Wissen und Gesundheit
29.07.2017

US-Gesundheitsbehörde will Zigaretten, die nicht süchtig machen

Zigaretten mit minimalem Nikotingehalt sollen nicht mehr in die Abhängigkeit führen. Ist das der Anfang einer Revolution?

Ausgerechnet aus dem Land, in dem Zigarettenmarken wie Lucky Strike oder Marlboro erfunden wurden, soll das Rauchen neu erfunden werden. Rauchen, das nicht mehr süchtig macht, ist das neu definierte Ziel der einflussreichen US-Lebensmittel- und Medikamentenbehörde FDA. Zu diesem Zweck solle der Nikotingehalt in Zigaretten reduziert werden, erklärte die Food and Drug Administration. Das wäre eine bahnbrechende Maßnahme, die vieles verändern würde - denn es ist zu erwarten, dass Europa nachzieht.

FDA-Chef Scott Gottlieb betonte, die hohen Todesraten bei Rauchern seien auf den Suchtfaktor zurückzuführen. Zigaretten seien „das einzige legale Verbraucherprodukt, das die Hälfte aller Langzeitnutzer tötet“. Nach Angaben seiner Behörde sterben jedes Jahr fast eine halbe Million US-Bürger an den Folgen des Rauchens. Die Behörde erwartet nun zunächst öffentliche Stellungnahmen von Tabakkonzernen und Verbraucherschützern, bevor sie sich zu möglichen Vorschriften für die Hersteller äußert.

Nach der Ankündigung der mächtigen Behörde stürzten die Aktienkurse der großen Tabakfirmen ab.

Was Raucher heute wissen sollten

Tabak killt jedes Jahr mehr als sieben Millionen Menschen und kostet die privaten und öffentlichen Haushalte mehr als 1,4 Billionen US-Dollar (1,25 Billionen Euro) über die Gesundheitsausgaben und die Produktivitätsverluste.“ Mit dieser Aussage wandte sich die Weltgesundheitsorganisation am heutigen Weltnichtrauchertag an die Öffentlichkeit. „Der Tabak gefährdet uns alle. Er erhöht die Armut, reduziert den wirtschaftlichen Erfolg, führt zu einer schlechteren Ernährung und Indoor-Luftverschmutzung“, sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan.

Ein großes Problem seien aber auch die Zigarettenstummel. „Zehn der 15 Milliarden Zigaretten, die täglich verkauft werden, landen in der Umwelt“, heißt es in einem WHO-Bericht. „Zigarettenstummel machen 30 bis 40 Prozent des Abfalls aus, der bei Aufräumaktionen in Städten und Küstengewässern anfällt.“ Zigarettenstummel enthielten bis zu 7000 Chemikalien, so die WHO. Sie müssten in Mülldeponien entsorgt werden.

Die Folgen in Österreich

In Österreich sterben jährlich rund 11.000 Menschen an den Folgen des Rauchens, etwa 1000 davon an den Folgen des Passivkonsums.

„Schon wer eine bis vier Zigaretten pro Tag raucht, verdreifacht sein Risiko für Herzinfarkt bzw. Lungenkrebs“, so Manfred Neuberger, emeritierter Ordinarius für Umwelthygiene der MedUni Wien. „Der Jugendschutz in Österreich muss verbessert werden“, forderte Neuberger. Denn das Einstiegsalter für den Tabakkonsum sinke. Schon jeder zehnte Zwölfjährige in Österreich hätte bereits einmal geraucht. Ein striktes Automaten- und Werbeverbot - auch in und vor den Trafiken selbst, eine deutliche Erhöhung der Zigarettenpreise, eine striktere Alterskontrolle und das Entfernen von Zigaretten aus dem offiziellen Warenkorb des Verbraucherpreisindex seien notwendig.

Welche Maßnahmen wirken

Dass viele diese Maßnahmen greifen, zeige sich beispielhaft in Ungarn, stellte der Experte fest. Durch das absolute Verbot von Außenwerbung und durch „plain packaging“, also werbe- und logo-freie Verpackung der Zigaretten (wie es u.a. auch in Australien und Frankreich praktiziert wird), sei der Zigarettenkonsum bei Jugendlichen auf ein Zehntel der ehemaligen Quote reduziert worden.

Was höhere Zigarettenpreise bringen, lesen Sie hier

Für einen verschärften Jugendschutz sprechen die medizinischen Fakten, sagt Neuberger: Etwas häufiger als jede Stunde stirbt in Österreich ein Mensch an den Folgen des Rauchens. Durch Rauchen verursachte Erkrankungen wie Lungenkrebs, COPD (obstruktive Lungenkrankheit), Diabetes oder Herzinfarkt nehmen zu. Neuberger: „Mein bisher jüngster Herzinfarkt-Patient war 18 Jahre alt - er hat 100 Zigaretten am Tag geraucht.“

Bei Kleinkindern, die passiv mit-rauchen, kann die Lungen- und Hirnentwicklung negativ beeinflusst werden, bei Jugendlichen, die in der Pubertät mit dem Rauchen beginnen, sind Wachstumsstörungen (vor allem bei den Burschen) sowie hormonelle Veränderungen (vor allem bei den Mädchen) feststellbar. Und natürlich gilt Nikotin als „Treiber“ für verschiedenste Arten von Krebs.

Einige wichtige Fragen und Antworten

Warum fördert Rauchen Krebs?
Tabakrauch enthält laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Deutschland knapp 5000 verschiedene chemischen Substanzen. Etwa 90 Stoffe sind nachgewiesenermaßen krebserregend oder stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Sie werden sowohl über die Schleimhäute und die Lunge aufgenommen als auch geschluckt.

Wie verursachen diese Stoffe Krebs?
Ob sich menschliche Zellen vermehren oder nicht, obliegt einer strengen Kontrolle im Körper. Der Schlüssel dazu liegt im Erbgut. Krebserregende Substanzen im Tabakrauch können diese Kontrolle stören: Sie verändern das Erbgutmolekül DNA und lassen dadurch die Zellteilung aus dem Ruder laufen. Es kann zu einer massiven Bildung von neuen Zellen kommen, Krebs entsteht. Der Organismus hat zwar Möglichkeiten, solche DNA-Schäden zu beheben, bei Rauchern sind diese Reparaturmechanismen durch die Belastung mit Giftstoffen aber zusätzlich eingeschränkt.

Welche Krebsarten begünstigt Rauchen besonders?
Zigarettenrauch schädigt die DNA dort, wo er direkt mit Gewebe in Kontakt tritt, also beispielsweise im Mund- und Lungenbereich. Krebserregende Stoffe können aber auch im Körper zirkulieren und anderswo zu Tumoren führen. Raucher haben ein besonders hohes Risiko, an Lungen-, Kehlkopf-, Speiseröhren- und Mundhöhlenkrebs zu erkranken. Ebenso gibt es einen Zusammenhang mit Leukämie sowie Bauchspeicheldrüsen-, Nieren-, Harnblasen- und Gebärmutterhalskrebs.

Lungenkrebs: Keine Krebsart ist tödlicher

Wie stark ist das Krebsrisiko bei Rauchern erhöht?
Insgesamt verursacht das Rauchen nach Angaben der BZgA 25 bis 30 Prozent aller Krebstodesfälle. Etwa jeder zehnte Raucher erkrankt laut Deutschem Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ) im Laufe seines Lebens an Lungenkrebs, im Durchschnitt 30 bis 40 Jahre nach Beginn des Tabakkonsums. Dabei spielt es auch eine Rolle, wie stark ein Mensch raucht.

Erhöht auch Passivrauchen das Krebsrisiko?
Ja. Auch wer nicht selbst an einer Zigarette zieht, atmet noch viele verschiedene Schadstoffe ein. Nach Schätzungen von Experten erkranken mehrere Hundert Menschen pro Jahr durch Passivrauchen an Lungenkrebs. Zudem sterben laut DKFZ jährlich rund 2150 Menschen an durch Passivrauchen bedingter koronarer Herzkrankheit, über 770 an durch Passivrauchen bedingtem Schlaganfall.

Was bringt ein Rauch-Stopp konkret mit Blick auf das Krebsrisiko?

Nach einigen Jahren Verzicht sinkt das Risiko für die meisten Krebsarten deutlich. Nach einer Dekade hat der Ex-Raucher laut DKFZ nur noch ein halb so hohes Risiko für Lungenkrebs, wie wenn er weitergeraucht hätte. Bis das Niveau eines Nichtrauchers erreicht ist, dauere es aber zwanzig bis dreißig Jahre.