Wissen
23.02.2018

Stammzellenforschung: Vision für unheilbare Krankheiten

Wie die Forschung am Wiener IMBA nach dem Abgang von Josef Penninger fortgesetzt wird.

Der Genetiker Josef Penninger wird das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) bald in Richtung Kanada verlassen. Ein Verlust. Dennoch: "Das Institut ist jetzt sehr stabil, und die Forschung geht weiter", sagt Stammzellforscher und IMBA-Vizedirektor Jürgen Knoblich.

Warum diese Forschung für Österreich so wichtig ist? "Wir stehen gerade am Rande einer Revolution in der Biomedizin", so Knoblich. "Wer hier in die Grundlagen investiert, kann später davon wirtschaftlich profitieren, weil daraus neue und innovative Firmen entstehen."

Mit Hilfe der Stammzellforschung ist es nämlich möglich, sowohl Ursachen für Krankheiten wie Krebs zu erforschen, als auch Therapien für Parkinson oder Epilepsie zu entwickeln.

Ein Durchbruch war die Entdeckung, dass man ganz normale Körperzellen zu Stammzellen zurückprogrammieren kann. Aus Stammzellen lassen sich sämtliche menschliche Zellen entwickeln – von Blutkörperchen über Leber- bis zu Nervenzellen. Seit 2016 werden im IMBA diese sogenannten iPS-Zellen (induzierte pluripotente Stammzellen) in einer eigenen Stammzell-Facility gezüchtet. Wie vielfältig das Anwendungsgebiet ist, zeigen einige der Forschungsschwerpunkte des IMBA.

"In zehn bis zwanzig Jahren wird jeder sein Genom kennen."

Jürgen KnoblichStammzellforscher Jürgen Knoblich ist es z.B. gelungen, ein Mini-Hirn im Labor zu entwickeln. Mit Hilfe dieser Gehirn-Organiode lassen sich Krankheiten wie Epilepsie, Autismus, Schizophrenie oder Gehirntumore erforschen. Engen Kontakt gibt es zum Epilepsie-Diagnostikzentrum der MedUni Wien. "Neue Therapien können damit schneller entwickelt und vorab getestet werden – für unsere Patienten ganz wichtig. Epilepsien treten nämlich meist schon im Kindesalter auf, doch die Therapien sind nur für Erwachsene erprobt", meint Martha Feucht von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde.

Geforscht wird am IMBA an Herzmodellen, um die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu untersuchen – in Industrieländern die Todesursache Nummer Eins. Weitere Schwerpunkte sind neurodegenerative Erkrankungen wie Depressionen sowie Mechanismen der Zellerneuerung der Organe. Das Wissen darüber ist relevant, um die Entstehung von Magen-, Darm- oder Leberkrebs zu verstehen.

Renommiert

Österreichs Stammzellforschung, die sich nicht nur auf das IMBA beschränkt, kann sich international sehen lassen, wie Marius Wernig weiß. Der Kärntner forscht derzeit in Stanford. Bund und Stadt Wien fördern das Institut mit 22,5 Mio. Euro. "Das klingt viel, ist aber im internationalen Vergleich wenig – diese Forschung ist sehr teuer."

Die Forschungssituation sei "ausbaufähig", sagt deshalb Frank Edenhofer, Molekularbiologe von der Uni Innsbruck. "Es gibt viele Projekte, die hervorragend bewertet werden, aber keine Förderung bekommen."

Teuer sind die Stammzell-Therapien nach wie vor. Doch das wird sich ändern, glaubt Knoblich: "Wir haben jetzt schon viele Genome (komplettes Erbgut eines Menschen) entschlüsselt. Ich bin überzeugt, dass in zehn bis zwanzig Jahren jeder Österreicher sein Genom kennt. Die Sequenzierung wird eine Routineuntersuchung im Spital sein."

Dass man dieses Genom verändern kann, ist das Revolutionäre dieser Forschung: "Bisher als unheilbare Krankheiten wie Hirntumore sind dann heilbar", prognostiziert er. Doch dazu sei Grundlagenforschung wie im IMBA wichtig. "Was jetzt entdeckt wird, kann die Basis dafür sein, dass in 20 Jahren Menschen geheilt werden."