Donald Trump

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Debatte
02/21/2017

Psychiater diskutieren über den Geisteszustand von Trump

Weltweit brechen Psychiater ihren Ethik-Kodex und analysieren den Geisteszustand des US-Präsidenten.

von Gabriele Kuhn

Kein Tag ohne "Trumpism", verbunden mit der Frage: Ist der Mann eigentlich noch ganz dicht? Oder ist das, was er sagt und tut, nur Bluff?

Über den Geisteszustand von Donald Trump zerbrechen sich die Menschen mehr denn je den Kopf. Nicht nur aktuell – über den "Fall Trump" spekulieren und diskutieren Kritiker, Autoren, Journalisten sowie oppositionelle Politiker bereits seit Langem. Die wildesten Geschichten zur Trump’schen Manie(r) und Selbstverliebtheit kursieren: Er würde täglich Zeitungsartikel über sich selbst studieren und liebe es, sich im Spiegel zu betrachten. Der ehemalige Talk-Show-Moderator David Letterman ätzte gar: "Er ruft beim Sex seinen eigenen Namen!" Michael d’Antonio, Autor der Trump-Biografie "Never Enough" äußerte sich in Interviews (etwa für das Magazin Profil) über Trumps seltsames Verhalten. Man könne es in psychologischen Werken nachschlagen, es sei "dysfunktional und wirke verstörend". Manche dieser Thesen gehören vermutlich in die beliebte Rubrik "Fake News", andere scheinen nachvollziehbar.

Der Parade-Narzisst

Doch nun zweifeln sogar Profis an Trumps mentaler Fitness. Mehr und mehr erheben Experten – Psychotherapeuten, Psychologen und Psychiater – im "Fall Trump" ihre Stimme. Mittlerweile gibt es zahlreiche Artikel zum Thema. In den meisten wird Trump als Narzisst abgestempelt, in manchen gar als Psychopath. So attestierte der US-Psychotherapeut und Psychologe John D. Gartner dem Präsidenten "bösartige Selbstverliebtheit". Er sei emotional unfähig, Präsident zu sein. Er hätte Verfolgungswahn, verhalte sich asozial und wäre aggressiv. Der "kleinen Diktator", wie er zuweilen in den Medien genannt wird, obwohl er weit über 1,80 m groß ist, sei psychisch nicht fähig, sein Land zu führen.

In ähnlicher Tonalität schrieben 35 renommierte Experten einen offenen Brief an die New York Times, in dem sie ihm schwere emotionale Instabilität attestierten. Damit verstoßen sie gegen die in den USA gültige "Goldwater-Regel" der American Psychological Association (siehe Definition unten), wonach Ferndiagnosen unprofessionell und daher nicht angebracht seien. Diese Regel kam auch im Rahmen des Trump’schen Wahlkampfs ins Spiel. Man warnte die US-Psychiater erneut davor, sich ferndiagnostisch zu betätigen. Doch nun wollen sich manche Experten nicht mehr daran halten und brechen bewusst ihr Schweigen, mit dem Argument, dass es endlich an der Zeit sei, die Stimme zu erheben.

Ein heftiges Für und Wider unter Kollegen ist entbrannt. Die einen halten es für kontraproduktiv, sich öffentlich über Trumps Geisteszustand auszulassen. Die anderen verteidigen die Meinungsäußerung als "dringend nötig". So äußerte sich etwa der US-Psychiater Allen Frances von der Duke University ebenfalls via New York Times. In einem Kommentar widersprach er seinen Kollegen. Er sei der Meinung, dass Trump nicht psychisch krank ist. Auf der sozialen Plattform Twitter schrieb er: "Dauernd zu sagen, dass Trump verrückt sei, ist falsch und trifft nicht den Punkt. Er ist böse, aber nicht verrückt." Aus seiner Sicht würde der US-Präsident nicht den Diagnosekriterien für Narzissmus entsprechen. Immerhin ist er Mitautor der "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders IV" (DSM) – ein Klassifikationssystem, um psychische Krankheiten zu diagnostizieren und zu definieren.

Analyse statt Diagnose

Wie legitim es ist denn nun, Menschen aus der Ferne diagnostisch einzuordnen? Der KURIER befragte dazu österreichische Experten. Etwa den Psychiater Univ.-Prof. Reinhard Haller, der die psychische Befindlichkeit des US-Präsidenten bereits für viele deutschsprachige Medien umrissen hat und sich auch dazu bekennt: "Die ethischen Bedenken, die da hin und wieder aufkommen, kann ich nicht teilen. Das sind ja keine Diagnosen, man analysiert ein Verhalten. Dieses Verhalten kann unter Umständen sehr gefährlich werden. Es wäre meines Erachtens eher bedenklich, würde man nichts sagen. Ich wäre froh gewesen, hätte die Psychiatrie im Laufe der Geschichte öfters auf solche Despoten hingewiesen."

Für den Autor des Buches "Die Narzissmusfalle" ist Trump ein klassischer Narzisst. Nicht nur. Haller ist überzeugt, dass der US-Präsident eine bösartige Form des Narzissmus auslebt. Der maligne Narzissmus gilt als besonders gefährlich und ist etwa durch eine brutale und gefühllose Vorgangsweise charakterisiert. Aus Sicht Hallers sei das für jeden offensichtlich: "Herr Trump zelebriert das, stellt es öffentlich dar. Ich teile aber nicht die Meinung mancher amerikanischer Kollegen, dass Donald Trump psychisch krank ist. Narzissmus ist keine Krankheit, sondern eine Persönlichkeitsstörung, eine Charaktereigenschaft. Ich halte ihn für alles andere als krank – im Gegenteil. Ich glaube, er ist gesünder als viele andere." Auf die "Goldwater-Regel" angesprochen, meint Haller: "Es ist hier eine Gefahr in Anzug, insofern teile ich die Goldwater-Regel, die seinerzeit sicher eine Berechtigung hatte, überhaupt nicht. Ich hätte Probleme, zu schweigen."

Für Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbandes der Psychotherapeuten, ist die Qualität einer Ferndiagnose laienhaft. "Zur psychotherapeutischen Diagnostik gehört immer der persönliche Kontakt zwischen dem Behandler und dem Patienten. Das sieht auch das Gesetz vor, deshalb gibt es keine Psychotherapie im Internet oder via Skype." Natürlich erkenne auch er anhand von Aussagen, Tweets oder via Medien, dass Trump ein Narzisst ist, doch dabei handle es sich um Persönlichkeitsmerkmale ohne Krankheitswertigkeit. "Die psychotherapeutische oder psychologische Diagnostik legt immer die Krankheitswertigkeit solcher Merkmale fest – und dafür braucht es eben den direkten Kontakt, das Gespräch." Zu den Ferndiagnosen diverser US-Kollegen meint er: "Hier stellt sich die Frage, wie man vorgeht – populistisch oder seriös. Seriös wäre es, zu sagen, dass es bestimmte Hinweise gäbe, die auf eine mögliche psychische Erkrankung schließen lassen. Das ist wissenschaftlich korrekt. Auf Wahrscheinlichkeiten hinzuweisen, ist in Ordnung."

Persönlicher Kontakt

Auch Cornel Binder-Krieglstein, Vizepräsident des Österreichischen Psychologenverbands, betont die Wichtigkeit des direkten Patientenkontakts: "Im Psychologengesetz ist die Unmittelbarkeit der Tätigkeit verankert, Behandlung und Diagnostik betreffend. Da gehört zwingend der direkte Patientenkontakt dazu."

Würde er Donald Trumps Verhalten öffentlich diagnostizieren? "Nein. Das würde ich grundsätzlich nicht, weil es die Gefahr birgt, dass die Objektivität nicht gewahrt werden kann und es unmöglich wird, sich davon abzugrenzen, ob es sich um ein Politikum oder eine gesellschaftliche Meinung handelt." Anders sei es natürlich, wenn jemand sein Verhalten interpretiert oder beschreibt: "Ich gehe da jetzt einmal von Trump weg. Wir haben für bestimmte Fälle – etwa Amokläufe oder erweiterte Suizide – öfters Anfragen, wie man sich das vorstellen könnte. Hier können wir nur über bestimmte Verhaltensweisen sprechen, mit der Einschränkung, dass es ja nur bedingt Fakten gibt. Man spricht hier über Vermutungen. Aber Diagnosen zu stellen, ohne jemanden persönlich gesehen zu haben, geht nicht."

Gerichtspsychiater Haller bleibt dabei: "Langer Rede, kurzer Sinn: Bei einem Mann, der Atomwaffen in der Hand hat, steht es der Psychiatrie gut an, auf die Gefahren hinzuweisen."

Goldwater-Regel: Der Ethik-Code der Psychiater

Die Goldwater-Regel wurde nach dem US-Politiker Barry Morris Goldwater (1909 – 1998) benannt, der im Jahr 1964 Präsidentschaftskandidat der Republikaner war und damals einen höchst polarisierenden Wahlkampf führte. Als das Magazin Fact eine Umfrage veröffentlichte, in der über 1000 Psychiater Barry Goldwater für „psychologisch ungeeignet für das Präsidentenamt“ erklärten und ihm Paranoia, Narzissmus sowie eine schwere Persönlichkeitsstörung attestierten, verlor er die Wahl. Im Jahr 1969 wurden der Herausgeber des Magazins wegen Verleumdung gerichtlich zu einer Geldstrafe verurteilt.

Die American Psychiatric Association (APA) formulierte daraufhin die Goldwater-Regel, nach der es ethisch inkorrekt und folglich verboten sei, psychiatrische und psychologische Atteste sowie Diagnosen zu stellen, ohne zuvor den Betroffenen untersucht zu haben.

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