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#notjustsad
11/12/2014

Mehr als traurig: Twittern über Depression

Unter dem Hashtag #NotJustSad geben derzeit Tausende einen Einblick in das Leben mit Depression.

von Elisabeth Gerstendorfer

Die Bloggerin Jenna Shotgun, die mit richtigem Namen Jana Seelig heißt, hat genug. Genug davon, sich ständig zu verstellen, sich immer wieder gute Ratschläge wie „Stell dich nicht so an“, „Das wird schon“ oder „Reiß’ dich zusammen“ anzuhören. Seit ihrem 16. Lebensjahr leidet die Berlinerin unter Depressionen. Die Diagnose erhielt sie erst mit 22 Jahren, „weil ich mir einreden ließ, ich sei einfach nur schlecht drauf“, schreibt sie auf Twitter.

Auf der Social-Media-Plattform begann sie vor Kurzem ihrem Ärger über das Unverständnis anderer für ihre Krankheit Luft zu machen. Sie schreibt etwa: „Niemand da draußen muss deine Gefühle verstehen, denn wenn du depressiv bist, verstehst du sie selbst oft nicht.“ Oder „Wenn du depressiv bist, kämpfst du permanent mit dir selbst. Und gegen dich. Und verlierst immer wieder.“ Ihre mehr als 3000 Follower verfolgten die kurzen Texte über ihre Gefühle und beteiligten sich mit eigenen Beiträgen. Nach wenigen Tweets entstand der Hashtag (Schlagwort) #NotJustSad – nicht nur traurig – unter dem allein in der ersten Nacht mehr als 2500 Tweets verschickt wurden. Tausende aus dem deutschsprachigen Raum schreiben seither Twitter-Nachrichten über ihre Gefühle, ihre Krankheitsgeschichte und das mangelnde Verständnis in ihrem Umfeld gegenüber der Krankheit.

„Schlecht drauf“

Die meisten Meldungen drehen sich um falsche Zuschreibungen, mit denen Betroffene immer wieder konfrontiert werden, etwa man wäre „schlecht drauf“ oder lasse „sich gehen“ und solle doch „ein bisschen fröhlicher sein“. Die Krankheit ist aber mehr als schlechte Laune. Wer unter einer Depression leidet, dem fehlt oft der Elan, die innere Energie. „Viele Tätigkeiten kosten enorme Überwindung und Kraft. Vor allem, wenn die Depression sehr schwer ist, besteht bei Betroffenen wenig Wunsch darüber zu reden“, sagt Univ.-Prof. Johannes Wancata, Professor für Sozialpsychiatrie und Abteilungsvorstand der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie am AKH Wien. In dieser Phase haben viele das Gefühl, dass es keinen Sinn macht, mit anderen darüber zu reden, zu einem Arzt oder Therapeuten zu gehen.

Einem depressiven Menschen zu raten, er solle sich zusammenreißen, sei daher völlig sinnlos und führe häufig zu einer Überforderung, meint Wancata. „Solche Tipps führen eher dazu, dass Betroffene das Gefühl haben, sie werden nicht verstanden.“ Während einer Depression könne man sich eben nicht „einfach zusammenreißen“. Dennoch könne man als Freund oder Verwandter sein Gefühl, dass es der betroffenen Person nicht gut geht, ausdrücken und sie dabei unterstützen, dass sie die Symptome abklären lässt. „Nicht immer handelt es sich tatsächlich um eine Depression. Manchmal kann Energielosigkeit auch ein erstes Zeichen einer körperlichen Erkrankung sein, etwa Diabetes“, sagt Wancata.

In Österreich erkrankt jeder Fünfte bis Siebente im Laufe des Lebens vorübergehend an einer Depression, jedes Jahr sind es rund 500.000. Dennoch ist die Krankheit nach wie vor ein Tabu, darüber sprechen möchte kaum ein Betroffener. Allerdings habe sich das Bild der Krankheit in den vergangenen Jahren gebessert – so werde etwa häufiger professionelle Hilfe wie Psychotherapie und ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Für Wancata ein gutes Zeichen, dennoch brauche es weitere Aufklärung, um Betroffene mit ihrer Krankheit, die mit Psychotherapie und/oder Medikamenten meist gut behandelbar ist, nicht alleine zu lassen.