Wissen und Gesundheit
12.01.2012

Neugeborene: Urvertrauen durch Streicheln

Im Fall Estibaliz C. wurde dem Baby der erste Kontakt mit der Mutter verwehrt. Darf man das? Psychologen sind skeptisch.

In den ersten ein bis zwei Stunden nach der Geburt ist für das Neugeborene der Hautkontakt besonders wichtig“, sagt Roswitha Laminger-Purgstaller, Pädagogin bei SOS-Kinderdorf. „Kinderpsychologen empfehlen deshalb, Eltern mit ihrem Kind diese Zeit unbedingt zu geben und sie nicht zu stören. Durch dieses Spüren wird die Basis für die Entwicklung des Urvertrauens gelegt.“ Dem Neugeborenen Roland junior und seiner Mutter Estibaliz C. wurde dies wie berichtet verwehrt ( siehe auch S. 20) .

„Grundsätzlich ist eine Bezugsperson ab der ersten Stunde wichtig und notwendig“, betont auch Entwicklungspsychologin Claudia Rupp vom Berufsverband der Psychologen. Wenn nicht anders möglich, etwa bei einer anonymen Geburt, müsse zumindest eine „konstante Person“ diese Funktion übernehmen. „Emotional macht es für den Säugling keinen Unterschied, wer für ihn da ist.“ Eine Bezugsperson müsse sich so intensiv mit dem Kind auseinandersetzen, dass sie zu einer Bindungsperson wird. „Ab dem dritten Monat beginnt sich das Baby dann an diese Person zu binden.“

Was macht in der Praxis so eine Bindungsperson aus? „Sie sollte in allen Situationen verfügbar sein und alle Bedürfnisse des Kindes befriedigen. Da geht es um Körperkontakt, Zuwendung und Versorgung – es entsteht ein emotionales Band.“ Je früher eine stabile Bindung zu einer Bezugsperson aufgebaut wird, desto besser.

Puls

Für engen Kontakt von Anfang an plädiert Psycho- und Körpertherapeut Wolfgang Berger. „Ein Neugeborenes spürt den vertrauten Pulsschlag, die gewohnte Stimme.“ Werden solche Grundbedürfnisse nicht erfüllt, kann das zu einer Stressreaktion führen, die sich bis ins Erwachsenenalter in zwischenmenschlichen Bindungen bemerkbar machen kann. „Im Stammhirn werden grundlegende Verhaltensmuster bestimmt. Ein Säugling hat gar keine andere Wahl, als mit Abspaltung und einem frühkindlichen Trauma auf die frühe Trennung zu reagieren. So ein Trauma kann man aber auch wieder auflösen.“

Einem Kind die Mutter grundsätzlich vorzuenthalten, davor warnt auch Hebamme Elisabeth Manzl: „Ein Kind sucht immer nach seinen Wurzeln. Das sind nun einmal die leiblichen Eltern.“ Das heißt aber nicht, dass nur die biologische Mutter eine gute Mutter ist. Manzl hat bei Adoptionen erlebt, „wie gut Eltern, die sich so sehr auf das Neugeborene freuen, schnell eine enge Beziehung zu einem Kind aufbauen können“.

Kinderrechte

Für Laminger-Purgstaller von SOS-Kinderdorf hat ein Neugeborenes laut UN-Kinderrechtskonvention jedenfalls das Recht, nach Möglichkeit zu Beginn bei seiner Mutter zu sein: „Das Kind hat ein Recht auf körperliche und seelische Gesundheit. Das heißt auch, dass es das Recht hat, gestillt zu werden, wenn seine Mutter das kann und will.“ Das „Recht auf Familie“ dürfe Neugeborenen zudem nicht verwehrt werden. Und das Prinzip der Verhältnismäßigkeit müsse gewahrt bleiben.

Pucken - Straffes Wickeln soll Mutterleib imitieren

Kann man einem Neugeborenen das Gefühl der Geborgenheit auch durch straffes Wickeln statt Körperkontakt vermitteln? In manchen Hebammen- und Eltern-Ratgeberforen wird genau das propagiert. Aber nicht in Form des aus der Mode gekommenen Steckkissens (Wickelpolster) oder mit Stoffbahnen (Faschen), sondern unter dem neudeutschen Namen „Pucken“.

Gemeint ist eine spezielle Wickeltechnik für die ersten Lebensmonate, die dem Baby die Enge und Wärme des Mutterleibs suggerieren soll – und es dadurch beruhigt. Sogar der Schlaf soll gleichmäßiger werden.

Kritiker verweisen auf fehlende wissenschaftliche Grundlagen, "Psychologie heute" schrieb gar vom „gefesselten Kind“. Entwicklungspsychologin Claudia Rupp: „Alles, das einschränkt, ist sehr problematisch. Man kann auch mit einer Tuchent ein Nest im Gitterbett bauen, um dem Kind Geborgenheit zu vermitteln.“