Wissen und Gesundheit
29.08.2017

Neue Therapie gegen Herzinfarkt

Ein Entzündungshemmer kann die Zahl von neuerlichen Erkrankungen senken. Weitere Studien sind allerdings notwendig, ehe an einen Routineeinsatz gedacht werden kann.

Entzündungen im Körper abschwächen – und damit das Herzinfarktrisiko senken: Das könnte ein neuer Ansatz in der Herzmedizin werden. Manche Experten sprechen bereits vom größten Durchbruch auf diesem Gebiet seit der Einführung der Cholesterinsenker (Statine).

Auslöser für diese Euphorie sind Daten, die am Europäischen Kardiologenkongress in Barcelona von US-Wissenschaftern (Brigham and Women´s Hospital and Harvard Medical School, Boston) präsentiert wurden. Für die Studie wurden 10.000 Patienten ausgewählt, die bereits einen Herzinfarkt hinter sich hatten und gleichzeitig sehr hohe Blutwerte des Eiweißstoffes CRP (C-reaktives Protein) – der wichtigste Laborwert zur Erkennung einer Entzündung – aufwiesen.

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Zusätzlich zu ihrer Standardtherapie erhielt eine Hälfte über einen Zeitraum von im Schnitt knapp vier Jahren) alle drei Monate einen entzündungshemmenden Antikörper, die andere ein Placebo injiziert.

Das Resultat: Jene Patienten, die die höchsten Dosierungen des Antikörpers bekamen, hatten ein um 15 Prozent niedrigeres Risiko für einen zweiten Infarkt. Gleichzeitig sank auch die Häufigkeit von Krebs. Die Häufigkeit von Bypass-Operationen oder Stent-Implantationen ging um 30 Prozent zurück. Gleichzeitig stieg allerdings die Häufigkeit von (schweren) Infektionen. Die Studienergebnisse wurden auch im New England Journal of Medicine und im Journal The Lancet veröffentlicht.

"Sensationell"

Doch die positiven Effekte scheinen deutlich zu überwiegen. "Das ist sensationell", sagt dazu Prim. Univ.-Prof. Andrea Podczeck-Schweighofer, Präsidentin der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft, die bei der Präsentation der Studienergebnisse in Barcelona anwesend war. "Denn dieser Antikörper hatte keinen Einfluss auf den Cholesterinspiegel. Es muss also ein anderer Mechanismus sein, über den das Medikament wirkt."

Statine sind zwar sehr effizient in der Verbeugung von (weiteren) Herzinfarkten – dennoch erleidet rund ein Viertel der Patienten trotz Einnahme der Cholesterinsenker innerhalb von fünf Jahren einen weiteren Herzinfarkt. Die neue Therapieform könnte also möglicherweise die Rate von Zweit-Infarkten senken.

Noch keine Praxiseinsatz

Seit Langem weiß man, dass nicht nur hohe Cholesterinwerte, sondern auch Entzündungsprozesse eine Rolle beim Voranschreiten von Atherosklerose (Gefäßverkalkung) spielen. Der Antikörper greift direkt in diese vom Immunsystem ausgelöste Abwehrreaktion ein – und dämpft sie. "Noch ist diese Therapieform aber im Forschungsstadium und kann nicht in der Praxis eingesetzt werden", so die Kardiologin.

Ursprünglich wurde der Antikörper Canakinumab von der Firma Novartis nur für seltene entzündliche Erkrankungen eingesetzt.

Neue Cholesterinsenker

Bereits in Verwendung ist eine neue Gruppe von Cholesterinsenkern (PCSK9-Inibibitoren): "Sie werden derzeit vor allem jenen Patienten gegeben, die unter einem genetisch bedingten hohen Cholesterinspiegel leiden – oder die herkömmlichen Statine nicht vertragen."

Immer wieder gibt es Diskussionen, welche Patienten – wenn es noch keinen Herzinfarkt oder Schlaganfall ab – überhaupt einen Cholesterinsenker bekommen soll – und ob diese nicht zu rasch verschrieben werden. Dazu Podczeck-Schweighofer: "Ob ein Cholesterinsenker verschrieben wird, hängt vom gesamten Risikoprofil des Patienten ab: Hat er auch einen hohen Blutdruck? Gibt es ein familiäres Risiko? Und welche Lebensstiländerungen sind möglich? Nur einen einzelnen Laborwert zu behandeln, das ist schlecht."