Sowohl Amish als auch Hutterer leben sehr reinlich – doch Erstere haben viel engeren Kontakt zu ihren Nutztieren und leiden viel seltener unter der Lungenerkrankung.

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Wissen und Gesundheit
08/04/2016

Warum Amish kaum Asthma haben

US-Forscher machen Hoffnung auf ein Spray, das die Entwicklung der Krankheit verhindert.

Dass Kuhstaub vor Allergien und Asthma schützt, ist länger bekannt – das haben schon die sogenannten Bauernhof-Studien gezeigt, die unter anderem in Österreich gemacht wurden. US-Forscher haben nun herausgefunden, warum die Luft auf dem Bauernhof so gesund ist. Und sie machen Hoffnung auf ein Spray, das diesen Effekt für Kinder ermöglichen soll, die nicht auf dem Land leben. Ihre Ergebnisse haben sie im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Um diese Hygiene-Hypothese näher zu erforschen, wurden zwei besondere US-Bevölkerungsgruppen untersucht: Die Amish und die Hutterer. Beide haben einen ähnlichen Genpool, führen einen sehr einfachen Lebensstil und sind kaum Luftverschmutzung ausgesetzt (siehe auch Info unten).

Ihr Alltag unterscheidet sich vor allem darin, dass Amish ihre Felder traditionell mit Nutztieren bestellen und nahe bei den Ställen wohnen. Hutterer hingegen verwenden Elektrizität und nutzen große Maschinen für Landwirtschaft. Der Unterschied zeigt sich auch an der Zahl der Asthmatiker: Während nur knapp 4 Prozent der Amish unter Asthma leiden, kommt die Erkrankung bei bis zu 20 Prozent der Hutterer vor. Zum Vergleich: In Österreich sind etwa 7 Prozent der Bevölkerung betroffen. An der Studie nahmen 30 Amish-Kinder und 30 Hutterer-Kinder teil – sechs der Hutterer-Kinder litten unter Asthma. Bei der Untersuchung der Blutproben fanden die Forscher erstaunliche Unterschiede: Das Blut der Amish-Kinder enthielt auffällig viele Neutrophile, die für die Abwehr von Bakterien zuständig sind – umgekehrt hatten die Hutterer-Kinder viele Eosinophile im Blut, die bei allergischen Reaktionen eine Rolle spielen (beides weiße Blutkörperchen).

Staub-Experimente

Im nächsten Schritt analysierten sie den Hausstaub – der von den Amish enthielt deutlich mehr Bakterien und deren Abbauprodukte. In einem Versuch wurde die Luft von Labormäusen mit dem Staub angereichert: "Wir fanden dasselbe Ergebnis wie bei den Kindern", erklärt die Asthmaforscherin Donata Vercelli von der University of Arizona. "Mit dem Amish-Staub waren die Mäuse geschützt, mit dem Hutterer-Staub nicht."

Sowohl die Amish, als auch die Hutterer leben sehr reinlich, betont eine der Studienautorinnen, Carole Ober von der University of Chicago. "Die Ställe der Amish sind nur viel näher zu ihren Häusern und die Kinder laufen den ganzen Tag rein und raus." Die US-Forscher hoffen nun, mit den Erkenntnissen neue Wege zur Behandlung von Asthma zu entwickeln – etwa in Form eines Sprays, das Bakterienmischungen wie auf dem Bauernhof enthält.

Skepsis

"Ich glaube nicht, dass eine Mischung aus Stallstaub Wiener Stadtkinder vor Asthma schützen kann", ist Prim. Fritz Horak von der Österr. Gesellschaft für Pneumologie und Leiter des Allergiezentrums Wien West skeptisch. Es reiche auch nicht, ab und zu einen Bauernhof zu besuchen. Damit sich der schützende Effekt zeigt, sollte am besten schon die Schwangerschaft auf dem Bauernhof verbracht werden, "man muss auf dem Bauernhof aufwachsen". Die Diversität der Bakterien, mit denen ein Kind im frühen Alter in Kontakt kommt, habe großen Einfluss auf die Entwicklung des Immunsystems. Zudem setze sich die Anfälligkeit immer aus Genetik und Umwelt zusammen. Bis zu einem Heilmittel gegen Asthma dürfte es aber noch ein langer Weg sein.

Amish

...stammen vor allem aus der Schweiz und Süddeutschland, sprechen meist Pennsylvania- deutsch und lehnen moderne Techniken ab, auch Elektrizität und Autos. Nach Schulende entscheidet sich jeder in der Zeit des „Rumspringa“, ob er Amish sein will. Mit der „Übersprengtaufe“ werden die Regeln anerkannt.

Hutterer

...stammen meist aus Österreich, sprechen hutterisch, ein deutscher Dialekt. Wie auch bei den Amish sind Familien mit 10 Kindern durchaus üblich. Technik, auch Computer und Telefon sind nur für wirtschaftliche Zwecke erlaubt. Durch die Heirat untereinander hat sich eine eigene Blutgruppe entwickelt: Waldner positiv.