Visionär: Dieser Mann will das Alter besiegen

. © Bild: REUTERS/MIKE BLAKE

Er war der Erste, der das menschliche Genom entschlüsselte. Jetzt will er das Altern überlisten.

"Frankenstein", "Darth Vader", "Egomane " – wo der Name Craig Venter fällt, sind die Extreme nicht weit.

"Craig Venter spielt Gott" titelten die Medien, als der Biotech-Pionier im Jahr 2010 das erste künstliche "Laborwesen" erschuf. Eine "synthetische Zelle" – genauer gesagt ein Bakterium, dessen Erbgut am Computer "designt" und schließlich im Labor von Maschinen aus vier chemischen Grundbausteinen zusammengesetzt wurde. Zum VIP und Darling der Wissenschaft wurde Venter allerdings, als es ihm im Februar 2001 als Erstem gelang, das menschliche Erbgut zu entschlüsseln. Daraufhin wählte ihn das Time Magazine zum "Mann des Jahres".

Für immer gesund

Andere Menschen würden sich nun entspannt auf einen idyllischen Landsitz zurückziehen, um noch ein paar schöne Jahre zu haben (Venter ist seit 2008 mit seiner PR-Dame Heather Kowalski verheiratet). Der heute 69-Jährige hat anderes im Sinn. Er will das Altern und – im weitesten Sinne – den Tod überlisten. Und dafür heißt’s klotzen statt kleckern.

Apropos.

Vor Kurzem stellte Visionär Venter sein neuestes "Baby" vor: "Health Nucleus" – eine Gesundheitsplattform für Betuchte, die in Sachen Prävention die ganz große Nummer sein möchte. Venter bietet Interessierten den bisher umfassendsten "Gesundheits-Check-up" aller Zeiten – Kostenpunkt, je nach Angebot: kolportierte 20.000 bis 50.000 US-Dollar. Das sind umgerechnet zwischen rund 18.000 und 46.000 Euro. Dafür wird dann aber auch das persönliche Genom eines Menschen komplett entschlüsselt – also alle sechs Milliarden DNA-Bausteine, die in einer Zelle enthalten sind. Weiters im Paket: Die Gen-Analyse des menschlichen Mikrobioms. Also jene Billionen an "Mini-Lebewesen", die den Organismus besiedeln. Sie umfassen zehn- bis hundertmal mehr Gene, als im gesamten menschlichen Erbgut vorhanden sind. Damit man sich etwas vorstellen kann: Alleine im menschlichen Darm leben rund 100 Billionen dieser Bakterien.

Ergänzend will Venter seine Kunden dreidimensional durchleuchten – und zwar mit einem Rundum-Body-Scan via Magnetresonanztomografie, um winzigste Veränderungen an den Organen des Körpers rechtzeitig zu entdecken. Und wem das jetzt immer noch nicht reicht, lässt sich die chemischen "Fingerabdrücke" seiner Leberzellen untersuchen oder Tausende Bestandteile des Blutes in allen Einzelheiten darlegen. Damit man bei der Vielzahl an Informationen zur eigenen Innenwelt nicht die Übersicht verliert, gibt’s dazu eine maßgeschneiderte iPad-App, mit der man durch die persönlichen Körperdaten navigieren kann. "All das, was derzeit möglich ist, wollen wir aus dem Genom interpretieren", sagte Venter vor Kurzem in einem Interview mit dem Wissenschaftsjournalisten der New York Times, Carl Zimmer.

Dass sich da auch viele kritische Stimmen erheben, ist nur logisch. Zumal sich die Frage stellt, was ein Mensch von den Millionen an erhobenen Daten hat. "Viele genetische Veränderungen können wir noch überhaupt nicht einordnen: Sind sie gesundheitlich relevant oder haben sie keinerlei Bedeutung? Das ist ein Forschungsthema. Heikel wird es, wenn man dafür von einzelnen Menschen Geld verlangt und ihnen vermittelt, sie könnten damit ihr Leben deutlich verlängern", kritisiert der österreichische Genetik-Univ.-Prof. Markus Hengstschläger im Interview mit dem KURIER (morgen hier zu lesen).

Weltgrößte Datenbank

Hinter all dem steht Venters "Reich": Human Longevity Inc. (HLI) – eine Genomik-Firma mit Fokus auf ein langes Leben bei exzellenter Gesundheit und hoher Leistungsfähigkeit, die er im Jahr 2013 gemeinsam mit anderen Pionieren auf dem Gebiet der Genomikund der Stammzellentherapie gegründet hat. Das Unternehmen mit Hauptsitz San Diego, Kalifornien, rühmt sich, das größte Humansequenzierungsprojekt der Welt aufzubauen – und damit die weltweit umfangreichste Gen-Datenbank. Mit superschnellen Sequenzierungsmaschinen soll es möglich sein, bis zu 40.000 Humangenome jährlich zu entschlüsseln – der Umfang soll rasch auf 100.000 Humangenome jährlich erweitert werden. HLI will Kinder und Erwachsene ebenso sequenzieren wie Hundertjährige, Kranke wie Gesunde.

Damit der ganze Aufwand auf Sicht Profit bringt, plant HLI, den Zugriff auf die Datenbank zu lizenzieren und als Teil seines Produktangebots neue Diagnose- und Therapieverfahren zu entwickeln. Also sprach PR-Genie Venter zur Eröffnung von HLI: "Mit der kombinierten Kraft unserer Kernkompetenzen – Genomik, Informatik und Stammzellentherapie – wenden wir uns einer der größten medizinisch-wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu, nämlich dem Altern und alterungsbedingten Krankheiten. HLI wird die Art und Weise verändern, wie Medizin praktiziert wird, indem ein Übergang hin zu einem mehr präventiven, auf Genomik basierten Medizinmodell vorangetrieben wird, welches unserer Ansicht nach die Kosten im Gesundheitswesen senken kann."

HLI-Mitbegründer Peter Diamandis träumt jedenfalls davon, dass Menschen in Hinkunft bis zu 170 Jahre alt werden können – bei bester Gesundheit. Und auch Venter selbst bleibt enthusiastisch: "Die wenigen Menschen, die Health Nucleus getestet haben, bestärken mich. Bei einem haben wir Informationen gefunden, die lebensrettend sein können."

Lesen Sie morgen hier, was der österreichische Genetiker Markus Hengstschläger zu den Plänen Venters sagt.

.... die Entschlüsselung (eigentlich: Sequenzierung, also die Identifizierung der Abfolge der einzelnen Bausteine) des menschlichen Erbguts durch das öffentliche Humangenomprojekt knapp zehn Jahre dauerte (1990–2001)? Craig Venter benötigte mit seiner Firma Celera für eine weitgehende Entschlüsselung rund drei Jahre, heute ist das in wenigen Tagen möglich – um rund 700 Euro pro Person.

... sich das menschliche Genom, die Desoxyribonucleinsäure bzw. DNA, aus etwa 3,2 Milliarden Bausteinen (Nukleotiden) besteht, die sich auf rund 46 Chromosomen aufteilen? Da in jeder Zelle (ausgenommen die Keimzellen und die roten Blutkörperchen) das Erbgut doppelt vorhanden ist, sind es pro Zelle mehr als sechs Milliarden Bausteine.

... die DNA aus allen Zellen des menschlichen Körpers hintereinander gelegt eine Strecke ergäbe, die 1000-mal so lang ist wie die Entfernung der Erde von der Sonne?

... knapp zwei Prozent des Genoms die rund 27.000 Gene ausmachen, die für die Produktion von Eiweißen verantwortlich sind, die alle Vorgänge im menschlichen Körper steuern und regulieren?

... etwa zehn Prozent der Gene absolut überlebensentscheidend sind? Werden sie abgeschaltet, ist das für die Zelle tödlich. Das haben kürzlich u. a. Experten des Forschungszentrums für Molekulare Medizin in Wien (CeMM) herausgefunden.

... gleichzeitig aber mehr als 200 Gene im menschlichen Erbgut für das Funktionieren des Körpers verzichtbar sind? „Wir waren überrascht, über 200 Gene zu entdecken, die in einigen Menschen überhaupt nicht vorhanden sind“, so kürzlich der Leiter einer internationalen Studie, Jan Korbel.

... sich die Aktivität von fast einem Viertel der Gene je nach Jahreszeit ändert? Dies könnte eine mögliche Erklärung dafür sein, dass bestimmte Krankheiten im Winter häufiger auftreten.

( kurier.at ) Erstellt am 09.11.2015