Psyche in Not: 80.000 Therapieplätze für Kinder und Jugendliche fehlen

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Die Liga für Kinder- und Jugendgesundheit schlägt Alarm: Kinder werden im Gesundheitssystem vergessen.

Am Tag der seelischen Gesundheit zeichnete der Präsident der Österreichischen Liga für Kinder - und Jugendgesundheit, Christoph Hackspiel, ein bedrückendes Bild der Situation: "Es steht dramatisch um die psychosoziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Bindungsstörungen, depressive Verstimmungen, Angststörungen, ADHS, Essstörungen, Rückzug in virtuelle Welten – die Liste ist lang und es sind immer mehr Minderjährige betroffen."

Kinder und Jugendliche machen 20 Prozent der Bevölkerung aus, doch nur sechs Prozent der Gesundheitsausgaben werden für sie verwendet, heißt es im neuen Jahresbericht der Liga. Laut Schätzungen fehlen 60.000 bis 80.000 Therapieplätze, das sei "ein massiver Engpass, der zu langen Wartelisten bei Entwicklungsambulatorien, psychologischen und psychotherapeutischen Praxen, mobiler Kinderkrankenpflege und Autistenhilfe geführt hat" (siehe unten).

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Grafik FOTO Yarinca/istockphoto v. 10.10.2017, Bildnummer: 182411303, 46-103312747 © Bild: Grafik,istockphoto

Hackspiel kritisiert mangelndes Datenmaterial, erste dramatische Aussagen traf die "MHAT"-Studie über die mentale Gesundheit von Teenagern: Knapp ein Viertel der Kinder und Jugendlichen leidet zurzeit an einem psychischen Problem, ein Drittel im Lauf ihres jungen Lebens, heißt es dort.

Hilfe zahlt sich aus

Hackspiel sieht in der Kinder- und Jugendgesundheitsstrategie des Gesundheitsministerium und dem Kinderrechte-Panel im Familienministerium erste Schritte, doch bestehe großer Aufholbedarf: "Wir fordern ein Kinderministerium oder einen Bundes-Kinder-Beirat wie bei den Senioren. Und Kinderverträglichkeitsprüfungen, damit wir Kinder und Eltern stärker in den Fokus rücken." Das rechne sich auch: "Jedes Kind, das leidet und es dadurch nicht schafft, eine Schule abzuschließen und sich danach in die Gesellschaft zu integrieren, kostet zwei Millionen Euro an Unterstützung und entgangenen Steuern. Um einen Bruchteil könnte man ihm helfen."

Hackspiel
Familienministerin Karmasin mit Dr. Hackspiel von der Liga für Kinder und Jugendgesundheit bei der Pressekonferenz anlässlich de… © Bild: BMFJ/Aigner
Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner kündigt Maßnahmen an: "Bis 2019 sollen rund 3500 Therapieplätze für Kinder und Jugendliche in multiprofessionellen Einrichtungen entstehen. Das kann von Psychotherapie über Ergotherapie und Logopädie bis hin zur Kinder- und Jugendpsychiatrie reichen."

Nötig wären weitere Maßnahmen, so die Liga: Einen Engpass gibt es schon am Beginn des Lebens bei den Kassen-Hebammen, die auch für eine Betreuung von Mutter und Kind zu Hause sorgen können – für Wien mit 20.000 Geburten jährlich sind das derzeit 23. In Deutschland würde das als Versorgungsnotstand gelten. Für einen österreichweiten Schnitt von rund 300 Geburten pro Betreuerin bräuchte es in Wien mehr als 60 Kassen-Hebammen. Knapp werde es auch bei Kinderärzten nicht nur am Land, sondern in Städten wie Linz und Wien.

Vierfaches Personal

Kinderpsychiater Christian Kienbacher sieht einen Grund in der mangelnden Attraktivität für angehende Ärzte und fordert für seinen Bereich das vierfache Personal: "Wir haben 26 Kassen-Kinderpsychiater, aber für einen Stand wie in Deutschland und der Schweiz müsste es 100 geben." Er beobachtet, dass Lehrer und Eltern schneller reagieren als früher und Kinder zu Experten schicken, "aber weil es zu wenige Kassenplätze gibt, können wir nicht genug helfen".

Hedwig Wölfl, Geschäftsführerin der Kinderschutzeinrichtung Möwe, wünscht sich mehr unbürokratische Hilfe wie beim Konzept der "Frühen Hilfen" für Jungfamilien: "Die psychosozialen Faktoren sollten in den Mutter-Kind-Pass einfließen. Wir beobachten eine besorgniserregende Zunahme von emotionaler Vernachlässigung. Eltern brauchen mehr Stärkung ihrer Erziehungskraft. Nicht erst dann, wenn ihre Kinder in Gefahr sind. "

Die dreijährige Lana (Namen geändert) ist still, in sich gekehrt, spricht kaum. Ihr Bruder Elias (5) wird manchmal laut und wütend, wenn er mit seinen Gefühlen nicht umgehen kann – etwa weil er sich im Kindergarten nicht gut behandelt fühlt. Bei zwei Kindern von Irina B. wurde Autismus diagnostiziert, ihre elfjährige Tochter ist gesund.
Die Therapeutin von Elias, die bisher über die Spendeninitiative „Licht ins Dunkel“ bezahlt wurde, ist jetzt von Wien nach Klosterneuburg gezogen – für die junge Familie ohne Auto fast eine Weltreise. Jetzt sucht sie einen neuen Therapieplatz, möglichst auf Krankenkasse, doch bei der Autisten-Hilfe Arche Noah bereitet man sie auf zwei bis drei Jahren Wartezeit vor. Auch andere Eltern verzweifeln an den langen Wartezeiten, manche finanzieren mit großen Schwierigkeiten die Therapiestunden für ihre Kinder privat – doch auch so ist es schwierig und langwierig, einen guten Platz zu bekommen.
Die dringende Suche beginnt jetzt auch für die kleine Schwester Lana, denn eine Vormerkung auf der Warteliste für einen Therapieplatz sei erst rund um den dritten Geburtstag möglich, davor gebe es keine offizielle Diagnose für Autismus.

Schulvorbereitung

Für Elias tickt die Uhr: Nächstes Jahr sollte er in die Schule gehen, doch ohne eine Therapie verbessert sich seine Situation nicht, und die Hoffnung seiner Mutter auf eine normale Volksschule mit gesunden Kindern wird noch schwerer zu erfüllen. Die zuständige Amtsärztin schickt ihn jetzt für das verpflichtende Kindergartenjahr in einen sonderpädagogischen Kindergarten, wo er sich aber nach Beobachtung der Mutter nicht wohlfühlt, er empfinde sich nicht als behindertes Kind wie die anderen. Also schlägt er beim Abholen aus Frust nach seiner Mama – und die Spirale nach unten geht weiter. Bald ist Ivana B. selbst reif für eine Therapie.

( kurier.at ) Erstellt am 10.10.2017