Wissen und Gesundheit
07.04.2012

Stirbt die Erinnerung, bleibt die Würde

Bei Amsterdam gibt es ein Dorf für Demente. Die Idee ist einzigartig und erfolgreich, medizinisch wie menschlich. De Hogeweyk ist eine Vision.

Die Zigarette steht Frau Roijter. Die alte Dame sieht entspannt aus, nicht süchtig. Sie zieht nur manchmal daran, dazwischen schaut sie in die Sonne, lacht oder schneidet Grimassen. Frau Roijter ist schwerhörig und dement. Aber sie kann aus dem Wohnzimmer nach draußen gehen, um eine zu rauchen.

Durch die halb aufgeschobene Terrassentüre sieht Frau Roijter ihre vier Mitbewohnerinnen. Sie sitzen im Wohnzimmer in Fauteuils in einem Halbkreis, mit Blick auf die Terrasse. Die erste Sonne nach dem wolkigen Winter tut gut. Auch sie sind dement, ohne darunter zu leiden. Im Gegensatz zu den meisten Demenz-Patienten weltweit endet ihre Freiheit nicht an der Wohnungstüre.

Eigene Welt

152 Menschen leben im Pflegeheim De Hogeweyk im holländischen Weesp, einem Vorort von Amsterdam. In ihrer Welt. Ihre Diagnose ist Demenz in fortgeschrittenem Stadium. Ihre Freiheit endet am Hauptausgang bei der Doppelschiebetüre, von der sich die äußere erst öffnet, wenn die innere geschlossen ist, und der Portier gesehen hat, wer hinaus will. Demenz lässt grenzenlose Freiheit nicht mehr zu. Die Sprecherin des Hogeweyks, Isabella van Zuthem, erklärt das: "Demenzpatienten sind immer verloren. Sie wissen nie, wo sie sind."

In der Welt des Hogeweyks dürfen sie verloren sein. Im Holländischen steht das K am Ende eines Namens für Grätzel. Das alte Heim hieß Hogewey, 2009 stellte man das Grätzel-Dorf fertig, mit 23 Häusern in sieben Lebensstilen: gehoben, häuslich, handwerklich, kulturell, städtisch, christlich und indonesisch – in den Niederlanden leben viele indonesische Migranten aus Kolonialzeiten. Jeder wählt den Stil, in dem er sich aufgehoben fühlt. In jedem Haus leben bis zu sieben "Bewoners". Van Zuthem: "Wir sagen niemals Patienten. Und das Personal trägt weder Kittel noch Uniform." Man will alles wie in der Außenwelt geschehen lassen. Die Grätzel-Kulisse dient nur dem Schutz. Im Hogeweyk erkennt man, wie wenig Normalität und Realität miteinander zu tun haben müssen.

Eine der vier Bewohnerinnen im Fauteuils-Halbkreis lächelt den Besuch an. Sie kennt sein Gesicht nicht, aber sie kennt viele Gesichter nicht mehr. Sie steht mit einem Schwung auf und führt den Besuch in ihr Zimmer. Betreuerin Petra geht mit und erklärt: "Jeder Bewohner bringt beim Einzug mit, was ihm oder ihr wichtig ist. Manche sehr viel, dann ist das Zimmer voll." Die lächelnde Dame führt den Besuch ungeduldig weiter in die Küche. Petra: "Die Bewohner helfen beim Kochen. Wenn sie wollen." Die Lächelnde kehrt zum Halbkreis zurück, Petra erzählt in gespieltem, zu lautem Flüsterton: "Gestern fragte ich, wer hilft beim Kartoffel-Schälen? Alle sagten: Nein. Also schälte ich die erste sehr ungeschickt. Plötzlich kamen zwei, griffen zum Messer und sagten: Ach, das können wir besser."

Vertrautheit

Draußen heißt Petra mit Nachnamen van Eijk. Hier nur Petra. Sie ist eine Betreuerin dieses Hauses, jedes hat vier fixe Pfleger. Damit immer ein bekanntes Gesicht da ist. Die Bewohner von De Hogeweyk sind voll versorgt, werden aber in Alltägliches eingebunden, um nicht zu vergessen. Petra: "Mitkochen ist wichtig. Es sind vertraute Gerüche." Wie schön sie die Arbeit findet, erklärt Petra mit einer Geschichte: "Kürzlich ist Frau Kluivert aus unserem Haus gestorben. Aber sie wird noch immer zum Frühstück erwartet. Die Welt hier kann sehr schön sein."

Isabella van Zuthem zeigt diese kleine Welt stolz her, in der auch ein Kaffeehaus, ein Restaurant, ein Theater und ein kleiner Supermarkt existieren: "Bewohner verlassen den Markt manchmal mit vollem Einkaufskorb, ohne zu zahlen. Die Kassierin sagt dann ‚Schönen Tag!" – weil sie den vollen Korb später an einer Ecke finden wird. Und die Lebensmittel wieder zurückschlichtet."

Henk de Rooij vergisst nie zu zahlen. Der weißhaarige Mann sieht in seiner Daunenjacke bullig aus, als er den Einkaufswagen zur Kassa schiebt. Er ist der leichteste Fall in Hogeweyk. "Besuch aus Österreich, schön", ruft er so laut, dass ihn alle hören. Er räumt die Einkäufe auf das Förderband und beginnt zu erzählen: "Ja, ich spreche Deutsch, wir waren früher im Urlaub in Österreich." Die Frage, ob des Skifahrens wegen, macht die Szene plötzlich real. De Rooij schaut irritiert. "Was ist das?" Kurze Pause, Unsicherheit. Dann taucht wieder ein Lachen auf, er greift zur Geldbörse und stellt seine Pflegerin vor: "Das ist meine Freundin." Die ausladende Handbewegung eines Charmeurs ringt der Pflegerin ein Schmunzeln ab.

Vor dem indonesischen Haus sonnt sich derweilen eine asiatische Dame. Sie stellt sich dem Besuch mit Namen vor und lässt gerne ein Foto von sich und einer Statue machen. Nach nur einer Minute weiß sie auf die nochmalige Frage nach ihrem Namen keine Antwort. Sie lächelt entschuldigend und sagt unverdrossen: "Fragen sie die Pflegerin. Die weiß das." Die Frau heißt Claasen.

Freiheit

Das ist ein Geheimnis Hogeweyks: Man hat keine Probleme, schon gar nicht mit der Demenz. Van Zuthem: "Jedes Haus bietet ein Getränk an, wenn sich jemand auf die Terrasse setzt, weil er nicht mehr weiß, wo er hingehört." Die Probleme, die Demenz verursacht, sind eine Sache. Das Leben eine andere. "Wir schauen, was Menschen noch können, nicht, was sie nicht mehr können." Angehörige seien beim Heimbesuch gelegentlich skeptisch. Van Zuthem: "Sie fragen dann Dinge wie ‚Ist es sicher? Was, wenn es regnet?" Ich antworte: Dann nimmt der Bewohner den Schirm oder geht hinein."

Hier geht es um Selbstbestimmtheit, denn "das Aggressive bei Demenzpatienten kommt von Machtlosigkeit, wenn ihnen das Leben genommen wird". (siehe dazu Interview rechts) Daher haben die Bewohner auch keine verordnete Bettruhe. "Wir sagen nicht: geh schlafen! Vielleicht setzt sich der Betreuer neben sie, gähnt und sagt: ‚Ich gehe dann mal schlafen." Meistens sagen sie dann: ich auch."

Erreicht habe man das durch eine Änderung der Administration: "Die Frage ist nicht: Wann müssen alle ins Bett, damit mein Dienstplan funktioniert. Sondern: wie kann ich organisieren, dass jemand erst um 23 Uhr schlafen geht." Der Plan geht auf: Die Bewohner Hogeweyks schreien weniger, schlafen und essen besser als in traditionellen Heimen. Und sind offen für Fremde. Daher habe man für Nachbarn geöffnet, das Café, das Restaurant, die Plätze und das Theater für Veranstaltungen.

Geborgenheit

Im Café ist gerade Musik. Um einen langen, ovalen Tisch sitzen alte Frauen, die Hälfte im Rollstuhl. Sie starren auf den Tisch, nur wenige reden miteinander. Dennoch bewegen sich die meisten zu den holländischen Schlagern. Ein zerbrechliches, leises Schunkeln. Eine bemerkt den Eindringling beim Eingang und wirft ihm eine sanfte Kusshand zu. Die Blicke der anderen richten sich langsam zur Tür. In fast allen Gesichtern ein Lächeln.

Vor dem Café, auf dem Theaterplein, kommt eine Familie an. Die ältere Frau in ihrer Mitte zieht heute in eines der Häuser, erklärt van Zuthem. Der Ehemann der Frau, Richard van der Brug, kann die Pflege der früheren Konzertpianistin nicht mehr leisten. "Früher spielte sie auswendig. Jetzt kann sie es nicht einmal mehr vom Blatt." Unter Tränen spricht er aus: "Ich werde heute alleine nach Hause fahren. Aber sie ist hier geborgen." (Das Interview als Video auf kurier.at)

Van Zuthem gesteht, dass es manchmal schwierig ist. "Eine Bewohnerin hat sich in einen Bewohner verliebt. Als ihr Mann zu Besuch war, erzählte sie ganz fröhlich von ihrem neuen Freund."

Sie begrüßt die Familie und begleitet Frau van der Brug in ihr neues Haus. Die Familie geht mit, vorbei an einer langen Reihe Fahrräder, die an einer Ziegelwand stehen. Es sind die Räder der Mitarbeiter. Anfangs standen sie vor De Hogeweyk. Aber für die Bewohner ist die Welt hier. Und in Holland stehen normalerweise Räder vor Ziegelwänden.

Angst vor Demenz

Die Zahl der Demenzfälle steigt. Für Österreich wird bis 2050 mit einer Verdopplung auf 260.00 Erkrankte gerechnet. Weder die Ursachen der Krankheit noch Heilungsansätze sind bekannt. Die Angst ist dafür umso größer.

Hogewey gab es schon lange als Heim für Demenzkranke. 1993 sagte eine Mitarbeiterin nach dem Tod ihrer Mutter: "Ich bin froh, dass sie nicht hier leben musste." Das Management fragte sich: Was brauchen Patienten und wie richten wir die Administration dafür aus? Noch im alten, schlecht geeigneten, Gebäude wurden Methoden wie eine mobile Küche entwickelt. Sprecherin Van Zuthem: "Unsere Philosophie braucht keine solche Einrichtung. Man kann in jedem Heim etwas anders machen."

2009 wurde De Hogeweyk fertig, finanziert durch Fund Raising. Monatlich bekommt es pro Patient 5000 € von der, in Holland verpflichtenden, Pflegeversicherung. Dazu kommen private Spenden. Im Hogeweyk arbeiten 240 Menschen (160 Vollzeitstellen), pro Haus vier Vollzeitpfleger.

Der wissenschaftliche Beweis fehle, aber die Erfahrung zeige: "Bewohner brauchen hier weniger Medikamente, sind weniger aggressiv, schreien weniger und schlafen besser. Vor dem Tod sind sie nicht so lange bettlägrig. Und sie scheinen länger zu leben." Die Wartezeit beträgt ein Jahr.

Im Schweizer Wiedlisbach entsteht gerade ein Dorf nach dem Vorbild Hogeweyks.

Das österreichische Sozialministerium bezeichnet Hogeweyk als "innovatives Projekt, welches konsequent eine milieubezogene Lebensweltgestaltung verfolgt." In Österreich gibt es Wohngemeinschaften, die ein ähnliches Konzept verfolgen, z. B. von der Caritas Socialis oder die Hausgemeinschaften der Diakonie. Informationen gibt es im Demenzhandbuch (Download unter broschuerenservice.bmask.gv.at) .

BUCHTIPP

In "Der alte König in seinem Exil" erzählt Arno Geiger von seinem dementen Vater. Das Buch ist für Angehörige von Betroffenen sehr empfehlenswert.

INTERVIEW

Ein Interview mit dem Demenz-Experten Udo Zifko zum Thema lesen Sie hier.