Waldspaziergänge wirken wie ein kurzer Urlaub

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Bau…
Foto: konradlew/istockphoto Regelmäßige Waldaufenthalte stärken auch die Immunabwehr und verbessern die Schlafqualität.

Regelmäßige Aufenthalte inmitten von Bäumen und Blättern sind gesundheitsfördernd.

Wenn du einmal Kummer oder Sorgen haben solltest, dann geh mit offenen Augen durch den Wald", rät Sisi ihrem Franzl, als sie einander – im Film – zum ersten Mal begegnen. Ob es sich in Wirklichkeit auch so zugetragen hat, sei dahingestellt – Sisis Weisheit gilt heute jedenfalls mehr denn je. In Zeiten von Klimawandel, wachsenden Städten und zunehmender Belastung am Arbeitsplatz ist der Wald für immer mehr Menschen ein Rückzugsort fern von Trubel und Hitze.

Stress abbauen

Dass der Wald nicht nur kühl, sondern auch gesund ist, bestätigt nun ein Forscherteam der MedUni Wien. In Kooperation mit der Universität für Bodenkultur haben die Wissenschaftler alle Erkenntnisse zur Gesundheitswirkung von Waldlandschaften von 1993 bis 2013 zusammengefasst.

Ihr Resümee: Regelmäßige Aufenthalte im Wald tragen zur körperlichen Erholung und Regeneration bei, stärken das Immunsystem, verbessern die Schlafqualität und harmonisieren das Nervensystem. Dieses steuert alle lebensnotwendigen Körperfunktionen und sorgt dafür, dass sich der Körper schnell an Herausforderungen anpasst. Das wiederum reduziert Stress, erklärt Daniela Haluza vom Institut für Umwelthygiene am Zentrum für Public Health. "Vom Stresshormon Kortisol wird weniger, von den Stimmungshormonen Serotonin und Dopamin mehr ausgeschüttet. Durch die Stressreduktion werden Puls, Blutdruck und Muskelspannung gesenkt." Eine lange Wanderung ist dafür gar nicht nötig, betont die Umweltmedizinerin: "Schon ein kurzer Waldspaziergang von etwa zehn Minuten hat eine gesundheitsfördernde Wirkung."

Hirn durchlüften

Vor allem für Großstädter sei es wichtig, einfach einmal abzuschalten und "das Hirn durchzulüften", sagt Haluza. "Die Amerikaner nennen das ‚being away from‘ – einfach einmal rauskommen aus dem verbauten Gebiet." Der Wald sei dafür besonders gut geeignet, weil er einen Anreiz für Bewegung schaffe. "Und Bewegung ist immer gut, vor allem bei Übergewicht. Auch die Lungenfunktion wird aktiviert, wenn man sich bewegt und tief einatmet."

Eine Studie habe gezeigt, dass der Gesundheits- und Erholungseffekt im Wald höher ist als im Fitnesscenter. "Das liegt auch an der Farbe: Durch die Evolution ist das menschliche Auge zufrieden, wenn es Grün sieht. Grün steht für Wasser, Nahrung und Schatten", erklärt Haluza. "Wenn man regelmäßig ins Grüne geht, wirkt das nach – wie ein Kurzurlaub."

Ein Glück, dass Österreich fast zur Hälfte aus Waldfläche besteht. In den Städten sieht das naturgemäß anders aus – noch. Tropensommer wie in diesem Jahr wird es in Zukunft öfter geben, prophezeien Meteorologen. In solchen Hitzeperioden können begrünte Gebäudeflächen Abhilfe schaffen. Sie reduzieren Luftschadstoffe, schützen vor UV-Strahlung und wirken kühlend, wie eine Studie aus Florida zeigt: Auf einem begrünten Dach hatte es konstant zwischen 28 und 31 Grad – ohne Begrünung wurde es bis zu 57 Grad warm.

Daniela Haluza ist sicher: "Gebäude-Begrünungen sind keine Utopie mehr. So werden die Städte der Zukunft aussehen." Auch Wien sei "auf einem guten Weg".

Mehr Informationen zu den Gesundheitswirkungen des Waldes finden Sie in untenstehender Bildergalerie:

Pflanzen und Menschen kommunizieren unbewusst miteinander - und sogar direkt mit unserem Immunsystem. Daher ist Waldluft für den Biologen und Pflanzenwissenschaftler Clemens G. Arvay sozusagen "Medizin zum Einatmen". Wer an heißen Tagen nach Abkühlung sucht, ist im Wald gut aufgehoben. Studien zeigen: Ein Hektar Wald mit durchschnittlichem Baumbestand kann an warmen Sommertagen bis zu 60.000 Liter Wasser vedampfen und dadurch seine Umgebung auf natürliche Weise kühlen. Dieses Phänomen beschäftigt Wissenschaftler In aller Welt. In Japan wurde im&nbsp; Jahr 2012 sogar ein eigener medizinischer Forschungszweig unter dem Namen "Forest Medicine", also Waldmedizin" eingerichtet. Zahlreiche Studien zeigen mittlerweile, wie der Wald körperliche Vorgänge beeinflussen kann. Immunsystem. Am auffälligsten ist die Wirkung auf das menschliche Immunsystem. Forscher der Nippon Medical School in Tokio fanden heraus, dass der Effekt von Waldluft die natürlichen Killerzellen aktiviert. Sie können dadurch besser gegen Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien kämpfen. Bereits ein Waldspaziergang vermehrt diese Killerzellen um 50 Prozent. Wer nur einen Tag im Wald verbringt, hat sogar sieben Tage lang eine erhöhte Anzahl an stärker aktiveren Killerzellen im Blut, fanden die japanischen Wissenschaftler heraus. Zwei Waldtage lassen die Aktivität sogar um 70 Prozent ansteigen.&nbsp; Krebs. Das könnte sogar die Entstehung von Krebs beeinflussen. Studien zeigen, dass in bewaldeten Gegenden offenbar weniger Menschen an Krebs sterben. Manche Forscher machen dafür bioaktive Terpene verantwortlich, die in der Waldluft vorkommen. Blätter, Nadeln und Borken geben nämlich eine Reihe von bioaktiven Substanzen an ihre Umgebung ab. Schmerzmittel nach Operationen. Für die positiven Wirkungen des Waldes muss man gar nicht im Freien sein, zeigte eine Studie aus Pennsylvania bereits 1984. Der mediziner Roger Ulrich verglich die Genesung nach einer Operation. Eine Patientengruppe blickte durch ihr Zimmerfenster auf eine Hauswand, die andere auf einen Baum. In der Baum-Gruppe mussten eindeutig weniger Schmerzmittel eingesetzt werden als in der Vergleichsgruppe. Ebenso zeigten sich nach der Entlassung weniger postoperative Komplikationen. Stressreduktion. Wer sich in Job oder Privatleben überlastet fühlt, dem hilft oft allein die Naturerfahrung beim Entspannen. Die japanischen Forscher der Nippon Medicine School untersuchten den Speichel von gestressten Studienteilnehmern vor und nach einem Waldspaziergang. Die Konzentration des Stresshormons Cortisol sank drastisch. Bei einem Stadtspaziergang, der zum Vergleich stattfand, trat die Cortisolreduzierung nicht auf. Ähnliche Ergebnisse ergab auch eine Studie mit Adrenalin, dessen Konzentration im Urin der Probanden gemessen wurde. Bei Männern sank der Pegel nach einem Tag im Wald gleich um 30 Prozent, bei Frauen waren es sogar überraschende 50 Prozent. Ebenfalls zeigte sich, dass der für Ruhe zuständige Nerv Parasympathikus in Waldatmosphäre aktiviert wurde. Laufen. Die beruhigende Wirkung der Waldatmosphäre zeigt sich auch bei sportlicher Aktivität. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass Wald-Jogger im Vergleich zu Stadt-Sportlern viel ausgeglichener und erholter sind. Herz und Blutdruck. Koreanische Wissenschaftler untersuchten den Zusammenhang zwischen Wald und Herzfrequenz - mit dem Ergebnis, dass der Wald auch im Bereich der Kardiologie positiv wirkt. Bei Waldwanderungen sank die Herzfrequenz der Teilnehmer ebenso wie die Pulsfrequenz. Einen Anteil an der blutdrucksenkenden Wirkung dürften laut den koreanischen Forschern auch aromatische Substanzen in der Waldluft haben. Es ist bekannt, dass etwa die Inhalation von Zedernöl den Blutdruck senkt. In Waldluft sind allerdings viele unterschiedliche, komplex zusammengesetzte Substanzen enthalten, die die Wirkung verstärken können. Verhalten. Die positive Wirkung des Walds lässt sich sogar am Verhalten feststellen. Die beruhigende Atmosphäre lässt nachweislich die Agressivität sinken, erhöht die Aufmerksamkeit und erzeugt positive Gefühle.
(KURIER/MEDUNI WIEN) Erstellt am
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