Wird eine Grippe eindeutig diagnostiziert, kann innerhalb der ersten 48 Stunden nach Auftreten der Symptome ein Anti-Grippe-Mittel eingenommen werden. Damit kann die Erkrankungsdauer um zirka einen Tag verkürzt werden. Bei einer späteren Einnahme wirkt das Medikament nicht. Ob auch das Risiko von Komplikationen gesenkt werden kann, wird unter Experten heftig diskutiert.

© dpa/Peter Kneffel

Neue Studie
04/10/2014

Wirkt Tamiflu? Experten zweifeln mehr denn je

Tamiflu soll nicht besser wirken als Paracetamol, zeigt die Untersuchung von erst jetzt veröffentlichten Daten.

von Gabriele Kuhn, Laila Daneshmandi

Zweifel am Nutzen des Grippemittels Tamiflu gibt es schon seit dem Jahr 2009. Vermutet wird, dass das Medikament weniger wirksam ist, als die Hersteller vorgeben. So zeigte eine Übersichtsarbeit der unabhängigen "Cochrane-Collaboration" immer wieder Zweifel an der Wirksamkeit des Medikaments. Dafür analysierte sie Daten, die zwar im Rahmen der Zulassungsverfahren den Behörden vorgelegt, aber erst später publiziert wurden.

Placebo

Dieses Ergebnis ist heute im renommierten British Medical Journal zu lesen: Tamiflu verkürzt die Grippesymptome um einen halben Tag. Dass damit Komplikationen wie Lungenentzündung oder Krankenhauseinweisungen vermindert würden, kann nicht bestätigt werden – weder für Kinder noch für Erwachsene. Dafür gebe es keine gute Evidenz, schreiben Tom Jefferson, Peter Doshi und seine Kollegen in dem Bericht. Ob eine Therapie von Influenza-Infektionen bei Kindern die Krankheitsdauer insgesamt verkürzt, ist ebenso unklar. Schwere Influenza-Komplikationen wie Pneumonien, Bronchitis, Sinusitis oder Mittelohrentzündungen traten in ähnlicher Häufigkeit wie unter Placebo auf. Das Horten von Neuraminidasehemmer wie Oseltamivir (Tamiflu®) und Zanamivir (Relenza®), scheint im Rückblick daher sinnlos. Das ist insoferne pikant, nachdem Regierungen seit 2005 angesichts drohender Grippe-Pandemien viel Geld ausgaben, um entsprechende Reserven anzulegen. Auch Österreich.

Der dahinter stehende Pharmakonzern Roche wehrt sich gegen die Vorwürfe und stellt sich "voll und ganz hinter die Qualität und Integrität der Tamiflu-Daten". Kritik gibt es hingegen für die Cochrane-Untersuchung. Es seien nur 20 von 77 vorliegenden klinischen Studien einbezogen worden. "Daten aus der Anwendungspraxis wurden ausgeschlossen. Dies führt zu einer Fehlinterpretation von Wirksamkeit und Sicherheit eines etablierten Influenza-Medikaments." Roche verweist zudem auf eine vor einem Monat im Fachblatt "The Lancet Respiratory Medicine" veröffentlichte Untersuchung. Demnach reduzierte Tamiflu die Todesrate bei Pandemiepatienten im Spital um 19 Prozent. Wurde das Medikament innerhalb von zwei Tagen nach Auftreten der ersten Symptome eingenommen, ging die Zahl der Todesfälle gar um 50 Prozent zurück.

Der richtige Zeitpunkt

Die Bedeutung der Einnahme innerhalb der ersten 24 bis 48 Stunden betonen auch österreichische Experten und erklären, warum Tamiflu besser wirken soll als Paracetamol. So erklärt Univ.-Prof. Theresia Popow-Kraupp von der klinischen Abteilung für Virologie am Wiener AKH: "Paracetamol wirkt zwar effizient gegen klinische Symptome wie Muskelschmerzen und Fieber, aber es bewirkt nichts gegen den Auslöser. Neuraminidasehemmer wie Tamiflu hingegen hemmen die Vermehrung des Verursachers - es kommt gar nicht erst zu einer starken Virusvermehrung." Nimmt man das Mittel also innerhalb der ersten zwei Tage, leide man maximal drei Tage lang unter den Symptomen und könne dagegen Paracetamol nehmen. Insgesamt würde Tamiflu somit aber den Auslöser für die Vermehrung des Viruses verhindern, so Popow-Kraupp.

Die Cochrane-Studie löst dennoch erneut Diskussionen zum Thema Zulassung aus. Es könne nicht sein, dass eine Zulassung von Arzneistoffen ohne die Vorlage aller Studienergebnisse passiert, so die Autoren. Es brauche künftig mehr Transparenz in klinischen Studien, abseits ökonomischer Interessen. Derzeit wird in der EU eine neue Verordnung diskutiert, wonach ab 2016 alle klinischen Studien spätestens ein Jahr nach Beendigung für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssen.

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