Sterbehilfe: Aus Nächstenliebe töten

**File** Ein Pfleger massiert am 25. Oktober 2007 …
Foto: AP/Thomas Kienzle Ist ein menschenwürdiges Sterben möglich? Befürworter als auch Gegner von aktiver Sterbehilfe bejahen dies.

Aktive Sterbehilfe ist in Österreich tabu. Laut Umfrage sprechen sich aber zwei Drittel dafür aus.

Schuldig aus Nächstenliebe: Ein Gericht im niederländischen Zupthen hat den 71-jährigen Albert Heringa wegen Beihilfe zur Sterbehilfe schuldig gesprochen, jedoch keine Strafe verhängt.

Heringa hatte seine Mutter, die 99-jährige Maria „Moek“ Heringa auf deren Wunsch eine Überdosis Schlaftabletten in ihr Joghurt gemischt und sie beim Auslöffeln der tödlichen Mixtur gefilmt. Am nächsten Morgen war seine Mutter nicht mehr am Leben und sein 24-minütiges Sterbevideo mit Statements der Familienmitglieder stand im Internet.

Anders als in Österreich ist aktive Sterbehilfe in den Niederlanden erlaubt, jedoch auch an einige Bedingungen geknüpft. Möglich ist sie zum Beispiel, wenn ein Patient unheilbar krank ist und ein Arzt den Prozess begleitet. Das Besondere in diesem Fall: Maria Heringa war dem Vernehmen nach noch geistig fit, deshalb hat ihr die Hausärztin ihre Hilfe verweigert.

Die Mehrheit ist pro

Das Gericht hat in seinem Urteil anerkannt, dass der Sohn aus Nächstenliebe gehandelt hat. Das Urteil hat auch in Österreich für heftige Diskussionen gesorgt. Auffallend ist dabei schon seit Längerem, dass sich immer wieder prominente Gegner der aktiven Sterbehilfe zu Wort melden und kaum Befürworter, dass jedoch das Meinungsbild in der Bevölkerung ein ganz anderes ist.

Bei einer Umfrage, die vom Institut für Sozialmedizin und Epidemologie der Universität Graz in der Steiermark durchgeführt wurde, gaben zwei von drei Befragten an, dass sie persönlich für aktive Sterbehilfe eintreten. Nur 30 Prozent waren dagegen, acht Prozent zeigten sich unentschlossen. Die Gegner der Sterbehilfe argumentieren damit, dass heute gut ausgebildete Sterbebegleiter und moderne Schmerztherapien den Patienten ein menschenwürdiges Ableben ermöglichen können.

Auch dem Grazer Sozialmediziner Wolfgang Freidl, der die Studie durchgeführt hat, ist der Widerspruch zwischen öffentlichen Äußerungen und öffentlicher Mehrheitsmeinung aufgefallen. Er selbst ist kein Befürworter der gesetzlichen Freigabe für aktive Sterbehilfe – so wie in den Benelux-Staaten.

Sein wesentliches Argument dagegen: „Durch eine Legalisierung würde aktive Sterbehilfe zu einem Normenbild werden und dadurch über kurz oder lang den sozialen Druck auf jene erhöhen, die eigentlich am Leben bleiben möchten.“ Irgendwann kommt dann vielleicht ein kranker älterer pflegebedürftiger Mensch unserem Gesundheitssystem zu teuer oder er geht seinen Angehörigen, die auf das Erbe spitzen, auf die Nerven, und dann könnte man allzu schnell zu dem Schluss gelangen, dass doch die Frau „Moek“ bei ihrem Tod auch nicht arg leiden musste. Erste Studien in den Niederlanden, weiß Wolfgang Freidl, würden seine Befürchtung bestätigen.

„Das Beste für ihn“

Der Sozialmediziner berichtet, dass in den Niederlanden bereits 1000 Menschen von Ärzten getötet wurden, ohne gefragt worden zu sein. Als Begründung der Ärzte fielen öfters Sätze wie „Das war eindeutig das Beste für ihn“ oder „Der Patient war nicht mehr in der Lage, seine Situation richtig zu bewerten“.

Freidl hat sich auch eingehend mit der Frage beschäftigt, warum sich die Akzeptanz für die aktive Sterbehilfe selbst in einem katholisch geprägten Land wie Österreich deutlich erhöht hat. Seine These: „Das hat wahrscheinlich mit den Individualisierungstendenzen und Autonomiebestrebungen in unserer Gesellschaft zu tun.“ Die Klischees von alten Menschen, die alleine in einem Altersheim leben, „wirken für viele nicht einladend“.

Auffallend ist auch, dass sich speziell Bessergebildete für die aktive Sterbehilfe aussprechen. Eine Argumentationshilfe sehen die Befürworter auch im neuen Buch des katholischen Theologen und bekannten Kirchenkritikers Hans Küng („Erlebte Menschlichkeit“, Verlag Piper), der im letzten Kapitel festhält: „Ich bin nicht lebensmüde, doch lebenssatt.“ Um ein paar Seiten weiter zu schreiben: „Schmerztherapie kann vielen unheilbar Kranken ihr Endstadium erträglich machen. Aber – man sollte es nicht verschweigen – sie ist nicht die Antwort auf alle Sterbewünsche.“

Infografik

(kurier) Erstellt am
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