Sir Alexander Fleming in einem Labor des Wright Fleming Instituts in London.

© Deleted - 1137522

Medizin-Meilenstein
02/13/2016

Penicillin: Einst Allheilmittel, heute oft unwirksam

Vor 75 Jahren wurde der erste Patient mit dem Antibiotikum behandelt. Das einst effektivste Mittel gegen Infektionen ist heute gegen viele Erreger wirkungslos.

von Sandra Lumetsberger

Es ist nur eine kleine Wunde, doch für Alexander Albert bedeutet sie den Tod. Der 43-jährige Polizist aus London hatte sich im Gesicht geschnitten, die Wunde infizierte sich – nun war sein Körper vergiftet, mit Abszessen übersät. Ein Mittel, das bisher an Mäusen getestet wurde, könnte ihm jetzt das Leben retten: Penicillin. Am 12. Februar 1941 spritzt ihm der Pathologe Howard Florey diesen Wirkstoff. Ob er den Patienten retten wird, wissen die Ärzte nicht. Was vor 75 Jahren als Wundermittel gehandelt wurde, ist heute ein Wirkstoff, gegen den viele Erreger resistent sind, sagt Infektiologe Heinz Burgmann von der MedUni Wien. Aber: "Es gibt noch einige Indikationen, wo das einfache Penicillin ein effektives Mittel ist und Bakterizide abtötet." Zum Beispiel bei Rotlauf oder bakterieller Lungenentzündung.

Vom Schimmelpilz zum Medikament

Entdeckt hat es Alexander Fleming. Ein Bauernbub aus Schottland, der in London Medizin studiert. Er zählt zu den hervorragendsten Studenten, "obwohl es niemals den Anschein hatte, als ob er arbeiten würde", sagte ein Kollege über ihn. Fleming, der später als Bakteriologe im St. Mary's Hospital forscht, ist penibel: "Lasst niemals eine ungewöhnliche Erscheinung oder ein ungewöhnliches Ereignis unbeachtet; meistens ist es freilich ein blinder Alarm, aber es könnte auch eine bedeutsame Wahrheit sein." Dieses Credo führt ihn zur wichtigsten Entdeckung seines Lebens. Im September 1928 fällt ihm in seinem Labor eine Petrischale auf: Sie ist mit einem blau-grünen Schimmel überzogen. Auf einer ringförmigen Fläche um den Pilz sind keine Bakterien zu sehen. Der Schimmel erzeugte offenbar eine Substanz, die die Entwicklung des Keims aufhielt. Nach mehreren Versuchen ist ihm klar: Er hat das Potenzial eines neuen Wirkstoffes erkannt. Dieser könnte Menschenleben retten. Denn damals enden Lungen- und Gehirnhautentzündungen oder Wundinfekte meist tödlich. Der Komponist Gustav Mahler stirbt 1911 aufgrund einer Entzündung der Herzklappe.

Penicillin ist in Vergessenheit geraten, weil man es nicht herstellen konnte

Doch wie so oft in der Geschichte, bleibt die Resonanz auf eine neue Entdeckung aus. Fleming schreibt über seinen bakterientötenden Stoff im British Journal of Experimental Pathology. Doch niemanden interessiert es. Sulfonamid ist das Antibiotikum, das zu dieser Zeit angewendet wird. "Penicillin ist in Vergessenheit geraten, weil man es nicht herstellen konnte", erklärt Burgmann.

2. Weltkrieg: von Maus zu Mann

Zehn Jahre dauert es, bis andere seine Forschung weiterentwickeln. In Oxford gelingt es Howard Florey, Ernst B. Chain und Norman Heatley dabei, reines Penicillin herzustellen. Anschließend testen sie es an Mäusen. Den Versuch am Menschen wagen sie 1941, als sie ein junger Arzt über den Fall des todkranken Polizisten Alexander Albert informiert. Nachdem sie ihm Penicillin spritzen, verbessert sich sein Zustand. Alle drei Stunden bekommt er eine Injektion. Sein Fieber geht zurück, er nimmt langsam Nahrung zu sich. Allerdings geht ihnen das Präparat aus. Sie können keinen Nachschub produzieren. Der Patient hält noch ein paar Tage durch, stirbt aber am 15. März. Rückblickend meinte Florey: Wäre genug Penicillin da gewesen, hätte man den Patienten retten können. Es bleibt aber eine Hypothese, es gibt noch keine Versuche, die das belegen. Dazu benötigen die Forscher industriell produzierte Mengen Penicillin. Und hier kommt der Zweite Weltkrieg ins Spiel. Während die Mediziner in Europa, trotz ihres Arguments, Kriegsverletzte behandeln zu können, keine Financiers finden, interessieren sich US-Militär und Pharmafirmen dafür. "Mit dem Penicillin wurden Soldaten behandelt, tödliche Wundinfektionen konnten deutlich reduziert werden", sagt Burgmann.

1945 warnt Fleming vor resistenten Bakterien

In seiner Nobelpreis-Rede 1945 warnt Fleming vor dem unkontrollierten Gebrauch von Penicillin: Dies führe zu einem Anstieg an resistenten Bakterienstämmen. Er sollte recht behalten. Auch die Weltgesundheitsorganisation warnt seit Jahren. Antibiotikagebrauch ohne strenge ärztliche Verordnung, oder über einen zu kurzen und zu langen Zeitraum, macht Keime unempfindlich. Burgmann: "Dazu kommen Antibiotika, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden." Er ist überzeugt, dass es Substanzen mit neuen Wirkmechanismen braucht. "Das wird nicht so schnell passieren. Die Herstellung dauert 10 Jahre und kostet fast eine Milliarde US-Dollar." Und wie sich zeigte, wurden die meisten Antibiotika nicht erfunden, sondern gefunden.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.