Gilead Pharmaceuticals Vizepräsident Norbert Bischofberger

© Gilead

Medikamenten-Forschung
12/09/2013

Österreicher entwickelt Medikament gegen Hepatitis C

Der Österreicher Norbert Bischofberger forscht an Medikamenten gegen die hartnäckigsten Viren. Am Freitag wurde in den USA sein Medikament gegen Hepatitis C zugelassen.

Er hat das Grippe-Medikament Oseltamivir erfunden, bekannt als Tamiflu. Er hat das HIV-Medikament Viread entwickelt und schreibt nun wieder medizinische Geschichte: Der Österreicher Norbert Bischofberger ist einer der führenden Chemiker der Welt. Ein Forscher, dessen Lebenswerk darin besteht, die schlimmsten Viren zu bekämpfen und folglich tödliche Krankheiten zu heilen. Sein Biotech-Unternehmen Gilead Sciences im kalifornischen Foster City südlich von San Francisco bringt nun ein Medikament namens Sovaldi auf den Markt, das am Freitag von der U.S. Food and Drug Administration (FDA) zugelassen wurde. Damit können 90 Prozent aller Hepatitis C-Fälle innerhalb von 12 Wochen geheilt werden. Ein Meilenstein in der Medizin, denn die Infektionskrankheit Hepatitis C ist bis dato nicht heilbar und führt zur Leberzirrhose beziehungsweise zu Leberkrebs. Die Therapie ist allerdings sehr kostenintensiv: Eine Tablette kostet 1000 Dollar, also umgerechnet 730 Euro, eine 12-Wochen-Behandlung also etwa 61.000 Euro.

Etwas bewirken

Bischofberger ist einer, der auszog, um die medizinische Welt zu verändern. „Sollte das nicht der Grund sein, zur Arbeit zu gehen, um etwas zu entwickeln, was der Menschheit hilft?“, sagt Bischofberger im futurezone-Interview. Er vermittelt eine Begeisterung, die ansteckend ist. Man spürt förmlich die Souveränität und Kompetenz des 57-Jährigen, er ist ein Vorbild für viele Wissenschafter. „Ich wollte immer schon etwas bewirken.“ Es gehe ihm nicht ums Geld, darum dürfe es auch nicht gehen, da Geld keine Motivation sein könne. „Es ist gut, ein bisschen etwas zu haben, ein Haus, ein Auto und man sollte so viel haben, dass man sich keine Sorgen machen muss, wenn man kurzzeitig seinen Job verliert“, mein Bischofberger. „Ich habe keine Absicht, ein Milliardär zu werden, warum auch? Immer nur mehr und mehr zu wollen, macht keinen Sinn.“

Es ist spannend, wenn man Norbert Bischofberger zuhört. Das beginnt schon bei seiner Lebensgeschichte. Im Bregenzerwälder Dorf Mellau geboren, hat er sich als Schüler auf dem Dachboden seines Elternhauses ein Geheimlabor eingerichtet. Sein Taschengeld investierte er in Chemikalien, stellte unter anderem heimlich Schwarzpulver her und sprengte den Briefkasten des Dorfes in die Luft. Nach der Matura studierte er an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) und wanderte 1983 in die USA aus, um an der Harvard University in Cambridge ein Post-Graduate-Studium zu absolvieren. Heute ist er Vizepräsident und Forschungschef von Gilead, ein Konzern mit mehr als 7.000 Mitarbeitern weltweit.

Kampf gegen Krankheiten

Gilead arbeitet an Virostatika. Mit diesen werden nicht nur die Krankheiten behandelt, sondern die Verträglichkeit der Therapie verbessert. Mit Viread zum Beispiel konnte Bischofberger die Krankheit HIV zwar nicht heilen, allerdings die Behandlung erleichtern.

„Mitte der 90er Jahre musste jeder Kranke täglich eine Schachtel mit 30 Pillen zu sich nehmen“, sagt Bischofberger, „heute ist es nur noch eine Pille mit drei Substanzen.“ Übrigens werden 80 Prozent aller HIV-Medikamente von Gilead Pharmaceuticals produziert. 42 Millionen Menschen weltweit sind HIV-positiv doch an Hepatitis C leiden weltweit mehr als 160 Millionen Menschen. „Sofosbuvir ist ein noch größerer Durchbruch als Viread, wir weden viele Menschenleben retten können“, erklärt Bischofberger.

Namensfindung

Sofosbuvir wird wegen der Inhaltsstoffe so genannt. In den Handel wird es unter der Bezeichnung Sovaldi kommen. In der Medikamentenforschung gibt es den generischen Namen, der das Medikament bzw. die Inhaltsstoffe beschreibt. Auf den Markt kommt es immer unter einem Markennamen. Die Namensfindung für ein Medikament ist jedenfalls komplex, denn einerseits muss er gut klingen und andererseits darf er – sowohl geschrieben als auch phonetisch - nicht mit einem anderen Medikament am Markt verwechselt werden. Truvada ist ein solches Beispiel. Die FDA hatte die Bezeichnung für dieses HIV-Medikament anfangs untersagt, weil man Truvada mit der Anti-Baby-Pille Trivora verwechseln könne. „Aber dann sagten wir, dass Trivora eine runde Schachtel mit 28 Pillen ist, und Truvada eine einzelne Tablette und daher die Verwechslungsgefahr gering ist“, erzählt Bischofberger. Das Medikament wurde zugelassen.

Für Sofosbuvir lief in den vergangenen Monaten ein „named patient programm“, das heißt, auserwählte Patienten durften, die Zustimmung der US-Medikamentenbehörde FDA (Food and Drug Association) vorausgesetzt, das Medikament testen. Ein österreichischer Mediziner der Medizinischen Universität Wien war Teil dieses Programms, er wurde geheilt. Bei Hepatitis C gibt es sechs Genotypen, also sechs Varianten, wie das Virus auftreten kann. Drei Viertel aller Hepatitis-C-Erkrankten sind Genotyp 1. Neben dem Genotyp 1 sind in Europa und den USA vor allem die Genotypen 2 und 3 des Hepatitis-C-Virus relevant.

Studien

Gilead hat insgesamt vier Phase-III-Studien durchgeführt, die alle zufrieden­stellenden Ergebnisse lieferten, die Ergebnisse wurden im Fachmagazin "New England Journal of Medicine" publiziert: 90 Prozent der Behandelten mit Genotyp 1 waren zwölf Wochen nach Therapieende virusfrei und konnten somit als geheilt bezeichnet werden. Die europäische CHMP (Committee for Medicinal Products for Human Use ) hat Sofosbuvir bereits positiv beurteilt, womit zu erwarten ist, dass das Medikament in spätestens drei Monaten von der EU Kommission zugelassen wird.

Auch in der Medikamenten-Forschung gibt es ein „Trial und Error“, es wird so lange probiert, bis ein Mittel greift. Und das kann Jahre dauern. Im Falle von Sofosbufir arbeitet man bereits an der zweiten Generation des Medikaments, die die Behandlungsdauer auf acht Wochen reduzieren soll.

Visionen

Auch wenn Hepatitis C geheilt worden ist, gibt es noch viele Krankheiten, die Bischofberger heilen möchte. Ob man je Alzheimer – jeder dritte stirbt bereits an Demenz oder Alzheimer – wird heilen können. „Ich weiß es nicht“, sagt Bischofberger und wird ein wenig nachdenklich. „Alzheimer ist wie Krebs, der das Gehirn innerhalb von zwei Jahren auflöst. Alzheimer ist eine sehr komplexe Krankheit.“

Hunderte Millionen Kranke weltweit

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sind weltweit hunderte Millionen Menschen mit Hepatitisviren infiziert, jährlich sterben weltweit fast 1,4 Millionen Menschen. An Hepatitis A sind weltweit 1,4 Millionen, Hepatitis B 240 Millionen und Hepatitis C 150 Millionen Menschen erkrankt. Jährlich verzeichnet man allein bei Hepatitis C 3-4 Millionen Neuinfektionen und 350.000 Todesfälle.

"Im EU/EEA-Raum werden jährlich 7000-8000 neue Hepatitis B-Fälle und 27.000- 29.000 neue Hepatitis C-Fälle verzeichnet", erklärt die Sprecherin aus dem österreichischen Gesundheitsministerium (BMG), Lisa Fuchs. 2012 gab es in Österreich 67 (43 laborbestätigt) Hepatitis A-, 311 (131 laborbestätigt) Hepatits B und 536 (246 laborbestätigt) Hepatitis C-Neuerkrankungen. "In Österreich sind mit Stand 5.12. gesamt 96 Hepatitis A, 782 Hepatitis B und 1081 Hepatitis C-Erkrankungsfälle gemeldet", so Fuchs. Die aktuellen österreichischen Gesamtdaten stammen aus dem Epidemiologischen Meldesystem, die Daten 2012 sind aus dem Jahresbericht des BMG.

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