Neujahrsvorsätze Teil 6: Das Lieben leben

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Foto: KURIER/FOTOLIA

Alle träumen von der großen Liebe, aber fast jede zweite Ehe wird geschieden. Die gute Nachricht: Partnerschaft ist schwierig, aber zu schaffen.

Heinz twittert ratlos: „Alle reden über Sex, aber niemand hat ihn.“ Susanne resümiert das Jahr 2011: „Zwei meiner Freundinnen wurden geschieden, und so wie’s scheint, bin ich es auch bald.“ Lena sucht einen Mann, Brigitte hat genug von den Männern. Und der Fred? Der hat ein Verhältnis mit der Kollegin.

Beziehungen sind alles: Himmel, Hölle und irgendetwas dazwischen. Aber auch 2012 werden Menschen es wagen. Wie sieht’s aus mit dem Traum von ewiger Liebe? Psychotherapeut und Autor Norbert Arlt ist skeptisch, auch er fragt sich: „Ist Beziehung überhaupt denkbar, als Ort der Ruhe, Entspannung und Geborgenheit? “

Für ihn ist Zweisamkeit „ein Irrgarten zwischen Lust und Frust“ – übrigens das Thema seines neuen Buches. Erfahrung hat er aus seiner psychotherapeutischen Praxis – der Arbeit mit Menschen, die das Liebesglück suchen und dabei im besten Fall dort enden, wo alles begonnen hat: bei sich selbst. Dort scheint der Schlüssel zu einer gelungenen Beziehung zu liegen – im Lern- und Entwicklungsprozess, den sich die Partner durch ihr Miteinander ermöglichen. Kein glattes Parkett, sondern eine „Bemühungszusage“, wie der Soziologe Manfred Prisching es formuliert. Ein Wagnis ebenso wie die Möglichkeit, sich im Spiegel des anderen zu verändern. Wie das im neuen Jahr gelingen könnte, erzählt Norbert Arlt im KURIER-Interview.

KURIER: Beziehung – ein Abenteuer, das sich lohnt?

Norbert Arlt: Für alle, die das Leben als Lernprozess, Abenteuer und Entwicklungschance zu sehen bereit ist – ja! Wer in einer Partnerschaft nur den „Wohlfahrtsstaat“ erwartet, wo man verwöhnt, umsorgt und betreut wird, wird sich bald zu den Enttäuschten gesellen müssen.

Was ist Liebe, was nicht?

Ich glaube, es gibt nur eine spirituelle Antwort: Wenn man erkennt – nicht nur im Kopf, sondern auch in Herz und Bauch – dass die Welt mit ihren Herausforderungen so wie sie ist, in Ordnung ist, dann könnte das Liebe sein. Im Erkennen, dass uns die Umstände herausfordern, uns zu stellen. Im Bewusstsein, dass man noch viel Entwicklung vor sich hat. Dass jede Prüfung oder Niederlage uns ein kleines Stückerl weiterbringt. Liebe wäre demnach, wenn man mit Freude im Herzen Schmerz und Leid bejahen kann und daraus etwas macht.

Darf gestritten werden?

Wer mit Liebe und Respekt vor dem anderen streitet und lustvoll seine Ideen umwirbt oder verteidigt, der bereichert sich und den Partner. Wer mit narzisstischem Hochmut streitet, der zerstört die Beziehung. Da gibt es bald keinen funktionierenden Rettungsschirm mehr. „Wutbürger“ sind heute gefragt, aber ich will sie in zwei Gruppen teilen. In jene, die mit Hochmut agiert und jene, die spüren kann, dass auf der anderen Seite auch Menschen sind, die ihre Gründe haben, warum sie dies oder jenes empfinden.

Guter Sex in Langzeitbeziehungen – geht das?

Sex und Erotik sind fast immer ein Dilemma – das heißt übersetzt ein „Zwei-Weg“ zwischen Leidenschaft und Geborgenheit. Die ärgerliche Botschaft ist aber, dass uns wahrscheinlich nur solche Konflikte ins Schwitzen und somit auf den Heilsweg bringen. Alles, was einfach ist, ist jenseits von Entwicklung und nähert uns nicht dem Lebensziel der Weisheit. Manchmal ist ein „Sparpaket“ an Sex durchaus eine Chance für einen kreativen Konflikt – egal, ob sie sich ihm oder ob er sich ihr verweigert.

Bleiben oder gehen?

Warum zwei zusammenbleiben sollen, die einander nichts mehr zu sagen haben und deren Kinder erwachsen sind – das weiß ich nicht. Oft ist das Bequemlichkeit und Feigheit. Die Frage ist: Sollen Eltern, die kleine Kinder haben, um jeden Preis eine Ehe aufrecht halten, die ihnen nur mehr Energie nimmt? Ich frage mich oft, ob es nicht das Wichtigste wäre, wenn Eltern ihren Kindern zeigen, dass es Liebe gibt. Und wie man sie bewältigen kann. Geht das nicht, so stelle ich in den Raum, ob es nicht besser wäre, wenn sich die Eltern trennen. Um mit neuen Partnern zu zeigen, wie Liebe gelingen kann.

Ist Scheitern eine Chance?

Natürlich. In der Wirtschaft wären das für den nächsten Job nützliche „Vordienstjahre“. Jeder Zweitpartner sollte sich beim Vorgänger bedanken – zumindest in seinen Gedanken und Gefühlen – was sein neuer Partner in der vorangegangen Beziehung gelernt hat. Oft sind Menschen erst in der dritten oder vierten Beziehung so weit zu verstehen, dass niemand vollkommen ist und dass das die lohnende Herausforderung ist.

Eine Reise in den Konjunktiv

Ideale „Du solltest. Man könnte. Was wäre, wenn ...“ Die Erwartungen an Beziehungen sind hoch wie nie. Die idealisierten, Ansprüche, die niemand erreichen kann, schaffen Schuldgefühle. Sie definieren uns als Versager, machen Angst und berauben uns der Lebendigkeit, die so dringend im Beziehungsdschungel gebraucht wird.

Buchtipp Der Psychotherapeut Norbert Arlt gibt im Buch „Beziehung – ein Irrgarten zwischen Lust und Frust“ (R. Götz Verlag, 19,90€) zu, dass das Lieben schwer ist und überall Fallen lauern. Liebe kann trotzdem gelingen, wenn man sie als Entwicklungschance nimmt. „Nur was uns fordert, uns an unsere Grenzen bringt, uns an den Rand der Verzweiflung drängt, zwingt uns zur Entwicklung.“

Info: www.drarlt.at, www.rgverlag.com

 

(kurier) Erstellt am
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