Wissen und Gesundheit
30.12.2011

Wenn zu Silvester der Film reißt

Gedächtnisausfälle sind nicht harmlos: Denn das Risiko für Verletzungen und gefährliche Handlungen ist deutlich erhöht.

Filmriss: Dafür muss man zu Silvester meist nicht extra ins Kino gehen. Die Forschung lieferte in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Erkenntnisse zu den durch Alkoholkonsum verursachten Blackouts, sagt Univ.-Prof. Prim. Michael Musalek , Leiter des Anton-Proksch-Instituts (API) in Wien-Kalksburg.

KURIER: Was passiert genau bei einem Blackout?
Michael Musalek: Man muss hier unterscheiden. Auf der einen Seite gibt es teilweise Gedächtnisausfälle, man erinnert sich noch schemenhaft an gewisse Dinge, aber eben nicht mehr an alles. Das sind aber genau genommen keine richtigen Gedächtnislücken, sondern die Folgen von Konzentrations- und Auffassungsstörungen: Ich nehme die Vorgänge in meiner Umgebung gar nicht mehr richtig wahr, kann mich nicht mehr auf sie konzentrieren, weshalb sie auch nicht abgespeichert werden können. Daher ist auch die Erinnerung nur schemenhaft. Davon unterscheiden muss man den Filmriss, bei dem ein, zwei oder mehr Stunden völlig weg sind.

Weil man das Erlebte nicht im Langzeitgedächtnis abspeichern kann?
Genau. Sie sind in einem Dämmerzustand, einer Bewusstseinsstörung, die eine Ähnlichkeit mit Anfällen bei einer bestimmten Epilepsieform (Temporallappenepilepsie, Anm.) hat. Wir wissen heute auch, dass ganz generell hohe Alkoholmengen das Risiko epileptischer Anfälle erhöhen. Es gibt aber auch Formen von Blackouts, deren Entstehungsmechanismus wir überhaupt nicht kennen. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass es immer zu einer massiven Beeinträchtigung des Hirnstoffwechsels kommt.

Ab welcher Alkoholkonzentration im Blut kann es zu einem Filmriss kommen?

Das lässt sich nicht sagen, weil die Alkohol-Toleranzschwelle sehr unterschiedlich ist. Wir haben vor Kurzem einen Patienten aufgenommen, der mehr als drei Promille gehabt hat. Äußerlich war aber nur – wie man im Wienerischen sagt – ein leichter Spitz bemerkbar. Andere haben Glück, wenn sie mit so einem Wert die Intensivstation lebend verlassen können. Das Einzige, das man sagen kann, ist, dass bei geringen Alkoholmengen Filmrisse praktisch nie vorkommen. Generell haben Menschen, die nur gelegentlich betrunken sind, ein genauso hohes Risiko für ein Blackout wie alkoholabhängige Menschen.

Sind Blackouts gefährlich?
Auf jeden Fall. Abgesehen davon, dass es ein erstes Zeichen einer Alkoholvergiftung sein kann: Sie sind wach und setzen in so einem Zustand möglicherweise Handlungen, die sie sonst nie gesetzt hätten. Denn zu dem Dämmerzustand kommen noch andere Wirkungen des Alkohols: Besonders gefährlich ist die Kombination von sogenannten depressiven Durchgangssymptomen und Enthemmung. Es gibt Fälle, wo Menschen nach starkem Alkoholkonsum auf einer Intensivstation aufwachen, sich an nichts erinnern können und ganz verwundert sind, wenn man ihnen sagt, dass sie einen Suizidversuch überlebt haben: Sie hatten vorher nie die Absicht, sich umzubringen.

Eine Studie unter US-Studenten hat gezeigt: Bereits zwei Blackouts erhöhen das Risiko, sich zu verletzen, um 57 Prozent. Ist das realistisch?
Sicher. Bei einem Blackout fehlt jedes kritische Bewusstsein. Dadurch steigt nicht nur die Gefahr der Selbstverletzung etwa durch einen Sturz. Auch die Wahrscheinlichkeit unbedachter Aggressionshandlungen ist größer – dass Sie etwa eine Schlägerei beginnen, wo sie sonst davonlaufen würden.

Was antworten Sie, wenn Ihnen jemand sagt, „ein Räuschlein in Ehren kann niemand verwehren“?
Dass dieser Satz typisch für den verharmlosenden Umgang mit Alkohol in Österreich ist. Ein Rauschzustand bedeutet eine massive Vergiftung des Hirns. Das englische Wort für Rauschzustand heißt intoxication – Vergiftung. Im angloamerikanischen Raum würde niemand sagen, dass eine Intoxication eine Supersache ist – das geht schon vom Wort her nicht. Aber bei uns wird das bagatellisiert. Das führt dann dazu, dass Jugendliche den Eindruck haben, ein Rausch ist ja eh etwas harmloses. Aber im Extremfall kann er tödlich enden. Und bei jedem Rausch kommt es zu einem Verlust von Nervenzellen – auf die Dauer können sich dadurch bestimmte geistige Fähigkeiten verschlechtern, auch im nüchternen Zustand.

Vom ersten Schluck zum Vollrausch

Der Alkohol erreicht das Gehirn bereits mit dem ersten Schluck. Eine milde Euphorie stellt sich ein, die Hemmschwelle sinkt. Nach zwei bis vier Gläsern (individuell verschieden) tritt die dämpfende, depressionsfördernde Wirkung in den Vordergrund. Experten betonen, dass es bei folgenden Angaben sehr große, individuelle Unterschiede gibt.

0,3 Promille: Beginn der spürbaren Wirkung des Alkohols
0,5 Promille: deutliches Wärmegefühl, Selbstüberschätzung und Euphorie steigen.
0,8 Promille: deutlich eingeschränkte Reaktionsfähigkeit, Gleichgewichtsstörungen
1 Promille: Beginn des Rauschstadiums, Koordinationsprobleme, Sprachstörungen
1,5 Promille: starke Trunkenheit, keine Kritikfähigkeit mehr, akute Vergiftung
2 Promille: unkontrolliertes Torkeln, Vollrausch, Erbrechen
2,5 Promille: Ab hier besteht Lebensgefahr
3 Promille: Bewusstseinsverlust

Grobe Faustregel:

Mann, 80 kg, 1,80 Meter: 0,8 Liter Bier oder 0,4 Liter Wein entsprechen 0,5 Promille
Frau, 60 kg, 1,65 Meter: 0,5 Liter Bier oder 0,25 Liter Wein entsprechen 0,5 Promille