Wenn Achtjährige aussehen wie mit 80

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Foto: PRF Der 17-jährige Nihal (links) aus Indien leidet an Progerie: Wiener Forscher wollen die Krankheitsursache aufklären.

Bei der Erbkrankheit Progerie altern Kinder zehnmal schneller als normal.

Kleine Kinder, gefangen in einem alten Körper – so kann die extrem seltene Krankheit Progerie beschrieben werden. Betroffene Kinder altern fünf- bis zehnmal schneller als Gleichaltrige. Bei der Geburt merkt man zunächst nichts von der vorzeitigen Alterungskrankheit. Erst im Alter von ein bis zwei Jahren beginnen erkrankte Kinder vorschnell zu altern. Weltweit sind rund 200 Fälle bekannt. Eine Häufung gibt es in Indien mit ca. 80 Betroffenen.

Typisch sind nicht nur ein älteres Aussehen, sondern auch klassische Alterserscheinungen wie Haarausfall und Arterienverkalkung. Obwohl die Erkrankten noch Kinder sind, leiden sie bereits an steifen Gelenken und schweren Herzkreislauferkrankungen. Die Lebenserwartung liegt im Schnitt bei 14 bis 15 Jahren. Todesursachen sind häufig Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Bisher gibt es keine Heilung für die Krankheit, auch die genauen Ursachen des beschleunigten Alterns sind unbekannt. Es gibt allerdings eine medikamentöse Behandlung mit sogenannten Farnesyltransferase-Inhibitoren, kurz FTIs. Diese Medikamente wurden ursprünglich für die Krebstherapie entwickelt. Sie verbessern einige Aspekte der Krankheit, etwa die Knochenstruktur und Arteriensteife und verlängern die Lebenserwartung um mindestens 1,6 Jahre.

Fehlerhaftes Protein

Ein Großteil der Symptome der Progerie wird von einem Protein namens Progerin verursacht, das in extrem hohen Konzentrationen in den Zellen Betroffener vorliegt. Progerin ist eine fehlerhafte Version von Lamin A, welches normalerweise den Zellkern stabilisiert und an wesentlichen Kernfunktionen beteiligt ist. Ein Team um Roland Foisner an den Max F. Perutz Laboratories der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien hat sich nun zur Aufgabe gemacht, die Ursache der Progerie aufzuklären. In der neuesten Studie haben sich die Forscher mit einem bisher unbekannten Mechanismus hinter den Symptomen befasst und konnten neue Ansätze für die Therapie der Krankheit liefern.

„Vor einigen Jahren fanden wir und andere Forschungsgruppen, dass in Progerie-Zellen wesentlich weniger LAP2α vorkommt als in normalen Zellen. LAP2α steht im Wechselspiel mit Lamin A um die Zellproliferation, also die Zellvermehrung, zu regulieren. Interessanterweise verringert sich die Menge an LAP2α in unseren Zellen wenn wir älter werden“, erklärt Roland Foisner, stellvertretender Direktor des Departments für Medizinische Biochemie der Medizinischen Universität Wien. Wurde aber LAP2α zugegeben, konnten sich die Zellen wieder normal vermehren. 

Neue Therapien

Die weiteren Experimente hielten eine Überraschung bereit: LAP2α wirkt über völlig unterschiedliche Mechanismen vergleicht man Progerie- und normale Zellen. In letzteren gibt es einen frei im Zellkern vorliegenden Lamin A Pool an den LAP2α binden kann. Dies verlangsamt die Proliferation, während zu niedrige LAP2α Mengen zu überhöhter Zellvermehrung führen. Bei Progerie tritt hingegen genau das Gegenteil ein: bei wenig LAP2α vermehren sich die Zellen viel langsamer und treten zu früh in den zellulären Alterungsprozess ein. Ursache hierfür ist der fehlende freie Lamin A Pool im Zellkern.

Die Erkenntnisse der Studie eröffnen neue Wege zur Entwicklung spezifischer therapeutischer Strategien zur Behandlung von Progerie. Da die frühzeitige Alterung bei Progerie in vielen Aspekten der normalen Alterung gleicht, erlauben die Ergebnisse auch Rückschlüsse auf die zellulären Vorgänge während des normalen Alterungsprozesses

(kurier / ege) Erstellt am
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