Wissen und Gesundheit
12.06.2017

Mit gezieltem Kieferbruch zu einem harmonischen Gesicht

In der plastischen und rekonstruktiven Chirurgie steht die Regeneration von allen Geweben im Vordergrund.

Ein zu schmaler Unterkiefer mit einer Zahnfehlstellung und dadurch Schmerzen, die sie zuletzt nicht einmal mehr mit Schmerzmitteln in den Griff bekam – das waren vorrangig die Gründe für Caroline L, sich im Vorjahr einer komplizierten Operation zu unterziehen. Dabei wurde ihr Kiefer gezielt gebrochen und ihre Gesichtsmuskulatur gedehnt.

Harmonische Proportionen und Konturen

Mit dem Eingriff verbesserten sich quasi nebenbei auch die Proportionen und Konturen ihres Gesichts – nicht ihr vorrangiges Ziel, aber doch ein angenehmer Nebeneffekt. "Im Nachhinein bin ich froh, dass ich es gemacht habe. Ich habe nun mehr Lebensqualität und fühle mich wohler." Für die Wiener Lehrerin waren gesundheitliche Gründe ausschlaggebend. Immer mehr Menschen, auch Jüngere, legen sich aber aus hohem Leidensdruck unters Skalpell. Weil ihre Nase oder ihre fliehendes Kinn psychologische Probleme verursacht.

Geweberekonstruktion

Es geht bei Schönheitsoperationen längst nicht nur um ein bisschen Botox für lästige Stirnfalten. "Die Regeneration von allen Geweben steht stärker im Fokus. Das ist der totale Gegensatz zur klassischen Straffung", sagt Kieferchirurg Univ.-Prof. Kurt Vinzenz. Vereinfacht gesagt: Kombiniert werden verschiedene Methoden aus der rekonstruktiven und plastischen Chirurgie, um "die harmonischen eigenen Proportionen und das individuelle Erscheinungsbild eines Gesichts herauszuarbeiten".

Methode mutet martialisch an

Die Methode, die Vinzenz schon vor einigen Jahren vom deutschen Magazin Der Spiegel den Namen "Knochenbrecher" eingebracht hat, mutet in der Tat martialisch an. Bei der sogenannten Knochenbruchdehnung wird nämlich der Kiefer zersägt. Der Körper bildet in den Zwischenräumen neue Knochenmasse – dadurch wird das Kinn sozusagen nach vorne gezogen.

Durch diese Praxis wird gleichzeitig die gesamte äußere und innere Kiefer- und Schlundmuskulatur ebenfalls gestrafft. "Bei diesem "Bone-Muscle-Crosstalk" (Knochen-Muskel-Dialog) wird die natürliche Muskelvorspannung wiedererlangt." Diese Aktivierung löst Muskelaktivitäten aus, die sich eine Zeitlang "wie ein Muskelkater im Gesicht" anfühlen, beschreibt Caroline L.

Vinzenz ergänzt: "Es ist eine Art Trainingseffekt für die Muskulatur und die umliegenden Weichteile und führt fast automatisch zu einer Dynamisierung des Gesichts." Im Gegensatz zu klassischen Methoden, die mitunter zu einer "Dekonstruktion" des ursprünglichen Gesichts führen können, stehe bei der nun vermehrt aufkommenden konturverbessernden Chirurgie der Erhalt des individuellen Erscheinungsbilds besonders im Vordergrund. Für einen zusätzlichen Volumenaufbau wird gelförmiges Plasma verwendet, das die Kollagenschicht der Haut noch verbessert.

Probleme mit Haltbarkeit der Implantate

Der Trend zu Schönheitsoperationen sorgt für immer jüngere Patienten – und damit neue Probleme. Denn die Ergebnisse halten nicht ewig und der Alterungsprozess von Implantaten, Gesichtslifts und Co. wird eine neue Herausforderung für die Schönheitschirurgie. "Einzelne Eingriffe addieren sich zu einer Funktionsbeeinträchtigung, im Alterungsprozess dekonstruiert sich das Gesicht sozusagen." Silikon-Kinnimplantate können etwa Kapselfibrosen wie bei Brustimplantaten auslösen, den Knochen beschädigen und die Muskelfunktionen beeinträchtigen. Das ist dann nur schwer zu korrigieren", sagt Vinzenz.