Wissen und Gesundheit
07.06.2017

Bereits geringe Alkoholmengen können das Gehirn verändern

Immer mehr Studien widerlegen den positiven Effekt moderaten Alkohokonsums.

Das Heilsversprechen eines täglichen, aber moderaten Alkoholkonsums hält sich hartnäckig. Demnach sei ein Glas Wein pro Tag unproblematisch - im Gegenteil: Es sei sogar gesund fürs Herz. Ganze Diäten leben von diesem Konzept – zum Beispiel die mediterrane Diät. Und jeder, der gerne Rotwein trinkt, argumentiert das mit dem „French Paradox“, wonach das Schlürfen eines guten Roten, trotz des darin enthaltenen giftigen Alkohols, gesundheitsfördernd sei und das Herz-Kreislaufsystem günstig beeinflusse. Immer mehr Studien widerlegen jedoch diese Annahmen – wie etwa eine jüngste Untersuchung zum Thema „Gehirn & Alkohol“, die nun im renommierten British Medical Journal veröffentlicht wurde. Ihre zentrale Aussage: Bereits kleine Alkoholmengen könnten dem Gehirn mehr schaden, als bisher vermutet.

Erhöhtes Risiko für Gedächtnisstörungen

Für die Studie hatten Forscher der Oxford-University die Daten von insgesamt 550 Menschen – gesunde Frauen und Männer – ausgewertet. Die Personen, alle im Schnitt etwas über 40 Jahre alt, hatten keinen problematischen Alkoholkonsum, sondern gaben an, „moderat“ zu trinken. Am Ende der Studie wurden ihre Gehirne mittels Kernspintomografie untersucht. Das Ergebnis: Menschen, die mehr als 240 Gramm Alkohol wöchentlich zu sich nahmen, hatten ein erhöhtes Risiko für den Abbau von Nervenzellen im Hippocampus im Vergleich zu jenen, die gar nicht tranken. 20 g Alkohol entsprechen etwa 0,5 Liter Bier oder ein Viertel Liter Wein. Laut WHO liegt ein ungefährlicher Alkoholkonsum bei einer maximalen Trinkmenge von 7 g pro Tag. Der Hippocampus ist jener Bereich im Gehirn, der für das Kurz- und Langzeitgedächtnis zuständig ist, aber auch für Emotionen und für die räumliche Orientierung. Außerdem zeigten sich negative Auswirkungen auf das Sprachvermögen sowie auf die Fähigkeit, Gedanken rasch zu verarbeiten. Doch selbst bei jenen Probanden, die nur zwischen 116 und 188 Gramm Alkohol pro Woche tranken, fanden sich Zeichen für einen Abbau von Zellen im Hippocampus, während es zugleich keinerlei positive Effekte zu sehen gab. „Wir waren überrascht, dass moderates Trinken offenbar keinerlei schützenden Effekt aufweist“, sagt dazu die Studien-Co-Autorin Anya Topiwala. Allerdings handelt es sich bei dieser Untersuchung um eine reine Beobachtungsstudie, die einen ursächlichen Zusammenhang nur bedingt zulässt. Man müsse auch andere Lebensstil-Faktoren, wie etwa Ernährung, in Betracht ziehen. So wirkt sich der Konsum von Vollkorn, Früchten und Gemüse positiv auf die kognitiven Fähigkeiten aus. Die Forscher betonen daher, dass weitere Untersuchungen nötig seien, um diese Erkenntnisse zu untermauern.

Krebs & Alkohol

In anderen Studien wurde der Zusammenhang von Krebs und moderatem Alkoholkonsum untersucht und diskutiert. Bereits im Jahr 2015 kamen US-Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass Frauen, die auf Alkohol gänzlich verzichten, ein geringeres Brustkrebsrisiko haben – oder umgekehrt: Gegenüber Frauen, die keinen Alkohol konsumieren, ist das Brustkrebsrisiko bereits ab einem täglichen Konsum von fünf bis 15 Gramm Alkohol deutlich erhöht. Auch eine neuere Studie kam zu diesem Ergebnis.

Als akzeptabler Alkoholkonsum wird von der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) ein Konsum von 20 Gramm reinen Alkohols pro Tag (Männer) und zehn Gramm pro Tag (Frauen) eingestuft. Das entspricht in etwa einem halben Liter Bier oder einem viertel Liter Wein. Diese Richtwerte sollten laut ÖGE nicht als Aufforderung zum regelmäßigen oder täglichen Alkoholkonsum aufgefasst werden und gelten für gesunde Personen.