstücke

Aus dem, was der Gottkönig hinterlassen hat, schließt der Forscher, dass nur er das Format hatte, den goldenen Kalender in Auftrag zu geben. "Die Fürsten der Aunjetitzer Kultur haben den Handel in ganz Zentraleuropa in der Hand gehabt, waren reich und erfolgreich, trugen goldene Waffen, wie man sie damals nur sehr selten hatte." Eine liegt heute in Wien im Museum. Für die nächste muss man aber schon nach Ägypten oder bis in den Vorderen Orient fahren.

Der Forscher weiter: "Goldene Waffen hatten nur Gottkönige mit absoluter Macht, was für Europa damals unüblich war. Mit Armeen und Truppen, mit denen man ein riesiges Gebiet beherrschen kann." Und mit geheimem, astronomischem Wissen, das der Herrscher auf der Himmelsscheibe verewigen ließ, argumentiert Landesarchäologe Meller. "Wir sind hier ganz nahe an der Schwelle zur Hochkultur."