Prominente Unterstützung für den Aufbruch ins All kommt von Stephen Hawking: "Ich glaube, dass wir keine 1000 Jahre mehr überleben, wenn wir zuvor nicht von diesem zerbrechlichen Planeten flüchten."

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Weltraumforschung
07/25/2015

Was wollen wir im All?

Die Entdeckung der Erde 2.0 stellt viele Menschen vor die Frage, wozu der Mensch ins All fliegt.

von Susanne Mauthner-Weber

Kleines Gedankenexperiment gefällig? Stellen Sie sich vor, wir würden Ihnen für einen Tag all die Dinge wegnehmen, die wir der Raumfahrt verdanken: Sie stünden schon mit fürchterlichen Kreuzschmerzen auf (keine Spezialschaum-Matratze). Im Haus wäre es kalt, Warmwasser gäbe es auch nicht (keine Solarzellen auf dem Dach). Ihre Sportschuhe blieben heute offen (kein Klettverschluss) und ihre Kleidung wäre falsch gewählt (keine Wettervorhersage). Das Handy bliebe stumm, genauso das GPS im Auto. Und auch der Börsenhandel stünde still (keine Satellitenkommunikation). Die Brille würde drücken (keine dehnbaren Fassungen). Bei der Kassa im Supermarkt würden sich Schlangen bilden, weil der Strichcode auf den Waren wieder abgeschafft wäre. Auch die abendliche Live-Übertragung des Fußball-Matches Ihres Lieblingsclubs könnten Sie vergessen (noch immer keine Satellitenkommunikation). Vielleicht wäre Ihnen das aber ohnedies egal, weil Sie bereits tot wären. Denn auch der Herzschrittmacher ist eine Errungenschaft der Raumfahrt.

Jan Wörner, der neue Chef der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA, entgegnet Kritikern, die Weltraumforschung für Geldverschwendung halten, gerne, "dass wir keinen Euro in den Weltraum bringen, sondern in Technologien und Experimente. Und dass die Ergebnisse der Missionen allen auf der Erde zugute kommen." Das Entscheidende für ihn ist aber: "Die Neugier. So wie wir vor vielen Tausend Jahren unsere Höhlen verlassen haben, um die Welt zu erkunden, so ist es nur natürlich, dass wir die Erde verlassen, um den Weltraum friedlich zu nutzen."

Die Eroberung des Weltraums ist tatsächlich ein uralter Traum der Menschheit. Schon im 13. Jahrhundert gab es in China erste Versuche mit Flugkörpern, die von Schwarzpulver angetrieben wurden. Doch erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte die Raketenforschung gewaltige Fortschritte. Wie so oft spielten bei der Entwicklung militärische und machtpolitische Aspekte eine entscheidende Rolle.

Viele Jahre stagnierte diese Neugier – auch aus Geldmangel. Doch jetzt gibt es einen neuen Schub, auch bedingt durch neue Weltraumnationen: Zu den USA, Russland und Europa gesellt sich neuerdings China, das für 2017 einen bemannten Mondflug plant. Und als vierte Nation will Indien 2025 dort landen. Das Wissenschaftsmagazin National Geographic diagnostiziert bereits ein "goldenes Zeitalter der Raumfahrt". Dabei sei es völlig ungewiss, welchen Nutzen Missionen wie jene zum Pluto der Menschheit bringen werden. Aber die Früchte ließen sich auch früher immer erst im Nachhinein ernten.

"Wir Menschen sind Entdecker", sagt der deutsche ISS-Astronaut Alexander Gerst. "Sobald wir Schiffe bauen konnten, sind wir hinter den Horizont gesegelt. Jetzt können wir Raumschiffe bauen, also fliegen wir ins All."

Dass die Menschheit allein der hehren Wissenschaft verpflichtet sei, stimmt aber natürlich auch nicht: Man will Geld verdienen. Auch in Österreich. Es gibt kaum mehr eine Mission der NASA oder ESA, die ohne heimisches Know-how durchgeführt wird. Die Republik investiert jährlich 65 Millionen Euro in Weltraumtechnologien und -forschung. 50 österreichische Raumfahrtunternehmen, die um die 1000 Arbeitsplätze sichern, sprechen für sich.

International wollen private Weltraum-Firmen aus der Rohstoff-Knappheit Kapital schlagen. Die Menschheit sei schon bald gezwungen, neue Quellen dafür zu erschließen. Diese könnten auf dem Mond liegen. So begründet Russland seine Pläne für eine Mondstation unter anderem mit der Vorbereitung eines industriellen Abbaues von Helium-3 ab 2020. Diese Form des Edelgases eignet sich zum Einsatz in künftigen Fusionsreaktoren, kommt aber auf der Erde so gut wie gar nicht vor. Es gibt auch Ideen, metallreiche Asteroiden anzuzapfen, um seltene Elemente zu gewinnen.

Zukunftsmusik, zugegeben. Aber nicht unrealistisch.

"Das All erobern"

Prominente Unterstützung für den Aufbruch ins All kommt von Stephen Hawking. "Ich glaube, dass wir keine 1000 Jahre mehr überleben, wenn wir zuvor nicht von diesem zerbrechlichen Planeten flüchten", sagt der britische Physiker. Egal ob Asteroiden-Einschlag oder Atomkrieg – früher oder später drohe uns die Vernichtung. "Der Mensch hat nur eine Zukunft, wenn er das All erobert."

Und damit wären wir endgültig bei der Kepler-Mission und der Suche nach einer zweiten Erde, der wir – glauben wir den NASA-Forschern – jetzt wieder einen Schritt näher gerückt sind.

"Erde 2.0": Was über den neuen Planeten bekannt ist

Von "einem Schritt näher zu einer Entdeckung einer Erde 2.0" spricht NASA-Wissenschafter John Grunsfeld. Der von der US-Raumfahrtbehörde NASA mit dem Weltraumteleskop "Kepler" entdeckte Planet "Kepler 452b" ist der bisher erdähnlichste. Der KURIER hat die wichtigsten Fakten zusammengestellt:

Hinfliegen geht nicht...

Der Exoplanet "Kepler 452b" im Sternbild Schwan ist rund 1400 Lichtjahre von der Erde entfernt. Da das Licht in einem Jahr 9,46 Billionen Kilometer zurücklegt, beträgt die Distanz zu dem Exoplanten (Planet außerhalb unseres Sonnensystems) 13,16 Billionen Kilometer. Zum Vergleich: Zwergplanet Pluto ist "nur" 4,8 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Und schon dorthin benötigte die Sonde "New Horizons" neun Jahre.

Damit beantwortet sich auch die Frage vieler Twitter-Nutzer, ob man denn zu dieser "neuen Erde" hinfliegen könne...

Der Durchmesser von Kepler 452b ist um rund 60 Prozent größer als jener der Erde.

Sein Stern "Kepler-452" ist sechs Milliarden Jahre alt - 1,5 Milliarden Jahre älter als unsere Sonne - und um rund 10 Prozent heller.

Der Planet benötigt 385 Tage, um seine Sonne einmal zu umkreisen.

Der Abstand zwischen dem Planeten und seinem Stern ist vergleichbar mit dem Abstand zwischen der Erde und unserer Sonne (um nur fünf Prozent größer ist die Entfernung).

Das aber bedeutet: Der Planet ist in einer Entfernung von seiner Sonne, die theoretisch Leben möglich macht - dass es also nicht zu heiß ist (jeder Wassertropfen verdampft) und auch nicht zu kalt (dass es also nur Eis gibt).

Gut zum Bräunen

"Wenn dem so wäre, könnten dort auch Pflanzen von der Erde wachsen, wenn es steinigen Untergrund und eine Atmosphäre gibt", wird ein Experte im New Zealand Herald zitiert: "Und wenn Sie auf dem Planeten auf Urlaub wären, könnten Sie dort wahrscheinlich sogar braun werden."

Auch der Umstand, dass der Planet sich seit sechs Milliarden Jahren in der Zone seines Sterns befindet, die Voraussetzungen für Leben überhaupt erst ermöglicht, wird von Experten als "entscheidender Faktor" dafür eingestuft, dass auf dem Planeten Leben existieren könnte.

Viele Fragen noch offen

Doch noch sind viele Fragen offen: "Wir wissen noch nicht, woraus dieser Planet wirklich besteht", sagte etwa der Wissenschafter Don Pollacco von der Warwick University zur BBC: "Er könnte aus Gestein bestehen, aber er könnte auch ein gasartiger Ballon sein oder vielleicht sogar irgendetwas mehr Exotisches."

Skeptisch sind die Experten des Wissenschaftsmagazins spektrum.de: "Kepler 452b ist kein Zwilling der Erde" - und wie erdähnlich er tatsächlich ist, sei auch noch offen.Denn es könnte sich auch um die "Miniaturausgabe eines Gasplaneten ohne feste Oberfläche" handeln.

Doch trotz all dieser Unsicherheiten: "Alles was wir bisher von Kepler 452b gehört haben deutet daraufhin, dass es sich um die erdähnlichsten Bedingungen handelt die wir je auf einem Planeten gefunden haben", wird die Astronomin Suzanne Aigrain von der University of Oxford in der BBC zitiert.

Hier sehen Sie ein Video der NASA zur Entdeckung des neuen Planeten:

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