Neue Droge: Experten warnen vor "Bonzai"

Joint
Foto: APA/dpa/Torsten Leukert Ähnlich wie Cannabis-Joints, werden Kräutermischungen geraucht.

Die Substanz kann lebensgefährliche Zustände auslösen und wirkt stärker als Cannabis.


Eine neue psychoaktive Droge mit der Bezeichnung "Bonzai" sorgt für Aufsehen. Sieben Personen mussten nach dem Konsum der via Internet verkauften Substanz im Welser Spital behandelt werden, eine Person auf der Intensivstation. Das gab die Polizei am Dienstag bekannt. Sie hatten eine Pflanzenmischung, die als "Bonzai Citrus" und "Bonzai Winter Boost" vertrieben wird, als Joint konsumiert. Eine geringe Menge davon konnte sichergestellt werden.

"Bei diesen Räucher- und Kräutermischungen handelt es sich um Cannabis-Ersatzprodukte. Die Substanzen wirken aber viel stärker als Cannabis und haben ein breiteres Wirkspektrum", sagt der Toxikologe Rainer Schmid, Wissenschaftlicher Leiter der Drogenberatungsstelle Check it. Schon nach ein bis zwei Zügen an einem Joint werde man träge und gleichgültig. Bekannte Nebenwirkungen sind oft auch Übelkeit, Erbrechen, Hitze- und Kälteschübe, Angstzustände, Halluzinationen, Krämpfe sowie Herzrasen und Panikattacken. In Deutschland gab es bereits einzelne Todesfälle nach dem Konsum von Kräuter- und Räuchermischungen.

Keine Kontrolle

"Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wie die Leute auf diese Mischungen reagieren. Sie werden meist in fernöstlichen Ländern hergestellt, ohne genaue Kontrolle – mal ist mehr der psychoaktiven Substanz enthalten, mal weniger", erklärt Experte Schmid.

Basis sind synthetische Cannabinoide, also dem Haschisch-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (kurz THC) verwandte Stoffe, die im Gehirn an dieselben Rezeptoren binden. Bekannt wurde dieser Wirkmechanismus durch die Modedroge "Spice", die vor wenigen Jahren auch nach Österreich gelangte. "Beginnend mit Spice kommen immer wieder noch potentere ähnliche Substanzen auf den Markt. Insgesamt sind rund 200 synthetische Cannabinoide, die in den 1990er Jahren für pharmazeutische Zwecke entwickelt wurden, bekannt", sagt Schmid. Sie werden auf ein meist harmloses Kraut aufgesprüht und in bunten Tütchen mit teilweise esoterischen Namen verkauft. Schmid: "Im Prinzip sind diese Mischungen so wie Cannabis in Österreich verboten, über das Internet aber relativ leicht erhältlich. Im Vergleich zu Cannabis ist ihre Wirkung wesentlich stärker und für den Konsumenten weniger abschätzbar."

Wenig bekannt

Die Abhängigkeit, die Konsumenten von Räucher- und Kräutermischungen entwickeln können, sei zwar mit Cannabis vergleichbar, allerdings wisse man sehr wenig darüber, Studien gäbe es kaum. "Wir wissen nicht, wie jemand individuell auf die Mischung reagiert oder welche Menge an synthetischen Cannabinoiden enthalten ist. Das kann sehr variabel sein", meint der Toxikologe. Er setzt sich für einen "vernünftigen Umgang mit Cannabis" ein. Schmid: "Legaler Cannabis-Konsum unter bestimmten Bedingungen könnte funktionieren und würde den Verkauf solcher durchaus gefährlicher Produkte reduzieren."

Diese Drogen sind alles andere als harmlos

Die verheerenden Folgen des vermeintlich harmlosen Krauts, das unter dem Namen "Bonzai" vertrieben wird, haben sich beim aktuellen Fall gezeigt - sieben Personen landeten nach wenigen Zügen von einem Joint im Spital, einer sogar auf der Intensivstation. Den Startschuss für Kräuter- und Pflanzenmischungen mit synthetischen Cannabinoiden machte "Spice" vor einigen Jahren und wurde mittlerweile verboten. Diese "Herbal Highs", "Lufterfrischer" oder "Kräutermischungen" kommen als Räuchermischungen daher, die die Wirkung von Cannabis imitieren. Auch spezielle Badesalze wecken vor allem unter Jugendlichen Neugier, die sogenannte "Legal Highs" mit psychoaktiven Substanzen ausprobieren wollen. Diese Badesalze bestehen vor allem aus amphetaminähnlichen Stoffen und wirken ähnlich wie Speed oder Ecstasy. Was genau drinnen ist, weiß aber niemand. Andere Produkte aus der Natur – wie etwa Holzrosensamen – wirken halluzinogen wie LSD. Für Aufsehen sorgten auch "Happy Caps" - die Tabletten sollen wie konzentrierter Kaffee wirken. So mancher bekam dadurch aber so starkes Herzrasen, dass es fast schon lebensbedrohlich war. Ein Grundstoff ist sehr oft ein Antidepressivum, das in falscher Kombination sehr gefährlich werden kann. Als besonders gefährlich gilt außerdem Crystal Meth, das euphorische Selbstüberschätzung auslöst und dabei sehr zerstörerisch auf den Körper wirkt. Es hat ein hohes Suchtpotenzial und kann Psychosen auslösen. Die Konsumenten werden paranoid, fühlen sich bedroht und werden aggressiv und unkontrollierbar. Dazu kommen schwere körperliche Nebenerscheinungen. Doch nicht nur synthetische Mischungen - auch vermeintlich harmloses Cannabis kann schwere Folgen haben. Chronische Cannabis-Konsumenten haben ein geringeres Volumen des orbitofrontalen Cortex im Gehirn - das zeigt eine aktuelle Studie des Center for Brain Health an der University of Texas in Dallas. Dieser Teil liegt direkt über den Augen und wird mit Abhängigkeit in Zusammenhang gebracht. Außerdem ist er wichtig für erlernte Emotionen und den Antrieb. Die Effekte chronischen Konsums auf das Gehirn hängen vom Alter beim ersten Konsum und der Dauer des Nutzens ab. In dem kürzlich veröffentlichten Artikel in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences beschreiben die Forscher zum ersten Mal Gehirnanomalitäten von Langzeit-Marihuana-Nutzern mittels verschiedener Methoden der Magnetresonanztomografie. Die Ergebnisse der Studie zeigen allerdings auch, dass bei Marihuana-Nutzern die Verbindungen zwischen Hirnarealen zunehmen. Die Studienteilnehmer konsumieren die Droge im Schnitt drei Mal täglich. Die Effekte bei Langzeit-Nutzern zeigten sich nach sechs bis acht Jahren. Allerdings hatten die Studienteilnehmer intensivere Verbindungen der Hirnareale als Nicht-Konsumenten. Das könne erklären, warum chronische Langzeit-Nutzer keine Schwierigkeiten zu haben scheinen, trotz der Veränderungen des Gehirns. Allerdings hatten sie einen niedrigeren IQ im Unterschied zur Vergleichsgruppe. Sie hatten weniger graue Substanz, die mit Intelligenz in Verbindung gebracht wird. Bekannt ist, dass das menschliche Gehirn auf die psychoaktiv wirksamste Substanz, Tetrahydrocannabinol, kurz THC, reagiert.  So sorgt Cannabis etwa für Wahrnehmungs- und Bewusstseinsstörungen, für einen gesteigerten Appetit, Gedächtnisstörungen und Koordinationsschwierigkeiten. Cannabis ist der Überbegriff für die Hanfprodukte Haschisch und Marihuana. Rund 400 unterschiedliche chemische Substanzen sind in der Pflanze enthalten, die psychoaktiv wirksamste ist THC. Die höchste THC-Konzentration befindet sich im Harz der weiblichen Blütenstände. Haschisch besteht aus dem Harz der Blütenstände der Cannabis-Pflanze, während Marihuana ("Gras") aus einem Gemisch aus zerriebenen Blättern, Blüten und Stengelstücken der Hanfpflanze besteht. Neben einer Veränderung des Zeitempfindens werden vor allem Gefühlszustände und Sinneseindrücke verstärkt. Über den Hirnstamm wird bei Marihuana-Konsum ein Anstieg der Pulsfrequenz ausgelöst. Cannabis wirkt außerdem schmerzlindernd und muskelentspannend. Der Cannabiskonsum kann auch zu einem gesteigerten Wohlbefinden und Appetit, erhöhter Sensibilität, einer leichten Euphorie, zu Heiterkeit oder Entspannung und Halluzinationen führen. Die euphorische Phase hält etwa ein bis zwei Stunden an und klingt dann langsam ab. Obwohl die meisten Cannabis-Effekte nur wenige Stunden spürbar sind, befindet sich nach 20 Stunden noch immer die Hälfte des aufgenommen THC im Blut. Cannabis-Konsum hat auch negative Effekte - ganz so wie alle Drogen und Genussmittel sind diese dosisabhängig. Es kommt beispielsweise zu einem Anstieg von Herzschlag- und Pulsfrequenz sowie einer Rötung der Augen durch die Erweiterung der Blutgefäße. Die psychoaktiven Effekte von Cannabis hängen aber nicht nur von der Dosis, sondern auch vom Aufnahmeweg, den äußeren Gegebenheiten sowie der Erfahrung und Erwartung der Konsumenten ab und können dadurch recht unterschiedlich sein. In Österreich gehören Cannabis und Cannabis-Produkte laut Gesetz zu den illegalen Suchtmitteln. Besitz, Anbau und Handel damit sind verboten. Der Konsum wird hierzulande mit bis zu sechs Monaten Freiheitsentzug geahndet. Lediglich in der Medizin kommt der Wirkstoff THC legal zum Einsatz: Es ist ein Medikament erhältlich, das THC beinhaltet, die Abgabe wird über das Arzneimittelgesetz geregelt. Eingesetzt wird es insbesondere bei der Behandlung von Grünem Star sowie zur Unterdrückung des Brechreizes und zur Appetitanregung bei Krebs- und Aids-Patienten und in der Schmerztherapie. Schon in der traditionellen Medizin Asiens wurde Cannabis als Beruhigungs- und Betäubungsmittel verwendet. In Europa berichtete erstmals Marco Polo im 13. Jahrhundert von der Verwendung der Hanfpflanze als Droge. Gesundheitlich bedenklich ist Cannabis laut Studien vor allem für sehr junge Konsumenten. Das in seiner Entwicklung bis Ende der Pubertät noch nicht fertige Gehirn von Kindern reagiere offenbar - wie auch bei Alkohol - empfindlicher. Bei einem kleinen Teil der Konsumenten entwickelt sich im Laufe von Jahren eine Suchterkrankung, meist bei Menschen mit psychischen Grunderkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen. Machen sie die Erfahrung, dass Cannabis-Konsum ihnen Erleichterung verschafft, können sie in den fortgesetzten Konsum geraten. US-Behörden warnen immer wieder davor, wie schnell die grünen Knollen abhängig machen können. Etwa neun Prozent der Konsumenten sind  abhängig, schätzt das amerikanische Nationale Institut für Drogenmissbrauch. Jeder Sechste, der als Jugendlicher mit dem Kiffen anfängt, greife später regelmäßig zum Joint. Bei langfristigem, täglichen Gebrauch können Aktivitätsverminderung, Motivations- und Interessenverlust auftreten. Eine leichte Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses nach chronischem Cannabiskonsum kann noch sechs bis zwölf Wochen nach Konsumende beobachtet werden. Das Rauchen von Cannabis ist schädlicher als das Rauchen von Zigaretten. Bei beiden steigt die Anfälligkeit für Atemwegsbeschwerden wie Bronchitis, Luftröhren- und Lungenentzündung. Cannabisrauch wird aber in der Regel tiefer inhaliert und bleibt länger in der Lunge, weshalb davon ausgegangen wird, dass die Schädlichkeit eines Joints etwa drei bis fünf Zigaretten entspricht. Nie sollte Cannabis bei Herzbeschwerden oder Herzerkrankungen, bei Ängstlichkeit und psychischen Problemen konsumiert werden. Auch in der Schwangerschaft kann der Konsum schwere Folgen für das Ungeborene haben. THC gelangt über die Plazenta zum Fötus und über die Muttermilch zum Baby. Einige Studien - aber nicht alle - belegen, dass schwangere Frauen, die regelmäßig Cannabis konsumieren, Babys mit einem geringeren Geburtsgewicht und geringerer Körpergröße gebären. Auf Cannabiskonsum während Schwangerschaft und Stillzeit sollte daher verzichtet werden.

(kurier) Erstellt am
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