Wissen und Gesundheit
27.07.2017

Diagnose: "Aufschieberitis"

Vor Kurzem fand in Chicago zum Thema "Aufschieben" eine eigene Konferenz statt – Betroffene leiden darunter oft sehr.

"Also eigentlich wollte ich heute die Welt retten, aber es regnet." Mit Zitaten wie diesen versuchen Menschen, die an "Aufschieberitis" leiden, in den Sozialen Medien über sich selbst zu spötteln. Immer dann, wenn es ihnen wieder einmal nicht gelingt, zu tun, was zu tun wäre. Sondern machen, wonach ihr Inneres drängt: mit weniger Wichtigem die Zeit zu vertrödeln. Damit verquickt sind Sätze wie: "Ich brauche den Druck, dann bin ich besser." Oder: "Ich muss noch was anderes machen." Sascha Lobo, deutscher Blogger und Autor, hat über das Phänomen als Betroffener ein Buch geschrieben, er nannte das Aufschieben "Lifestyle of Bad Organisation" – abgekürzt: LOBO. Manche chronischen Aufschieber nennen sich selbst auch gerne "Deadline-Junkies".

Ernstes Problem

Über Prokrastinierer wird oft gewitzelt – genau betrachtet, handelt es sich dabei aber um eine ernst zu nehmende Problematik, sagen Psychologen. Wohl deshalb fand in Chicago vor Kurzem die 10. Konferenz zur Erforschung der Prokrastination statt. Mit dabei war der deutsche Psychotherapeut Stephan Förster von der Universität Münster, an der man sich im Rahmen einer eigenen Prokrastinationsambulanz um chronische Aufschieber kümmert – als Spezialambulanz der Psychotherapie-Ambulanz des Fachbereichs Psychologie und Sportwissenschaft.

Seit Förster in einem Artikel der US-Tageszeitung New York Times zitiert wurde, kann er sich vor Anfragen kaum mehr retten – für ihn also derzeit keine gute Zeit, um die Arbeit am Aufschieben aufzuschieben. " Prokrastination ist eine tief greifende Arbeitsstörung, eine Störung der Selbststeuerung, die nicht gleichzusetzen ist mit alltäglichem Aufschieben, das fast alle Menschen bei aversiven (Widerwillen hervorrufend, Anm. der Red.) Aufgaben von sich hin und wieder kennen", betont Förster.

Umfragen bei Studierenden der Universität Münster hätten gezeigt, dass circa 10 Prozent unter pathologischem Aufschieben leiden und dass die Betroffenen ein dramatisch erhöhtes Risiko für Depressionen hätten. Persönliche Ziele werden nicht mehr erreicht, Vorhaben nur mehr unter großem Zeitdruck fertiggestellt. Förster: "Das Leistungspotenzial wird erheblich beeinträchtigt."

Körperliche Symptome

Die Betroffenen leiden dann unter körperlichen und psychischen Beschwerden, etwa Muskelverspannungen, Schlafstörungen, Herz-Kreislaufproblemen, innerer Unruhe", sagt Förster. Das hat mitunter ernsthafte Konsequenzen – zentraler Punkt: "Prokrastination hat nichts mit Faulheit zu tun und lässt sich mit solchen Konzepten auch nicht verändern." Wer den Betroffenen etwa ein besseres Zeitmanagement und mehr Disziplin verordnet, liegt eher daneben. Vom Prokrastinationsforscher Joseph Ferrari, der die Konferenz in Chicago leitete, stammt der Satz: "Chronischen Aufschiebern zu sagen, ,mach es doch einfach‘, ist so ähnlich, wie einem Depressiven zu sagen ,Kopf hoch‘."

Was hilft

Auf der Webseite der Prokrastinationsambulanz Münster können Aufschieber einen anonymen Selbsttest durchführen. Die Experten haben ein diagnostisches Programm zur Abklärung der Symptomatik und eine verhaltenstherapeutische Behandlungsmethode entwickelt. Bewährt haben sich Maßnahmen zur Strukturierung des Arbeitsverhaltens, ein alternativer Umgang mit Ablenkungsquellen und negativen Gefühlen sowie das Erlernen neuer Arbeitsgewohnheiten. "Vor allem aber brauchen wir mehr Forschung zum Thema", sagte Wendelien Van Eerde von der Amsterdamer Universität bei der Konferenz in Chicago.

... sich das Wort „Prokrastination“ von „procrastinare“ (lat.) ableitet? Zusammengesetzt aus pro- und crastinus, wobei cras „morgen“ heißt.

... die Menschen weltweit gleich prokrastinieren, unabhängig von der Nationalität? Eine Studie von Bilge Uzun Özer an der Cumuriyet Universität hat gezeigt, dass es – egal, in welchem Land – bei 20 Prozent der Bevölkerung zum Lebensstil gehört, Tätigkeiten permanent hinauszuzögern. In einer weiteren Studie gaben nur zwei Prozent der Menschen an, niemals etwas auf die lange Bank zu schieben. Der Prokrastinationsforscher Joseph Ferrari sagt: „Jeder prokrastiniert, aber nicht jeder ist ein Prokrastinator“.

... es auch den Begriff „akademische Prokrastination gibt? Davon sind Studierende betroffen – sie führt zu schlechteren Noten und geringerer Leistung. Die Betroffenen berichten von Schamgefühlen.

... die „Aufschiebeforschung“ noch relativ jung ist und sie erst seit den 1980er-Jahren existiert? Die erste Prokrastinations-Konferenz fand vor 20 Jahren statt.

... einige Forscher die Ursprünge des Aufschiebens in der frühen Menschheitsgeschichte verorten? Damals war ein Menschenleben ständig in Gefahr, man agierte folglich im „Hier & Jetzt“, statt sich um Ziele und Bedürfnisse zu kümmern. Vermutlich wird das Aufschiebeverhalten gelernt.

... es auch eine funktionale Prokrastination gibt? Dabei werden Handlungen ganz bewusst verzögert oder aufgeschoben, um zum Beispiel durch Warten auf ergänzende Informationen etwas Wichtiges zur Bewältigung einer Aufgabe zu erfahren. So war das bei den Römern gedacht, die unter „Prokrastination“ meist das Aufschieben wegen taktischer Gründe verstanden. Als weise Art, um etwa in Kriegen besonnen zu reagieren.