Österreichs Schüler sind beim Trinken Europameister

Alkohol
Foto: apa

Suchtforscherin Fischer kritisiert: "Drogenkoordination ist antiquiert. Ministerien brauchen mehr Durchgriffsrecht."


Ob Alkohol, Zigaretten oder Drogen: Österreichs Jugendliche sind im Europa-Vergleich auffällig oft berauscht. Die aktuelle „Europäische Schülerstudie zu Alkohol und  Drogen“ stellt   ihnen ein  verheerendes Zeugnis aus:  88 Prozent der heimischen  Jugendlichen zwischen 15 und 16 Jahren gaben an, schon einmal Alkohol konsumiert zu haben.   Und beim sogenannten Rausch-Trinken führt Österreich – gemeinsam mit Gleichaltrigen aus Zypern und Dänemark – die Negativ-Statistik an. Problematisch ist, so die Studienautoren, dass jeder Dritte angab, innerhalb der vergangenen 30 Tage betrunken gewesen zu sein.

„Alkoholkonsum ist bei uns integriert. Es gibt keine große Gruppe von Abstinenten“, erklärt der Suchtforscher Alfred Uhl. Und er präsentiert eine interessante Entwicklung in Österreich: „Seit 1970 ist der Alkohol-Missbrauch in Österreich um 20 Prozent  zurückgegangen. Wir haben weniger Alko-Unfälle auf den Straßen und in der Wirtschaft. Der Weg geht sichtbar in eine positive Richtung.“

Zu leichte Verfügbarkeit

Auch beim Tabakkonsum  meldeten die EU-Drogenexperten eine Trend-Umkehr.  Von den  96.043 befragten Schülern erklärte mehr als die Hälfte, noch nie eine Zigarette geraucht zu haben. Und aktuell qualmt  nur jeder Vierte  –  2010 rauchte noch jeder dritte Schüler. Dass Jugendliche in Österreich  zu leicht zu Tabakwaren kommen, zeigte die Frage nach der Verfügbarkeit. Europaweit meinten 60 Prozent der Kids, dass sie ohne Probleme  Nikotin-Produkte kaufen können. In Österreich bestätigten das 79 Prozent. Wobei die Altersgrenze von 16 Jahren  weder von Trafikanten noch  in der Gastronomie  abgefragt wird. Das gilt auch für Alkohol.

„Der leichte Erhalt von Nikotin und alkoholischen Getränken  ist ein Problem. Da ist   Luft nach oben. Aber Österreich wird, so wie in  skandinavischen Ländern keine Prohibitions-Politik fahren. Es gilt, die Gesundheitskompetenz der Jugendlichen zu schärfen. Das ist nachhaltig. Kommen junge Menschen in Ländern mit strengen Verboten zu Alkohol, wird bis zur Besinnungslosigkeit getrunken“, erklärt Wiens Drogenkoordinator Michael Dressel.

Aber auch bei den illegalen Drogen sind Österreichs Schüler aktiver als in vielen europäischen Ländern. 18 Prozent der Befragten haben  der Studie zufolge mindestens  einmal in ihrem Leben  illegale Substanzen konsumiert. In Österreich  gaben 21 Prozent an, verbotene Drogen probiert zu haben. In allen 35 abgefragten Nationen  war Cannabis das  am weitesten verbreitete Suchtmittel.

Häufiger als Ecstasy, Kokain oder Amphetamin konsumieren europäische Schüler neue psychoaktive Substanzen. Diese Drogen werden in Labors zusammengemischt und können extrem gefährlich werden. Denn die Konsumenten dienen als  Versuchspersonen.

Suchtforscherin kritisiert Drogenkoordination

Nicht nur Österreichs Schüler sind bei EU-Studien zu Suchtmittelmissbrauch kontinuierlich Spitzenreiter  – auch Studenten sind stark gefährdet, zeigt eine Studie der MedUni Wien: Vier von zehn Studenten rauchen Zigaretten, jeder dritte männliche Student und jede vierte weibliche Studentin zeigen Zeichen einer Alkoholabhängigkeit. Und fast jeder fünfte Student raucht Cannabis, jeder zehnte sogar täglich.

Warum Österreich das Problem, das schon seit etlichen Jahren bekannt ist, nicht in den Griff bekommt, ist für die Suchtforscherin und  Leiterin der Drogenambulanz an der MedUni Wien, Univ.-Prof. Gabriele Fischer klar: „Das große Problem ist der Föderalismus in Österreich – jedes Bundesland hat eigene Gesetze und die Ministerien haben kein Durchgriffsrecht.“ Den verschiedenen Sucht- und Drogenkoordinationsstellen wirft die Expertin mangelnde wissenschaftliche Konzepte vor. „Diese Stellen wurden in den 90er-Jahren etabliert und sind antiquierte Institutionen ohne wissenschaftliche Strategien. Kein Wunder, dass wieder eine Studie so ein Ergebnis liefert.“ Man müsse stattdessen die zuständigen Ministerien stärken und ein nationales Mental Health Programm einrichten.

Geht es nach Fischer, wären sinnvolle Maßnahmen, das Mindestalter und den Preis für  Zigaretten anzuheben. „Das ist das Einzige, was hilft.“ Dasselbe gelte für Alkohol: „Jegliche Verharmlosung gehört weg – dazu gehört auch der Bier-Anstich durch den Bürgermeister.“

(kurier) Erstellt am
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