Wenn die Erinnerung ständig zurückkehrt

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Um ein psychisches Trauma zu überwinden, muss sich ein Mensch dem Erlebten stellen. Die Frage ist nur wann – und wie.

Das Schicksal von Natascha Kampusch bewegt die Menschen. Viele fragen sich angesichts der aktuellen Entwicklung, ob nicht eine Retraumatisierung (erneutes Erleben einer Verletzung) der heute 24-Jährigen drohe. Und ob die junge Frau jemals zur Ruhe kommen kann. Im Interview in Thema sprach sie über die Verletzung, die ihr erneut drohe: "Es ist eine enorme psychische Belastung ..."

Um ein komplexes Trauma zu überwinden, muss sich ein Mensch der Vergangenheit stellen. Das zeigt die Forschung. Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß und zu welchem Zeitpunkt. "Eine Retraumatisierung droht eher, wenn die Betroffenen nicht die Kontrolle über die Ereignisse haben", meint die Traumapsychologin Andrea Hochfilzer-Winter. Frau Kampusch gehe aber gerade jetzt "aus eigener Überzeugung" an die Öffentlichkeit. "Dadurch hat sie die Kontrolle in der Hand und kann aus ihrer Sicht argumentieren." Opfer ist nicht Opfer: Die Traumatherapie unterscheidet zwischen "Victim" – dem hilflosen Opfer – und "Survivor": Einem Menschen, der die Kraft hatte, sein Martyrium zu überleben. Und in der Folge zu verarbeiten. Eine Gefahr bleibt, so die Psychologin: "Nämlich, dass man Frau Kampusch nicht in Ruhe lässt."

Zu offen?

Hier hakt Michaela Halper, Leiterin des Österreichischen Traumapädagogikzentrums, ein: "Neuesten Forschungsergebnissen zufolge, kann eine ständige Konfrontation mit dem Erlebten zu einer Retraumatisierung führen." Für sie sei eher ungewöhnlich, dass Menschen, die schwere seelische Traumata erlebt haben, so aktiv und "offen" mit ihrem Schicksal umgehen. Halper: "Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Traumaverarbeitung in der Öffentlichkeit nicht zur Genesung beiträgt." Die Bewältigung und Behandlung eines Traumas (griech., "Verletzung") braucht vor allem eines: Zeit.

"Und zwar deshalb, weil die Emotionen zu den jeweiligen Situationen nicht miteinander verbunden sind. Für diesen therapeutischen Prozess muss gewährleistet sein, dass die betroffene Person über die nötige Stabilität verfügt – dazu braucht es Schutz und Distanz zum alten Umfeld. Und Schutz vor weiteren Retraumatisierungen", sagt Halper.

Die aktuelle Entwicklung im Fall Kampusch beurteilt sie kritisch: "Es ist bedenklich, wie hier mit Opfern von Gewalt durch die öffentliche Hand umgegangen wird. Das wird Betroffene nicht ermutigen, ihr erlebtes Unrecht öffentlich/juristisch kundzutun."

Vertrauensverlust

Wann spricht man von einem Trauma? Meist handelt es sich um Ereignisse, die das Vertrauen des Menschen erschüttern. Hochfilzer-Winter: "Alles, was Menschen von anderen Menschen angetan wird, wird traumatischer empfunden als zum Beispiel Umweltkatastrophen." Typische traumatische Ereignisse seien Geiselhaft, Folter oder Vergewaltigung.

Wie sehr ein dermaßen verletzter Mensch es schafft, seelisch völlig zu genesen, hängt von vielen Parametern ab. Eine Rolle spielen schützende Faktoren – also solchen, die die Genesung fördern. Und Resilienz – die persönliche Toleranz und Widerstandskraft gegenüber einer massiven psychischen Verletzung. Michaela Halper: "Meine Erfahrung hat aber gezeigt, dass die Betroffenen vorrangig eine Distanzierung zum Erlebten benötigen, um positive Erlebnisse überhaupt wahrnehmen und abspeichern zu können."

Gehirn blockiert Weiterleitungvon Belastungen

Für die Hirnforschung dürften nach jüngsten Erkenntnissen zwei Bereiche im limbischen System (verarbeitet emotionale Reaktionen, Sitz von Überlebensinstinkten, Reflexen, Anm.) von Bedeutung sein: Amygdala (Mandelkern) und Hippocampus. Dort werden Emotionen und Reaktionen auf gefühlsbetonte Erlebnisse verarbeitet – und gespeichert.
"Was sich im Gehirn abspielt, hängt stark von der subjektiven Bewältigung des Geschehens ab. Was für manche schon ein Trauma ist, ist für andere noch bewältigbar", sagt der renommierte deutsche Hirnforscher und Neurobiologe Gerald Hüther, Universität Göttingen.
"Bei Gefahr aktiviert der Organismus unbewusst Systeme, die ihm das Überleben sichern", erklärt Sylvia Wintersperger vom "Österreichischen Netzwerk für Traumatherapie". Werden diese überstrapaziert und die Belastung hält an, reagiert das Gehirn jedoch mit einem speziellen Notfallprogramm: Denken und Fühlen können komplett abgeschaltet werden, das Erlebte wird in Einzelteile zerlegt oder überhaupt abgespaltet. Verantwortlich für dieses Umschalten ("Switching") ist im Gehirn die Amygdala. Wintersperger vergleicht sie mit einem Alarmmelder: "Sie unterbricht die Weiterleitung, wenn die Belastungen überhand nehmen. Informationen der traumatischen Situation werden nicht verarbeitet, sondern bleiben im emotionalen Gedächtnis hängen." Bewusst sind sie den Betroffenen nicht mehr zugänglich.
Doch auch nach Jahrzehnten reicht ein kleiner Auslöser, etwa Geruch, um das Erlebte präsent zu machen. "Das ist jedes Mal erneut ein Schock und eine große Belastung."

Erstellt am 06.03.2012