Rückwärtstag
01/31/2017

Seltsame Talente: Menschen, die rückwärts sprechen können

Manche Menschen können fließend von hinten nach vorne reden. Zwei davon arbeiten beim KURIER.

von Julia Pfligl

netuG negroM! nebaH eiS nohcs tkcütshürfeg? Nein, die Autorin dieser Zeilen ist nicht auf der Tastatur eingeschlafen: Heute ist Rückwärtstag, National Backwards Day, wie die Amerikaner sagen. Wer ihn erfunden hat und wie lange es ihn schon gibt, ist nicht bekannt – jedenfalls ist er dazu da, um dem Alltagstrott etwas Schwung zu verleihen. Indem man den Morgen mit einem Abendessen beginnt, den Pullover verkehrt herum trägt, mit dem Rücken vorangeht. Oder eben rückwärts spricht (so wie oben, falls Sie sich noch immer wundern, was das Kauderwelsch sollte).

Während manche Menschen stolz sind, wenn sie ihren eigenen Vornamen von hinten nach vorne sagen können (ausgenommen Anna und Otto), sprechen andere – wenige, zugegebenermaßen – fließend sträwkcüR. Einer von ihnen ist Georg Markus, Autor und KURIER-Kolumnist. "Ich kann das seit Volksschultagen", erzählt der 65-Jährige, "trainiert habe ich es nie." Vor 15 Jahren wurde er wegen seiner ungewöhnlichen und "völlig sinnlosen" Begabung in eine Talkshow geladen, wo er Wörter wie Schokoladenpalatschinke live "umdrehte". "Danach haben mich sehr viele Menschen angesprochen. Der bekannteste war Marcel Prawy: Er rief mich an und sagte ‚suvreS groeG sukraM‘ (Servus Georg Markus, Anm.)." Der legendäre Opernkritiker hatte nämlich dieselbe Gabe.

Noch nicht erforscht

Bis heute hat die Wissenschaft keine Antwort auf die Frage, warum manche Menschen in Sekundenschnelle die sprachliche Richtung ändern können. Auf Nachfrage des KURIER wollten sich weder Neurologen noch Linguisten im Detail dazu äußern – es fehle an entsprechenden Studien. Sprachwissenschaftler vermuten allerdings, dass Rückwärtsredner ein besonders gutes Arbeitsgedächtnis haben. Das ist jener Teil, in dem Informationen manipuliert und erweitert werden und der beim Lernen, Verstehen und Argumentieren eine wichtige Rolle spielt.

Andere stellen eine Verbindung zum fotografischen Gedächtnis her, denn die meisten Rückwärtsredner lesen die Wörter vor ihrem geistigen Auge vom letzten Buchstaben bis zum ersten. Auch Bernhard Wolff: Der deutsche Wirtschaftspädagoge war acht, als er sein Talent entdeckte, heute hält er Seminare über kreatives Denken und spricht coram publico Rückwärts (neues Buch: „Titel bitte selbst ausdenken“). "So zeige ich auf eine lustige und überraschende Art, dass wir in der Lage sind, beim Denken die Richtung zu ändern." Er glaubt, dass es zwischen Kreativität und der Fähigkeit, Wörter umzudrehen, einen Zusammenhang gibt. Einmal ließ er sich während des Rückwärtsredens von Neurologen beobachten. "Das bildgebende Verfahren hat ergeben, dass das visuelle Zentrum besonders intensiv eingebunden ist. Das Gehirn stellt sich geschriebene Schrift vor und liest rückwärts."

Geheime Botschaften

Rückwärtsreden erfordere also die Fähigkeit, bildlich zu denken. "Man liest ja quasi im Geiste rückwärts. Außerdem braucht es einen Spieltrieb, eine ausgeprägte Neugierde. Wer rückwärts sprechen kann, verfügt also schon mal über zwei der wichtigsten Voraussetzungen für kreatives Denken."

Viele Gleichgesinnte hat Bernhard Wolff in seiner Zeit als Rückwärtsredner nicht getroffen. Offizielle Zahlen gibt es nicht; er schätzt, dass von tausend Menschen einer fließend "umgedreht" sprechen kann. Allen anderen empfiehlt der Kreativitätsexperte eine einfache Einstiegsübung: das Alphabet von hinten nach vorne aufsagen.

In einem sind sich Mediziner einig: Bei geborenen Rückwärtsrednern handelt es sich nicht um "Savants", also Menschen mit einer sehr seltenen Inselbegabung (wie etwa im Film "Rain Man" dargestellt). Und auch an der kruden Theorie eines Australiers, wonach jeder Satz rückwärts gesprochen die eigentliche Wahrheit preisgibt, ist wohl nichts dran. Am Ende ist die Fähigkeit zum umgedrehten Reden vor allem eines: total harmlos.

Und ziemlich unterhaltsam.

Sag mal Donaudampfschifffahrt!

Ich war acht, als es anfing. In der Schule bereiteten wir uns gerade auf die Erstkommunion vor (ein Meilenstein in der Biografie eines Landkindes), also sang ich meinen Eltern zu Hause unser Eröffnungslied für die Messe vor. Meine Mutter, selbst Volksschullehrerin und mit Kommunionsliedern bestens vertraut, wunderte sich: Die Melodie kam ihr bekannt vor, nicht aber der Text. Ja nicht einmal die Sprache! "Was singst du denn da?", fragte sie, und ich antwortete, als wäre es das Normalste der Welt: "Ich singe rückwärts!"

Oft habe ich diese Geschichte erzählt, immer kamen dieselben Fragen. Deshalb: 1) Nein, ich habe das nicht geübt (wie verrückt wäre das?), es war einfach da. Ich sehe die Wörter vor mir und lese sie von hinten nach vorne. 2) Nein, ich war nie bei Wetten, dass..?. (Und jetzt ist es dafür eh zu spät.) 3) tfahcsllesegstrhafffihcsfpmaduanoD (ja, ich kann auch Donaudampfschifffahrtsgesellschaft rückwärts sagen).

Lange dachte ich, ich sei die Einzige mit dieser sonderbaren (manche würden sagen, gruseligen) Gabe. Bis ich eines Abends mit meiner Familie vor dem Fernseher saß und Georg Markus rückwärts reden sah. Ich war gerade ins Gymnasium gekommen und ahnte nicht, dass Herr Markus einmal mein Kollege sein würde. Man kann sich vorstellen, worüber wir bei unserer ersten Begegnung gesprochen haben.

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