Wissen und Gesundheit
08.11.2017

Was Gletscher über den Klimawandel aussagen

Glaziologin Andrea Fischer über Gletscher, die "mittlerweile so dünn sind, dass sie einfach in sich zusammenbrechen".

  • 3. November: Auf Grönland sind deutlich mehr Gletscher vom schnelleren Schmelzen bedroht als bisher gedacht – zwei bis vier Mal so viele sind laut neuen NASA-Kartierungen gefährdet.
  • 6. November: 2017 wird laut Weltwetterorganisation sehr wahrscheinlich zu den drei heißesten bisher gemessenen Jahren gehören.
  • 7. November: Am deutlichsten ist die Gefahr für Kolumbiens Gletscher – darunter der einzige in der Karibik. Hier schmilzt das angeblich ewige Eis am schnellsten.

Drei Tage, drei Meldungen, eine Ursache: der Klimawandel. Wie mit den Folgen der Erwärmung umgegangen werden soll, diskutieren seit Montag Wissenschaftler aus aller Welt (siehe unten). Gletscher gelten dabei als "Fieberthermometer des Klimawandels". Ob das stimmt, beantwortete die Leiterin des Gletschermessdienstes des Österreichischen Alpenvereins Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Interview mit dem KURIER.

KURIER: Was sagt der Zustand der Gletscher tatsächlich über das Klima aus?

Fischer: Die Gletscher sind ein guter Indikator und haben zur Entdeckung des Klimawandels beigetragen. Ohne die Spuren der Eiszeiten im Gletscher (Anmerkung: Wie Jahresringe lagern sich die Bedingungen der Atmosphäre am Gletscher an, ein Klimaarchiv entsteht), die erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts richtig interpretiert wurden, hätte man nicht so schnell erkannt, dass das Klima nicht gleich bleibt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass es früher große Gletscher gab, die bis zum Gardasee reichten. Die Änderung ist nicht so leicht messbar, weil es sich ja "nur" um 1,5 Grad plus global in den vergangenen 155 Jahren handelt.

Das Problem, das wir haben: Man kann an den Gletschern nicht ablesen, was der natürliche und was der anthropogene (menschgemachte, Anmerkung) Anteil ist. Die Gletscher spiegeln auch nicht das derzeitige Klima. Heißt: Würden wir jetzt die Treibhausgase extrem reduzieren, würden die Gletscher trotzdem weiter zurückgehen. Sie reagieren verzögert. Daher sollte man die Gletscher nicht als Ikonen des Klimawandels hinstellen.

Dieser Tage wurde bekannt, dass die österreichischen Gletscher heuer wieder extrem stark zurückgegangen sind. Sind die Alpen Spitzenreiter?

Wir befinden uns tatsächlich in einer Zeit, in der wir extreme Rückgangsraten verzeichnen, weil wir noch die großen Gletscherzungen aus der Kleinen Eiszeit (eine Periode relativ kühlen Klimas vom 15. bis zum 19. Jh.) haben. Die waren um 1850 bis zu 500 Meter dick und sind jetzt extrem stark ausgedünnt. Mittlerweile sind sie so dünn, dass sie einfach in sich zusammenbrechen. In anderen Gebirgsregionen wird das etwas später passieren.

Wo wachsen Gletscher?

In Österreich gibt es kaum Vorstöße. 95 Prozent unserer 900 Gletscher sind sehr klein. Sie liegen hoch oben in schattigen Karen. Da gibt es relativ geringe Rückgänge. Richtig schlecht geht es den großen Tal-Gletschern. Davon haben wir aber ohnedies nur etwa 30.

Und weltweit?

Da ist es unterschiedlich. In den Anden gibt es einige vom Verschwinden bedrohte Gletscher. In Patagonien und im Karakorum gibt es Gletscher, die vorstoßen, und man weiß nicht, ob das einer lokalen Klima-Anomalie geschuldet ist oder ob es sich um andere Gletscher-Typen handelt. Also: Nicht alles, was Gletscheränderung ist, ist auch Klima.

Können Klimakonferenz irgendetwas bewegen?

Prinzipiell ist es sehr gut, dass man sich auf globale Ziele einigt. Es ist auch super, dass man daran arbeitet, CO2 zu reduzieren. Das hat einen positiven Einfluss auf unseren Lebensstil. Schließlich muss es eine Transformation der Gesellschaft geben.

Nachdem die Menschheit den Folgen des Klimawandels ziemlich hilflos gegenübersteht, ist immer öfter von Geoengineering die Rede. Was denken Sie über diese künstlichen Eingriffe ins Klima?

Das ist einfach nicht durchdacht. Das Schadenspotenzial ist immens. Dem gegenüber steht ein unbekannter Nutzen. Und da frage ich mich: Wer trägt das Risiko bei derartigen globalen Experimenten? Schließlich sitzen wir alle im selben Boot.

Mehr als 23.000 Menschen aus fast 200 Ländern beratschlagen bis 17. November, wie die Welt mit der Klimaerwärmung umgehen soll.

Wer trifft sich in Bonn?
Klimapolitiker, Wissenschaftler, Aktivisten, Staatschefs wie Emmanuel Macron und Angela Merkel sowie Promis wie Leonardo DiCaprio, Friedensnobelpreisträger Al Gore und Arnold Schwarzenegger.

Warum eigentlich Bonn, wenn doch Fidschi den Vorsitz hat?
Weil die Inselgruppe im Pazifik, die vom Klimawandel bedroht ist, unmöglich 25.000 Teilnehmer aufnehmen kann, ist Deutschland als „technischer Gastgeber“ eingesprungen.


Was ist zwei Jahre nach dem Klimaabkommen von Paris noch zu tun?
Die Einigung auf ein Abkommen war 2015 ein Riesen-Durchbruch, inzwischen haben 169 Parteien es ratifiziert. Entscheidend ist aber die Umsetzung. Die Politiker müssen sich auf ein Regelwerk einigen, das die nationalen Klimaziele vergleich- und überprüfbar macht.