Wissen und Gesundheit
18.12.2017

Warum uns das Bauchgefühl oft in die Irre führt

Unsere Entscheidungsstrategien sind überholt, sagen Verhaltensforscher. Zeit, neue zu erlernen.

Bei Gregor Fauma kann es schon mal vorkommen, dass er Manspreading verteidigt. Sie wissen schon, das ist das neudeutsche Wort für die Unsitte, dass Männer in der U-Bahn breitbeinig herumsitzen, dass jede(r) andere sich ins Eck gedrängt fühlt. Elisabeth Oberzaucher hält kräftig dagegen und macht dem Herrn der Schöpfung klar, warum sein Verhalten unmöglich ist.

Dass jetzt kein Missverständnis aufkommt: Fauma ist ein wohlerzogener Mann, aber wie Oberzaucher ist er auch Verhaltensbiologe. Und als solcher hat er "ein ganz großes Interesse daran bemerkt, wie wir menschliches Verhalten erklären. Daher hatten wir die Idee, ein Seminar anzubieten, in dessen Rahmen man einen Tag Verhaltensbiologie-Student sein kann."

Die beiden Verhaltensforscher beschlossen, unterschiedliche Aspekte menschlichen Verhaltens mit einem Ziel zu behandeln: Sehen lernen, was wirklich ist. In Teil 1 nahmen sie sich die Themen Dominanz und Territorialität vor, womit auch der eingangs geschilderte, zu Schulungszwecken gespielte Streit erklärt wäre. Und sie luden Führungskräfte, Entscheidungsträger und all jene ein, die mitunter schwerwiegende Entscheidungen treffen müssen.

KURIER: Warum haben Sie ausgerechnet diese Leute eingeladen, und was soll ihnen das Training bringen?

Gregor Fauma: Dass man in Zukunft zu klügeren Schlüssen kommt, weil man genauer hinschaut.

Elisabeth Oberzaucher: Unsere Entscheidungsstrategien haben sich im Laufe der Evolution entwickelt. Da haben sie auch gut funktioniert. Sie sind also unter ganz anderen Lebensbedingungen entstanden. Darum sind sie in der Gegenwart aber auch sehr fehleranfällig. Es wäre also klug, aktiv dagegen zu arbeiten, wenn wir uns mal wieder auf unser Bauchgefühl verlassen wollen. Das führt uns oft in die Irre.

Fauma: In der Vergangenheit war, wenn uns der Säbelzahntiger die Pfote auf die Schulter gelegt hat, keine Zeit für einen Sesselkreis. Das ist eine moderne Methode, um unterschiedliche Zugänge zuzulassen und klügere Entscheidungen zu treffen. Allerdings hat es dazu die Sprache gebraucht, die ist erst etwa 200.000 Jahre alt – ein ganz junges Phänomen. Früher waren wir noch viel mehr von unseren Emotionen abhängig. Sie waren der Bypass – das schnelle Überbrücken von langen Entscheidungsprozessen aus der Not heraus. Heute gibt es keinen Säbelzahntiger mehr, nur Eigentümer und Hauptaktionäre, die Druck machen. Wir haben also viel mehr Zeit, Entscheidungen zu treffen – ganz ohne Emotion. Heutzutage sollte meine Entscheidung möglichst die Realität abbilden.

Tut sie das nicht?

Oberzaucher: Nein, wir schauen auch nicht genau hin. Und schon gar nicht hinterfragen wir, was wir zu sehen glauben. Oft hat man den Eindruck etwas zu sehen, was dann aber nicht der Realität entspricht. Wahrnehmung ist nicht wahr. Was das Einschätzen anderer Menschen betrifft, machen wir große Fehler, weil wir unsere Erwartungshaltung bestätigt sehen wollen. Wir haben wahnsinnig gerne recht. Und um recht zu haben, sehen wir Dinge, die gar nicht existieren. Im Nachhinein reden wir uns Dinge dann noch schön, damit sie in unser Konzept passen. Der einzige Ausweg: Mit wissenschaftlichen Methoden uns selbst hinterfragen.

Fauma: Und das kann man von der Verhaltensbiologie lernen.

Wir sollten also wertfrei beobachten, aber kann das der Mensch überhaupt?

Fauma:Das wäre wünschenswert und auch ein Thema für Schulpläne. Man müsste Selbsterfahrung, Haltung, gewaltfreie Kommunikation lehren, damit wir uns von den evolutionären Zwängen lösen können. Denn: Nein, wir sind kein Affe mehr. Wir sind Homo sapiens.

INFO: Am 15.5.2018 nehmen Elisabeth Oberzaucher und Gregor Fauma"Status und Leadership" unter die Lupe. Der dritte Teil der Seminar-Serie "Sehen, was ist" setzt sich am 2.10.2018 mit Risiko- und Fehlermanagement auseinander: Was bewegt uns dazu, riskante Entscheidungen zu treffen, und lohnen sich diese?

Info und Anmeldung:office@gregorfauma.com