Wissen 05.03.2018

Österreich: Experten sehen massive Impfhindernisse

Impfnadel und Impfplan © Bild: APA/BARBARA GINDL

Zwar gibt es in Österreich einen offiziellen Impfplan, jedoch fehlt ein einheitlicher Umsetzungsplan. Experten haben nun Ratschläge erarbeitet, um die Impfmoral zu erhöhen.

Vergangenes Jahr sind in Österreich allein an den durch die Impfung zuverlässig verhinderbaren Masern 95 Menschen, am ebenfalls verhinderbaren Keuchhusten mehr als 1.400 Menschen erkrankt. Einem theoretisch umfassenden offiziellen Impfplan steht eine mangelhafte Umsetzung gegenüber. Es gibt Impfhindernisse, heißt es jetzt in einem Entwurf zu einem brandneuen Expertenpapier, das der APA vorliegt.

In den vergangenen Wochen hat ein Expertengremium mit Fachleuten aus Wissenschaft, Ärzte- und Apothekerschaft, Vertretern des Pflegepersonals und der Hebammen - auch die Wiener Pflege- und Patientenanwältin Sigrid Pilz war beteiligt -, unter Moderation der Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien, Ursula Wiedermann-Schmidt, gemeinsam Memoranden zu " Impfhindernissen in Österreich" und deren Überwindung erarbeitet. Ein identifizierter wichtiger Punkt: die umfassende Übersetzung von Theorie (Impfempfehlungen) in die tägliche Praxis der Gesundheitsversorgung.

Kein einheitlicher Umsetzungsplan

"Wir haben mit dem Impfplan Österreich einen jedes Jahr aktualisierten klaren Plan, wer geimpft werden soll. Es gibt aber keinen klaren und einheitlichen Umsetzungsplan, wie diese Impfungen die Menschen erreichen sollen", sagte Ursula Wiedermann-Schmidt, auch Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Vakzinologie (ÖgVak).

Um dieses Manko zu beheben, benötige Österreich in Zukunft entschlossene Maßnahmen, um überhaupt Personengruppen zu identifizieren, bei denen Impflücken vorhanden sind. "Wir erkennen Impflücken durch Krankheitsausbrüche, zum Beispiel bei den Masern. Das ist immer im Nachhinein. Mit einem elektronischen Impfpass könnte man aber erkennen, dass jemand nicht immunisiert ist, und eine Impfung empfehlen. Oder man könnte von der Gesundheitsbehörde nachfragen, warum in einer bestimmten Region weniger Menschen immunisiert sind als anderswo", sagte die Expertin.

Vorbildwirkung des Gesundheitspersonals

Wichtig sei auch die Vorbildwirkung bei den Angehörigen der Gesundheitsberufe. "Wenn man nicht selbst geimpft ist, kann man nicht gut sagen, die anderen sollen sich immunisieren lassen", betonte die Expertin.

Weiters müsste die Erreichbarkeit von Impfungen überall niederschwellig sein. "Die Menschen haben in ihrem Alltag oft nicht genügend Zeit. Auf der anderen Seite ist auch in den Arztordinationen beim Kontakt mit den Patienten oft wenig Zeit für ein Patientengespräch über Impfungen. Verbessern könnte man auch die Alltagsstruktur, indem man mehr Impfungen am Arbeitsplatz anbietet", betonte Ursula Wiedermann-Schmidt.

"Impfungen müssen überall und für jeden gleich viel kosten", heißt es in dem Papier zu den Impfhindernissen. Damit wird der Umstand angesprochen, dass es in Österreich oft von Krankenkasse zu Krankenkasse verschiedene Zuschüsse zu Impfungen gibt. Wichtig seien Zuschüsse oder die Kostenübernahme durch öffentliche Stellen auch, weil sie den "hohen Stellenwert von Impfungen für Gesundheit und Gesellschaft" unterstreichen würden.

Programm für Erwachsene

Ein besonderes Anliegen für die Zukunft sollte auch die Impfung bei den Erwachsenen sein. "Wir haben mit dem Gratis-Kinderimpfprogramm ein System, das mittlerweile sehr gut etabliert ist. Aber wir haben Impflücken bei den Erwachsenen - und die Erwachsenen sind von den Zuschüssen oder Kostenübernahmen für Impfungen de facto ausgeschlossen", sagte Ursula Wiedermann-Schmidt.

Zu überlegen sei, ob nicht zumindest bei bestimmten Personengruppen die öffentliche Hand, Krankenkassen etc. Beiträge leisten könnten. "Die Pneumokokkenimpfung für Pensionisten oder die Impfung gegen Herpes zoster (Gürtelrose; Anm.) gehören zu den teuersten. Auch bei chronisch Kranken, die an sich schon hohe Aufwendungen zu tragen haben, wäre eine Unterstützung für Impfungen zu überlegen", betonte die Expertin.

Ein großes Thema müssten laut den Proponenten der Aktionen zur Beseitigung von Impfhindernissen in Österreich konzertierte Fort- und Weiterbildungsaktivitäten auch für Ärzte, Angehörige des Krankenpflegepersonals, Hebammen und pädagogische Berufe (Lehrer, Kindergarten) sein. Dafür mangle es an einheitlich strukturiertem Informationsmaterial und abgestimmten Aktivitäten.

"Wir haben da in Österreich kein berufsübergreifendes Konzept. Nur so könnte man aber auch die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung fördern", betonte die Wiener Impfexpertin Ursula Wiedermann-Schmidt.

Auch die Medien seien gefordert. "Bei aller Wichtigkeit ausgewogener Berichterstattung - was wissenschaftlich objektiv richtig und was wissenschaftlich belegt objektiv falsch ist, sollte gerade bei Fragen zu Impfungen klar dargestellt werden", sagte Ursula Wiedermann-Schmidt.

( Agenturen , elmo ) Erstellt am 05.03.2018